29.07.2010
Indonesien: Religiöse Minderheiten in Indonesien
Für ein Ende der Intoleranz
Pressespiegel
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Qantara.de, 29.7.10
Die jüngsten Ausbrüche religiös motivierter Gewalt in Indonesien haben
verschiedene Ursachen, so der Journalist Luther Kembaren. In seinem
Beitrag ruft er alle gesellschaftlichen Akteure - einschließlich der
Regierung - dazu auf, endlich die multikonfessionelle Verfasstheit des
Landes anzuerkennen.
Zu Beginn des Jahres 2010 waren die religiösen Minderheiten
Indonesiens mehrfach gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. Am 3. Januar
brannten Mitglieder einer radikalen Gruppierung die Filadelfia-Kirche,
ein Gotteshaus der protestantischen Batak-Christen in Bekasi in
Westjava, nieder. In einem anderen Fall erzwangen extremistische
Gruppierungen, darunter die Islamische Verteidigungsfront (FPI) und die
Taliban-Brigade, gewaltsam die Schließung einer Moschee sowie eines
Gemeindezentrums einer indonesischen Ahmadiyyah-Gemeinde.
Am auffälligsten agiert die FPI in den Außenbezirken Jakartas, wo sie
Amtspersonen durch die Androhung von Angriffen oder die Störung des
öffentlichen Friedens dazu zwingt, eine konservative Auslegung des
islamischen Rechts umzusetzen. Diese Art der Aggression untergräbt die
natürliche Toleranz, die zwischen den religiösen Gruppen Indonesiens bis
vor wenigen Jahrzehnten geherrscht hatte.
Ursachen der Intoleranz
Jeirry Sumampow, Generalsekretär der Indonesischen Christlichen Partei,
ist der Auffassung, dass drei grundlegende Probleme zu dieser Zunahme
der religiös motivierten Gewalt geführt haben.
Erstens hängt interreligiöse Gewalt häufig mit politischen Faktoren
zusammen. Gewisse Gruppen verschärfen religiöse und ethnische
Unterschiede, um in Lokalwahlen größere Unterstützung zu erzielen. Dabei
üben Sie Druck auf die Wähler aus, ihre Stimme gemäß der religiösen oder
ethnischen Zugehörigkeit abzugeben.
Zweitens hat die Zuwanderung von Menschen aus den Dörfern in
die Städte zu einer höheren Arbeitslosigkeit im städtischen Raum
geführt. Diejenigen, die aus den ländlichen Gebieten in die Städte
kommen, verfügen in der Regel über eine schlechtere Bildung und haben
somit größere Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden. Die daraus
resultierende wirtschaftliche Kluft und der Neid gegenüber den Reichen
haben zu einer Änderung der allgemeinen Stimmungslage geführt und
bestimmten religiösen Gruppen Aufwind verschafft, die den Armen
wirtschaftliche Unterstützung versprechen.
Stillschweigend wird als Gegenleistung für diesen Beistand natürlich
erwartet, dass die Ansichten der Wohltäter geteilt werden, was häufig zu
einer Ausgrenzung anderer Religionen führt. So stehen den Bemühungen,
einen starken Sinn für die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Religionen
zu entwickeln nicht nur theologische, sondern auch sozioökonomische
Hürden im Wege.
Theologischer Hochmut
Und drittens verfolgen einige Gruppen eine chauvinistische Auffassung
von Religion: Sie behaupten, dass ihr Glaube über dem anderer stehe.
Solche Ansichten können zu Gewalt innerhalb der religiösen Gruppierung
führen, wenn einige Glaubensanhänger andere angreifen, da sie als
Abweichler vom "wahren" Islam gesehen werden.
Obwohl bereits einige Gruppen auf lokaler Ebene hart daran arbeiten,
Spannungen zwischen den Glaubensrichtungen abzubauen und interreligiöse
Gewalt zu verhindern, müssen die Menschen in Indonesien mehr tun.
Das Wahid-Institut ist eine Organisation, die für eine
moderate und tolerante Auffassung des Islams steht und sich für das Wohl
aller Indonesier einsetzt. Gemeinsam mit dem 'Zentrum gegen Ausgrenzung'
(CMAR) verleiht sie religiösen Minderheiten eine Stimme, steht mit ihnen
auf nationaler Ebene im Dialog und organisiert gemeinsam Kampagnen gegen
die religiöse Diskriminierung. Diese Kampagnen ermöglichen Minderheiten,
ihre Standpunkte als "potenzielle Opfer" einer breiteren Bevölkerung zu
vermitteln. Und gleichzeitig helfen das Wahid-Institut und das CMAR
dabei, Fragen religiöser Gewalt auf dem Land anzugehen, indem sie
ausgegrenzte Gruppen aufnehmen und sie so davon abhalten, in den
Extremismus abzugleiten.
Gegenseitiger Respekt religiöser Gruppen
Ungeachtet der oben erwähnten sozialen, politischen und wirtschaftlichen
Herausforderungen ist der Geschäftsführer des Wahid-Instituts, Ahmad
Suaedy, davon überzeugt, dass sich zurzeit ein positiver sozialer Wandel
in der indonesischen Gesellschaft vollzieht, der durchaus nachhaltige
Wirkung haben könnte. Er argumentiert jedoch, dass die "religiösen
Gemeinschaften in Indonesien ein neues System oder einen neuen
Mechanismus benötigen, mit dem die in der Gemeinschaft auftretenden
sozialen Probleme bewältigt werden können."
Eine kontinuierliche Werbung für Frieden und Toleranz zwischen den
Religionsgruppen - auch in den Medien - ist dringend notwendig. Dazu
gehört, dass neue Initiativen besondere Beachtung finden, nämlich
solche, die zu einer Änderung der Einstellungen führen, hin zu
gegenseitigem Respekt zwischen Religionsanhängern - unabhängig vom Glauben.
Die indonesische Regierung muss ihrer Rolle ebenfalls gerecht werden.
Die Einsetzung einer nationalen Kommission - in der die verschiedenen
religiösen Gruppierungen Indonesiens repräsentativ vertreten sind -
würde das Bewusstsein Indonesiens als einer multireligiösen Gesellschaft
stärken und darüber hinaus Erkenntnisse bezüglich religiös motivierter
Konflikte fördern.
Im Hinblick auf eine politische und soziale Stärkung religiöser und
ethnischer Minderheiten würde es die Arbeit der Kommission ermöglichen,
fundierte und nachhaltige politische Empfehlungen an die Regierung
auszusprechen. Die Empfehlungen der Kommission könnten auch auf lokaler
Ebene zur Anwendung kommen.
Ohne entschiedene Schritte hin zur Bildung einer pluralistischen
Gesellschaft, in der niemand ausgeschlossen ist, wird die Gewalt gegen
religiöse Minderheiten weiter dazu führen, dass die Vielfalt, die
Indonesien geformt und bereichert hat, zerstört wird. Religiöse
Organisationen, die Medien und die Regierung müssen zusammenarbeiten,
damit Frieden und Toleranz in Indonesien zu den Grundfeilern eines
pluralistischen Gesellschaftsmodells werden.
Luther Kembaren
© Common Ground News/Qantara.de 2010
Luther Kembaren arbeitet als Journalist für die Tageszeitung 'Jurnal
Nasional' und war Teilnehmer des Trainings für interkulturelle
Berichterstattung, das von der 'UN Alliance of Civilizations' and
'Search for Common Ground' im Januar 2010 in Jakarta organisiert wurde.
Übersetzung aus dem Englischen: Mirjana Rimac
Redakteur: Lewis Gropp/Qantara.de
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