29.03.2010
Ägypten: Christliche Exilägypter formulieren Forderungskatalog
"Weitreichende Politik gezielter Diskriminierung zur Entwurzelung der Kopten" Von Michaela Koller
Ägypten: Christliche Exilägypter formulieren Forderungskatalog
"Weitreichende Politik gezielter Diskriminierung zur Entwurzelung der Kopten"
Von Michaela Koller
BONN, 29. März 2010 (ZENIT.org).- Organisationen christlicher Ägypter im Exil haben am Samstag in Bonn im Rahmen der Jahrestagung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) ein Ende der Diskriminierung und sofortige Gleichstellung aller Glaubensgemeinschaften in Ägypten gefordert. Vertreter der Kopten, der ägyptischen Christen, aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich und den USA wollen demnach eine einheitliche rechtliche Regelung für die Errichtung religiöser Kultstätten erreichen.
Lange Zeit durften selbst Sanitäranlagen in christlichen Gemeindezentren nicht ohne Genehmigung des Staatspräsidenten ausgebessert werden. Inzwischen fällt die Entscheidung darüber in den Kompetenzbereich des jeweiligen Gouverneurs, die aber oft lange auf sich warten lässt. So manche baufällige Anlage ist zwischen Antrag und Genehmigung zusammengebrochen.
Christen sehen sich zudem in der Armee und im übrigen Staatsdienst systematisch unterrepräsentiert und bei der Beförderung übergangen, weshalb sie ein Ende der Diskriminierung im Berufsleben fordern. Ein Dekret vom Oktober 1990 bestimmt, dass nur vier von 209 Staatsanwaltsposten für Christen vorgesehen sind und nur vier von 255 Gerichtsassistenten Christen sein dürfen.
Der Präsident der Vereinigung „United Kingdom Copts", Helmy Girgis aus London, beklagte in seinem Vortrag die schwache Repräsentanz der Christen auf führenden Universitätsposten, obwohl seine Glaubensbrüder einen Anteil von rund zehn Prozent an der Bevölkerung stellen. „Eine detaillierte Untersuchung veröffentlichter Akten brachte ans Tageslicht, dass in 274 Fakultäten der 17 öffentlichen Universitäten Ägypten, nur einer ein Kopte als Dekan vorsteht, die kleine Fakultät für Archäologie der Fayum-Universität."
Auch unter den Institutsleitungen seien Kopten stark unterrepräsentiert, sowie jeweils auf den Ebenen der Lehrstuhlinhaber, Lehrbeauftragten und wissenschaftlichen Assistenten. Helmy Girgis meint, diese Entwicklung könne nicht allein der „wuchernden und zersetzenden Kultur des Fanatismus in Ägyptens Elite" zugeschrieben werden. Vielmehr komme dies ihm wie eine weitreichende Politik gezielter Diskriminierung vor, deren Ziel „die nahezu vollständige Entwurzelung der Kopten aus der staatlichen Hochschulbildung" sei. Bildungspolitiker finden in jedem Fall dazu die Rechtfertigung im Koran. Im fünften Vers der 51. Sure heißt es: „Nehmet nicht die Juden und die Christen als Vorgesetzte an."
Girgis und seine Mitstreiter fordern nicht nur ein Ende dieser Politik, sondern auch die Anwendung des islamischen Scharia-Rechts auf Kopten im Familienrecht einzustellen. Seit den achtziger Jahren ist das islamische Recht laut Verfassung Hauptquelle für den Gesetzgeber. Die Kopten möchten darüber hinaus eine gewählte Vertretung im Parlament erreichen, die ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung zumindest nahe kommt. Bisher werden die vier christlichen Vertreter unter 440 Parlamentariern nur vom Präsidenten ernannt, was die christliche Opposition marginalisiert.
Die Christen streben zudem eine Änderung der Schulbuchinhalte an, die, so ihre Befürchtung, den Fanatismus fördern. Einen Teilsieg haben sie in der Vergangenheit schon errungen: Immerhin werden den Schülerinnen und Schülern nicht mehr im Geschichtsunterricht die sechs christlichen Jahrhunderte vor der arabisch-muslimischen Eroberung ab dem Jahr 640 n. Chr. vorenthalten.
Von einem letzten Punkt ihres Forderungskatalogs erhoffen sich die Kopten, die Erfüllung möge Grundlage weitgehender Erleichterungen für alle religiösen Minderheiten des Landes am Nil werden. Es ist dies die Trennung von Din wa Daula, von Religion und Staat, die einen säkularen Staat begründen soll.