13.04.2011
Afrika-Flüchtlinge: „Europa hat eine Fürsorgepflicht“
Kirchenvertreter zum Flüchtlingsstrom aus dem Norden Afrikas
Afrika-Flüchtlinge: „Europa hat eine Fürsorgepflicht“
Kirchenvertreter zum Flüchtlingsstrom aus dem Norden Afrikas
Rom/Darmstadt (idea) – Der Flüchtlingsstrom aus Nordafrika auf die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa reißt nicht ab. Fast 30.000 Menschen sind dort seit Januar auf der Flucht vor Armut, dem Krieg in Libyen oder Verfolgung angekommen. Immer wieder kommt es vor, dass überfüllte Boote kentern und Flüchtlinge ertrinken. Doch die Europäische Union (EU) kann sich nicht einigen, was mit den Asylsuchenden geschehen soll. Die meisten EU-Länder lehnen eine Aufnahme der Betroffenen ab und sehen Italien in der Pflicht. Deutschland hat sich lediglich dazu bereit erklärt, 100 der knapp 1.000 nordafrikanischen Flüchtlinge aufzunehmen, die auf der Mittelmeerinsel Malta gelandet sind. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) lehnt eine Aufnahme von Flüchtlingen ab, die auf Lampedusa angekommen sind. Italien sei ein großes Land und die Zahl der Flüchtlinge im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung kein Problem. Wie beurteilen evangelische Kirchenvertreter das Thema? Für eine differenzierte Sicht plädiert der Vorsitzende der Kammer für Migration und Integration der EKD, der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung (Darmstadt). Bei den Flüchtlingen, die auf Lampedusa ankommen, müsse man unterscheiden: „Manche kommen, weil sie sich in Europa ein besseres Leben versprechen. Diese Wünsche sind menschlich verständlich, können und müssen aber von Europa nicht alle erfüllt werden.“ Andere seien geflüchtet, weil sie in ihrer Heimat verfolgt werden. „Für sie hat Europa aus humanitären und rechtlichen Gründen eine Fürsorgepflicht, die es erfüllen muss“, erklärte Jung auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea.
Kirchenpräsident Jung: Europäische Lösung finden
Der Schutz von Flüchtlingen sei „ein starkes biblisches Motiv“. Jung zufolge muss auf Dauer eine europäische Lösung gefunden werden. Dies könne aber nicht so geschehen, „wie es Italien derzeit betreibt“, so der Kirchenpräsident zur Ankündigung der dortigen Regierung, Flüchtlingen befristete Visa zu erteilen, damit sie in andere EU-Staaten weiterreisen. Laut Jung muss berücksichtigt werden, „dass Italien derzeit hohe EU-Summen für seine Zuständigkeit an der Außengrenze der EU erhält und es in jüngster Zeit viel weniger Flüchtlinge als zum Beispiel Deutschland aufgenommen hat“. Der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider (Düsseldorf), hält den EU-Streit um die Flüchtlinge für beschämend. „Da entsteht der Eindruck eines Schwarzer-Peter-Spiels“, sagte er der Zeitung „Passauer Neue Presse“. Er fordert ein abgestimmtes europäisches Einwanderungsprogramm.
Evangelikale leisten Hilfe
Zu den Organisationen, die den Flüchtlingen helfen, gehört die Italienische Evangelische Allianz. Gruppen von Freiwilligen engagieren sich auf Lampedusa und in anderen Notunterkünften auf dem Festland. Sie verteilen Decken, Kleidung, Schuhe und Artikel des täglichen Bedarfs. Dabei arbeiten die Evangelikalen mit den örtlichen Behörden und Kirchen zusammen. Nach Angaben der Allianz ist es den Helfern auch erlaubt, Neue Testamente in verschiedenen Sprachen zu verteilen. Die Reaktionen auf die Unterstützung seien „sehr anerkennend und ermutigend“. Auch der Film „Jesus“ des Missionswerks „Campus für Christus“ sei an verschiedenen Orten in arabischer Sprache gezeigt worden. „Es gibt viele Möglichkeiten, um Gottes Liebe zu bezeugen und seine Barmherzigkeit für Menschen zu zeigen, die nach Hoffnung suchen“, so die italienische Allianz in einer Mitteilung. Sie repräsentiert rund 65 evangelikale Gemeinden mit etwa 2.000 Mitgliedern. Etwa 80 Prozent der 60 Millionen Einwohner Italiens sind katholisch und 0,5 Prozent evangelisch. 16 Prozent sind konfessionslos, und 3,5 Prozent gehören anderen Kirchen bzw. Religionen an.