02.04.2011
Afghanistan: Proteste gegen Koranverbrennung führen zu Gewaltorgien
Mindestens 16 Tote in Masar-i-Scharif und Kandahar
Afghanistan: Proteste gegen Koranverbrennung führen zu Gewaltorgien
Mindestens 16 Tote in Masar-i-Scharif und Kandahar
Masar-i-Scharif/Kandahar/Bonn (idea) – Gewaltsame Proteste gegen die Koran-Verbrennung des US-amerikanischen Pastors Terry Jones (Gainesville/US-Bundesstaat Florida) haben in Afghanistan mindestens 16 Menschenleben gefordert. In Kandahar wurden dabei am 2. April mindestens fünf Menschen getötet, weitere 46 verletzt. Einen Tag zuvor hatten tausende Demonstranten nach den Freitagsgebeten das Büro der Vereinten Nationen im afghanischen Masar-i-Scharif gestürmt. Medienberichten zufolge töteten sie mindestens elf Menschen, darunter sieben Uno-Mitarbeiter. Erste Berichte, wonach mehrere Ausländer von dem wütenden Mob enthauptet worden seien, wurden später nicht bestätigt. Der gewaltsame Angriff ist einer der schwersten auf die Uno in Afghanistan seit dem Sturz des Taliban-Regimes. Wie Augenzeugen berichteten, begannen die Proteste nach den Freitagsgebeten, in denen Prediger gegen die Koran-Verbrennung in den USA gehetzt und die Menge aufgestachelt hatten.
Anschließend seien rund 2.000 Menschen durch die Straßen der Stadt gezogen und hätten Parolen gegen die USA und gegen die in Afghanistan engagierte Uno skandiert. Vor dem Uno-Gebäude sei die Situation dann eskaliert nachdem Schüsse fielen. Augenzeugen berichten, die gewaltbereiten Demonstranten hätten auf dem Gelände regelrecht Jagd auf Uno-Mitarbeiter gemacht. Die Polizei konnte die Gewalt-Orgie erst nach Stunden beenden. US-Präsident Barack Obama verurteilte die Ausschreitungen scharf und sprach den Angehörigen der Todesopfer sein Beileid aus. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) äußerte sich während seiner China-Reise „tief entsetzt“: „Wir trauern um die Toten und unsere Gedanken sind bei ihren Angehörigen.“
Schauprozess gegen den Koran
Hintergrund der Proteste war eine Koran-Verbrennung durch den umstrittenen amerikanischen Pastor Terry. Er hatte am 20. März in dem vom ihm geleiteten „Dove World Outreach Center“ in Gainesville im Bundesstaat Florida einen Prozess gegen den Koran initiiert. Dabei war das heilige Buch der Muslime für schuldig befunden worden, zu Mord und Vergewaltigung aufzurufen und somit Millionen Verbrechen ausgelöst zu haben. Jones’ Amtskollege Wayne Sapp vollzog die „Strafe“ und zündete ein Exemplar des Buches an. Die Aktion wurde im Internet übertragen. Bilder des brennenden Korans sind auf der Homepage der Gemeinde zu sehen. Der 58-jährige Jones hatte bereits im vorigen Jahr angekündigt, am 11. September – dem neunten Jahrestag der Terroranschläge auf das New Yorker Welthandelszentrum – Koran- Exemplare vor seiner Kirche zu verbrennen. Einen Tag vor der geplanten Aktion ließ er sich aufgrund der weltweiten Proteste umstimmen.
Weltweite Evangelische Allianz verurteilt Koranverbrennung und muslimische Gewalt
Die Weltweite Evangelische Allianz hat sowohl die Verbrennung des Koran, als auch die Morde in Afghanistan aufs Schärfste verurteilt. Wie Generalsekretär Geoff Tunnicliffe mitteilte, könne eine verabscheuungswürdige Tat, die mit dem christlichen Glauben nichts zu tun habe, niemals eine noch verabscheuungswürdigere Tat rechtfertigen. Tunnicliffe sprach den Angehörigen der UN-Mitarbeiter sein tiefes Beileid aus und forderte muslimische Leiter weltweit auf, gewaltbereite Menschen zu beruhigen und deutlich zu machen, dass die Koranverbrennung von allen christlichen Kirchen verurteilt worden wäre. Der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, Prof. Thomas Schirrmacher (Bonn), erklärte, die Koranverbrennung sei gegen den Willen Jesu geschehen, der seinen Jüngern sowohl das Schwert gegen andere untersagt habe, als auch den Ruf nach Feuer vom Himmel. Er warf Jones vor, bewusst zu provozieren und zu „zündeln“. Bisher habe der Pastor weder den Gott der Liebe noch Jesus weltweit bekannt gemacht, sondern nur sich selbst. Jones verquicke gegenüber dem Islam die Aufgabe der Kirche und die Aufgabe des Staates bis zur Unkenntlichkeit miteinander. Am Ende gestehe er aber weder der Kirche noch dem Staat irgendeinen Platz zu, sondern nehme das Heft des Handelns an Stelle der vermeintlich zufreundlichen Kirche und des zu laschen Staates selbst in die Hand. Der islamistische Gedanke, dass der Einzelne Gewalt üben und den Islam durchsetzen darf, wo der Staat und die Gemeinschaft das nicht tun, finde hier seine Entsprechung „im pseudochristlichen Gewand“, so Schirrmacher. Natürlich sei es falsch, dass Muslime auf solche Provokationen mit Gewalt reagieren. Aber wer derart überzogen provoziere, bewusst Gewalt schüre und dabei selbst kriegerische Sprache benutze, „ist für die anschließende Gewalt zumindest mit verantwortlich“.