20.08.2010

Schweiz. Puppe am Kreuz

Seit einem Monat ist auf dem Dach der Berner Reitschule eine nackte Puppe ans Kreuz genagelt – ein provozierendes Objekt zu einem heiklen Zeitpunkt

Schweiz. Puppe am Kreuz

Seit einem Monat ist auf dem Dach der Berner Reitschule eine nackte Puppe ans Kreuz genagelt – ein provozierendes Objekt zu einem heiklen Zeitpunkt

 

Aufregung um Puppe am Kreuz

Von Christian Brönnimann

 Puppe auf der Reitschule: Wie weit darf Kunst gehen?

Der Anblick ist zumindest ungewohnt: Eine weisse Gipspuppe – ein nackter Frauenkörper – ist mit ausgestreckten Armen an ein Kreuz geschlagen. Der Kopf der Puppe ist feurig rot, um die Hüfte ist ein grosser, schwarzer Dildo gebunden. Über der Puppe ist nicht I.N.R.I (Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum) zu lesen, sondern A.C.I.D, eine der umgangssprachlichen Bezeichnung für die bewusstseinsverändernde Droge LSD. Installiert wurde die Puppe vor gut einem Monat auf dem Dach der Reitschule. Sie diente als Dekor für das grosse Antistadt-Fest auf dem Vorplatz vom 17. Juli.

In kirchlichen Kreisen ist das Sujet des eigenwilligen Kunstobjekts mehr als ungewohnt: «Die Puppe ist geschmacklos und plump. Und sie kann die religiösen Gefühle Einzelner verletzen», sagt Thomas Gehrig, Sprecher der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Für Karl Graf, Dekanatsleiter der Römisch-katholischen Kirche im Kanton Bern, ist die Grenze des Darstellbaren im öffentlichen Raum überschritten. «Der unsorgfältige Umgang mit einem christlichen Ursymbol ist verletzend», sagt er. Gleichzeitig müsse man aber beachten, wo sich die Puppe befinde. Sie sei wohl als Stück alternativer Kultur zu verstehen und in der Kunst sei viel erlaubt. Schliesslich ermöglichten Kunstwerke auch immer wieder einen neuen Blick auf die Religion. «Es ist aber ein grosser Unterschied, ob ein solches Objekt in einer Galerie oder an gut sichtbarer Stelle unter freiem Himmel zu sehen ist. Letzteres ist problematisch.»

«Denkanstoss, nicht Provokation»

Erschaffen wurde die Puppe von einer 27-jährigen Frau aus dem Umfeld der Antistadt-Organisatoren. «Das Objekt soll keine Provokation, sondern ein Denkanstoss sein», sagt Fabienne Hafner. «Auf den ersten Blick weiss man nicht, was man von der Puppe halten soll, das regt an.» Dass ihr Werk religiöse Gefühle verletze, könne sie verstehen, sagt Hafner. Beabsichtigt sei es nicht. Die Interpretation der Puppe am Kreuz sei offen. Sie könne zum Beispiel als Anspielung auf die patriarchalen Strukturen in Religion und Gesellschaft verstanden werden. «Die Puppe thematisiert die Frage, ob Gott überhaupt ein Geschlecht hat», erklärt Hafner. Der Hinweis auf die Droge LSD deute unter anderem an, dass eine subjektive Wahrnehmung möglicherweise nie absolut sei, und stelle infrage, dass die Dinge wirklich so seien, wie wir sie erkennen.

Dass die Reitschule so kurz vor der Abstimmung über ihren Verkauf eine Plattform für das eigenwillige Kunstobjekt bietet, betrachten die Reitschülerinnen und -schüler nicht als Problem. Die Mediengruppe schreibt auf Anfrage: «Die Reitschule war schon immer ein Ort für gesellschaftskritische Kunstobjekte. Und das soll auch so bleiben.» Dass sich die Reitschule zum jetzigen Zeitpunkt damit ins eigene Fleisch schneidet, glaubt die Mediengruppe nicht: «Da für gewisse Kreise schon nur die schiere Existenz der Reitschule und deren Betreiberinnen und Gäste eine Provokation zu sein scheint, erübrigt sich diese Frage.» Dennoch sei geplant, die ans Kreuz geschlagene Puppe nach über einem Monat noch «in diesen Tagen» vom Dach zu entfernen. Laut einer Insiderin gefällt das Objekt auch innerhalb des Reitschule-Kollektivs längst nicht allen.

Die Sicht der Kunsthistorikerin

«Aus heutiger, westlicher Sicht ist unbestritten, dass Kunst religiöse Symbole so thematisieren darf», sagt Eva Kernbauer, Kunsthistorikerin an der Universität Bern. Persönlich müsse aber jedermann selber entscheiden, wo die Grenze sei. Und was im öffentlichen Raum toleriert werde, sei eine politische Frage. Die Puppe am Kreuz spiele gekonnt «das kleine ABC der Provokation» durch, sagt Kernbauer – Religion, Drogen, Sexualität. Kunstwerke mit ähnlichen Darstellungen seien weitverbreitet. «Die Religion beansprucht selber sehr viel Platz in der Öffentlichkeit. Da erstaunt es nicht, dass sie zum Angriffsziel wird.» Bekannt ist beispielsweise der Fall Kippenberger. Nach heftigen Protesten musste im Mai 2008 ein an ein Kreuz geschlagener Frosch des Künstlers Martin Kippenberger aus einer Ausstellung im Bozener Museion entfernt werden. (Der Bund)

bazonline.ch/kultur/kunst/Aufregung-um-Puppe-am-Kreuz/story/15198063