26.08.2010
Irak: Christ sein trotz Gewalt und Diskriminierung
Fritz Schroth schildert die Eindrücke seiner Reise mit einer Delegation der EKD in den Nordirak
Irak: Christ sein trotz Gewalt und Diskriminierung
Fritz Schroth schildert die Eindrücke seiner Reise mit einer Delegation der EKD in den Nordirak
„Vor der weltweiten Verfolgung und Bedrängnis der Christen dürfen wir die Augen nicht verschließen“ fordert Fritz Schroth. Beim Besuch des türkischen Pastors Ertan Cevik in der Christlichen Tagungsstätte Hohe Rhön schilderte Schroth Eindrücke von einer Reise, die er im Juli als Mitglied der Landessynode der evangelischen Kirche in Bayern und als Vorsitzender des ständigen Ausschusses Weltmission und Ökumene in den Nordirak unternommen hatte. Der Delegation gehörten hochrangige Mitglieder der EKD aus Deutschland und der Schweiz an. Unter anderem wurden im Nordirak altorientalische Kirchen besucht. Laut Schroth wollte man mit dem Besuch den Gläubigen vor Ort deutlich machen, „dass sie als bedrängte Christen nicht vergessen sind“.
Etwa 1,5 Millionen Christen lebten vor dem Krieg im Irak. Eine Million davon haben den Irak seither verlassen. Vier Millionen Iraker sind auf der Flucht. „Seit 30 Jahren beherrscht der Krieg dieses Land mit unvorstellbaren Gewalt“ sagt Schroth. „Unser Problem ist, dass wir mit der Nachrichtenflut der Katastrophen abgestumpft sind in unserem Empfinden“. Christen seien heute eine religiöse Minderheit im Irak. Neben der Bedrohung durch den radikalen Islam komme als zweiter Faktor der Neid als Bedrohung dazu, denn Christen seien die am besten ausgebildete Bevölkerungsschicht im Land.
Zielscheibe der Gewalt: So seien sie zur Zielscheibe der Gewalt, der Bedrängung und oft genug der Verfolgung geworden. Die Sicherheitslage sei das größte Problem jeder weiterer Entwicklung. „Jeder Ort in Kurdistan, durch den wir kamen, war wie eine kleine Festung“. Die Delegation landete in Arbil, der Hauptstadt der autonomen Region Kurdistans, wo ein Besuch beim deutschen Generalkonsul auf dem Programm stand. Anschließend ging die Fahrt weiter in die Provinz Dohuk. Dort, am Rande der Ninive-Ebene, haben sich Zehntausende bedrängter Christen aus Bagdad und Mosul niedergelassen. „Seit einigen Jahren werden sie aus Deutschland mit bescheidenen, aber Mut machenden Projekten unterstützt“ informiert Schroth. Dazu gehören Hilfen zur Ansiedlung nach der Flucht innerhalb des Irak, sowie die Mithilfe beim Bau von Kirchen als Orte der Gemeinschaft, in denen sie Gottesdienste feiern können.
Die Kurdische Regionalregierung habe in ihrer Verfassung kulturelle und administrative Rechte den Minderheiten, wie den altorientalischen Kirchen, eingeräumt. „Darum haben die Christen seit 2005 in diesem Gebiet eine Möglichkeit des Überlebens“. Das Leben habe mit der Freizügigkeit, wie wir sie kennen, allerdings nichts gemein. Sie führen ein Leben im Getto ihrer Dörfer, da die instabile Lage im Gesamtirak auch in Kurdistan allgegenwärtig sei. „Die Haltung der Muslime ist zweideutig“, erklärt Schroth. „Auf der einen Seite sagten uns die Imame, dass ihr größter Feind der radikale Islamismus sei, dann aber gaben sei bei der Verabschiedung der einzigen Frau unserer Delegation nicht die Hand und scheuten sich auf dem Foto neben ihr zu stehen“. Zur Lage der Christen im Land habe ein Bischof der Delegation gesagt: „Wir haben Bekenntnisfreiheit, aber keine Religionsfreiheit“.
In Hawresk, einem inzwischen wieder aufgebauten armenischen Dorf in der Nähe der türkischen Grenze, war die Abordnung bei der Grundsteinlegung der Kirche mit dabei. Das Dorf ist 1915 entstanden und wurde 1961 durch Saddam Husseins Truppen, der damals Militärbefehlshaber im Norden war, bombardiert. Die Einwohner wurden durch das erklärte Ziel der Arabisierung des Nordiraks vertrieben, mussten fliehen und sich in anderen Teilen des Irak niederlassen. Nach der Rede des Papstes in Regensburg sei eine Welle der Gewalt über die Christen in islamischen Ländern hereingebrochen. Sie seien gezwungen gewesen zu fliehen, kehrten zurück in ihr früheres Dorf Hawresk, wohnen nun in den Ruinen der alten Schule und beginnen mit dem Aufbau.
Feldfrüchte und Bodenschätze: Einem drängenden Wunsch entsprechend halfen die bayerische und württembergische Landeskirche beim Bau ihrer Kirche mit. Ob die Gemeinde dort auf lange Zeit ihre Gottesdienste feiern könne, werde von Erzbischof Assadorian bezweifelt. Dabei seien die äußeren Voraussetzungen gut, stellt Schroth fest. „Es ist ein reiches Land, mit fruchtbarem Boden“. Er habe hier „Weizen in Hülle und Fülle gesehen“ berichtet Schroth. „Die Silos kamen mit der Aufnahme nicht nach, darum musste der Weizen hälftig auf den Teerstraßen deponiert werden und das kilometerlang. Dazu komme Reichtum nicht nur an Öl und Erdgas, sondern durch Euphrat und Tigris auch an Wasser. Trotz der unsicheren politischen Lage sei das autonome Kurdistan heute eine Zuflucht für Christen. „Unser Besuch hatte auf jeden Fall eine stärkende Wirkung auf die Situation der altorientalischen Kirchen im Norden Iraks“ ist Schroth überzeugt. „Indem die dortigen Kirchen von außen durch Besuche wahrgenommen werden, erfahren sie eine Stärkung nach innen, im eigenen Land“.
Der Besuch der westlichen Kirchendelegation habe eine öffentliche Aufmerksamkeit gefunden. Ein Fernsehteam habe sie während ihres Aufenthalts begleitet. In Halabja, dem Ort des Giftgasangriffs Saddam Husseins, hätten sechs Fernsehteams über den Gottesdienst beim Mahnmal berichtet. „Die gesamte kurdische Gemeinde wusste weltweit über unseren Besuch und unser Anliegen. Unser Besuch war zugleich eine Stärkung der altorientalischen Kirchen gegenüber den derzeit politisch Handelnden in Kurdistan“. Immer wieder sei die Reisegruppe von Christen mit dem Wunsch konfrontiert worden: „Vergesst uns nicht! Helft uns! Betet für uns“
Quelle: koptisch.wordpress.com