12.08.2011

Afghanistan: Vor 10 Jahren inhaftiert

„Am schlimmsten waren die Schreie“ Bericht von idea-Redakteur Matthias Pankau

Afghanistan: Vor 10 Jahren inhaftiert

„Am schlimmsten waren die Schreie“

Bericht von idea-Redakteur Matthias Pankau

Vor zehn Jahren wurden 24 Entwicklungshelfer in Afghanistan inhaftiert

Ihre Bilder gingen um die Welt: 24 Mitarbeiter – darunter vier deutsche – der christlichen Hilfsorganisation „Shelter Now“ (Zuflucht jetzt) wurden am 3. August 2001 in Afghanistan vom radikal-islamischen Taliban-Regime inhaftiert. 102 Tage verbrachten sie unter katastrophalen Bedingungen in Haft, bis sie im November von US-Truppen befreit wurden. idea-Redakteur Matthias Pankau rekonstruiert die Geschehnisse von damals und erzählt, was aus den Entwicklungshelfern geworden ist.

Liebevoll deckt Margrit Stebner den Tisch in der deutschen Zentrale von Shelter Now in Braunschweig. Es gibt gebackene Auberginen mit Joghurt, Hühnchenfleisch, Kabuli Palau (Reis), Obst und etwas Süßes zum Dessert – typisch afghanische Gerichte. Denn die 53-Jährige liebt das Land am Hindukusch nach wie vor. Und das, obwohl sie dort die wohl schlimmsten 15 Wochen ihres Lebens verbrachte. Vor zehn Jahren wurde die Bürokauffrau mit 23 anderen Shelter-Now-Mitarbeitern – darunter neben drei weiteren Deutschen auch zwei Amerikaner und zwei Australier – von den islamistischen Taliban verhaftet.

Jesus-Film als Grund für die Gefangennahme

Was war geschehen? Es ist der Abend des 3. August 2001. Auf intensives Drängen einer afghanischen Familie zeigen zwei Mitarbeiter der Hilfsorganisation im Haus der Familie einen Dokumentarfilm über das Leben Jesu. Als die beiden mit einem Taxi zurück in ihr Büro fahren wollen, werden sie von mehreren mit Kalaschnikows bewaffneten „Religionswächtern“ der Taliban festgenommen. Der Vorwurf: Die beiden hätten gegen das geltende Missionsverbot verstoßen. Zwei Tage darauf werden weitere 22 Mitarbeiter von Shelter Now verhaftet.

Udo Stolte (Braunschweig), Geschäftsführer des deutschen Zweiges von Shelter Now, ist damals gerade auf dem Weg von Afghanistan zurück nach Deutschland. Die bedrückenden Nachrichten erreichen ihn unterwegs. Im Rückblick hat er den Verdacht, dass es sich bei dem Wunsch der Familie, den Jesus-Film zu sehen, um eine Falle gehandelt haben könnte. Die beiden Festgenommenen kommen noch in derselben Nacht ins Gefängnis. „Die ersten sechs Wochen waren wir in einem ‚Umerziehungslager’ untergebracht“, erzählt Margrit Stebner. Die Frauen aus der Gruppe sind zusammen mit etwa 30 afghanischen Mädchen eingesperrt. Viele von ihnen sind fast noch Kinder: „Ein Mädchen war gerade zwölf Jahre alt. Sie war von ihren Eltern mit elf Jahren mit einem viel älteren Mann verheiratet worden. Er hatte sie mehrfach schwer misshandelt, so dass sie weggelaufen war.“ Die Taliban hatte sie aufgespürt und ins Gefängnis gesteckt. Zwar werden die Entwicklungshelfer nicht körperlich misshandelt, doch sie müssen miterleben, wie ihre Mitgefangenen tagtäglich Gewalt ausgesetzt sind. „Am schlimmsten waren die Schreie“, erinnert sich Stebner.

„Wir waren lebende Schutzschilde“

Am 4. September beginnt der Prozess nach dem islamischen Religionsgesetz, der Scharia. Wie der ebenfalls inhaftierte Projektleiter von Shelter Now in Afghanistan, Georg Taubmann, von Gefängniswärtern erfährt, hat aber der oberste Richter in einer Moschee bereits vor Prozessbeginn von der bevorstehenden Todesstrafe gesprochen. Doch die Terroranschläge des 11. September 2001 mit rund 3.000 Toten ändern die Situation schlagartig. Als Reaktion darauf marschieren die USA in Afghanistan ein, wo sie den Anführer des Terrornetzwerks El Kaida, Osama bin Laden, vermuten; er soll für die Anschläge verantwortlich sein. Wegen der Luftangriffe auf Kabul werden die Gefangenen in ein Gebäude des Geheimdienstes mitten in der Stadt verlegt. „Die El-Kaida- und Taliban-Führer trafen sich immer in diesem Gebäude. Sie fühlten sich dort sicher, weil sie wussten, dass die Amerikaner unseren Aufenthaltsort kannten“, berichtet Stebner. „Wir waren lebende Schutzschilde und dienten ihnen als Garantie, dass dieses Gebäude nicht bombardiert wird.“ Während sie draußen die Explosionen von Bomben und Raketen hören, singen und beten die Inhaftierten drinnen.

Gefangen in der ehemaligen DDR-Botschaft

Mehrere Male werden sie von den Taliban-Kämpfern an neue Orte gebracht. Die letzten Wochen verbringen sie in einem größtenteils unterirdischen Gefängnis. „Es war wie im finstersten Mittelalter“, erzählt Taubmann später. In dem Gefängnis dämmern Menschen ihrer Hinrichtung entgegen oder einer Verstümmelung, etwa dem Abhacken einer Hand, was die Scharia für Vergehen wie Diebstahl vorsieht. Viele von ihnen sind mit Fußketten gefesselt. Erst später erfahren die Inhaftierten, dass sie auf dem Gelände der ehemaligen DDR-Botschaft in Afghanistan untergebracht waren.

„Ihr seid frei!“

Als die Truppen der gegen El Kaida gerichteten afghanischen „Nordallianz“ am 12. November Kabul einnehmen, werden die Gefangenen erneut verlegt – nach Ghazni, etwa 80 Kilometer südlich von Kabul. Dann kommt der 15. November, der Tag der Befreiung. „Es war zehn Uhr morgens. Wir beteten gerade – da fing die Schießerei außerhalb des Gefängnisses an.“ Taubmann und seine Mitarbeiter fürchten um ihr Leben. „Wir waren überzeugt, dass unsere irdische Lebenszeit zu Ende ist und die Leute uns umbringen.“ Was sie nicht wissen: Es gab einen Aufstand gegen die Taliban. „Plötzlich öffnete ein bärtiger Krieger mit Patronengurten um den Hals und einer Maschinenpistole in der Hand die Tür und rief nur ‚Ihr seid frei!’“, so Taubmann.

Der Pilot sah sie nicht

Er bittet den Kommandeur der Aufständischen, über das Rote Kreuz Kontakt zur US-Botschaft in Pakistan zu bekommen. Gegen Mitternacht warten die acht ausländischen Shelter-Mitarbeiter auf einem verlassenen Platz außerhalb der Stadt. Dort soll sie ein Hubschrauber abholen. Er kommt auch – dreht jedoch nach kurzem wieder ab. „Wir hatten nur eine kleine Laterne bei uns“, erklärt Stebner. „Sie haben uns wohl nicht gesehen.“ Die Gruppe ist verzweifelt. Doch dann nimmt eine der beiden US-Amerikanerinnen ihren Tschador (Schleier) ab, tränkt ihn mit dem Kerosin aus der Laterne und zündet ihn an. Mit anderen Kleidungsstücken und etwas Holz wird daraus schnell ein weit sichtbares Feuer. Und tatsächlich: Der Hubschrauber findet die Entwicklungshelfer und bringt sie in die pakistanische Hauptstadt Islamabad. Wenn Margrit Stebner an diesen Moment zurückdenkt, kommen der sonst so nüchternen Frau auch heute noch manchmal die Tränen: „Dann bin ich überwältigt von der Gnade Gottes, die wir erlebt haben, von seiner Treue und Nähe in dieser – menschlich betrachtet – ausweglosen Situation.“ Eine Mitarbeiterin in der US-Botschaft ist die Schwester einer Verlagsassistentin bei idea. So kommt es, dass idea damals das erste Interview mit den befreiten Geiseln hat.

Auszeit in Deutschland

Zurück in Deutschland nehmen die vier zuvor gefangenen deutschen Shelter-Now-Mitarbeiter Georg Taubmann, Margrit Stebner, Katrin Jelinek und Silke Dürrkopf eine mehrmonatige Auszeit. Mit Psychologen und Seelsorgern können sie über das Erlebte sprechen. „Im Gefängnis war uns das Selbstbestimmungsrecht genommen worden. Für mich war es wichtig, wieder selbst zu entscheiden, was ich machen möchte und was nicht“, sagt Stebner heute. Und sie traf eine Entscheidung. Bereits im Oktober 2002 ging sie wieder nach Afghanistan, genau wie die anderen drei. Warum kehrt man zurück an einen Ort, an dem man so Schreckliches erlebt hat? „Für mich war die Sache noch nicht abgeschlossen. Ich wollte mithelfen beim Wiederaufbau von Shelter Now, um den Menschen neue Hoffnung und eine Zukunftsperspektive zu geben.“ Die Organisation musste 2002 bei Null anfangen, da die Taliban vor ihrem Rückzug die Büros geplündert und zerstört hatten. Doch der Neustart gelingt aufgrund des vorhandenen Vertrauens der Bevölkerung schnell.

Wie Afghanistan heute stabilisiert wird

Heute liegen die Schwerpunkte der Arbeit von Shelter Now in Afghanistan und dem benachbarten Pakistan in den Bereichen Trinkwasser, Gesundheit, Bildung/Erziehung und Landwirtschaft. In „Dörfern der Hoffnung“ wird der Anbau von Obst und Weintrauben vorangetrieben. Mit Kleinkrediten fördert das Hilfswerk den Aufbau des Viehbestands in Dörfern und bei Hirtenvölkern. In einer Agrarkooperative in der Provinz Herat bauen Familien Getreide, Obst und Gemüse für den Eigenbedarf an und erzielen mit dem Verkauf der Überschüsse zusätzliches Einkommen. Darüber hinaus wurde dort jüngst eine der modernsten Zahnkliniken des Landes eingerichtet. In Kabul betreibt Shelter Now eine Grundschule für Mädchen und Jungen aus verschiedenen Volksgruppen und eine Gehörlosenschule mit Berufsausbildung, ebenso seit kurzem ein Blindenzentrum. „Je mehr Menschen ihre Existenz selbstständig sichern und ein zufriedenes Leben führen können, desto friedlicher und stabiler wird auch die afghanische Gesellschaft“, ist Stolte überzeugt. „Das ist unsere Hoffnung.“

Am 15. November ist Geburtstag

Das sieht auch Stebner so, die Afghanistan nach vier weiteren Jahren 2006 schließlich verlassen hat. „Ich hatte den Eindruck, dass meine Arbeit dort abgeschlossen ist und Menschen anderswo auf der Welt ebenfalls meine Unterstützung brauchen.“ Nach eineinhalb Jahren in der deutschen Shelter-Now-Zentrale ging sie 2008 nach Israel. Dort arbeitet sie bei einer Hilfsorganisation, die Sozial- und Bildungsprojekte betreibt und in Ramallah ein Kulturzentrum führt. Silke Dürrkopf, die seinerzeit die beiden Söhne von Georg Taubmann und dessen Frau Marianne in Kabul unterrichtete, kehrte bereits 2004 aus Afghanistan nach Deutschland zurück. Sie heiratete und arbeitet heute als Lehrerin in der Nähe von Salzgitter. Auch Katrin Jelinek hat geheiratet und heißt nun Lohser. Mit ihrem Mann ging sie 2007 wieder nach Afghanistan, musste jedoch schon nach einem Jahr zurückkehren, nachdem ihr Ehemann an Krebs erkrankte und jetzt im Rollstuhl sitzt. Nur Georg Taubmann ist nach wie vor in Afghanistan – als Internationaler Direktor von Shelter Now.

Aber auch, wenn die Kollegen von damals heute weit verstreut leben, gibt es einen Termin, an dem sie zumindest in Gedanken beieinander sind: am 15. November, dem Tag ihrer Befreiung. „An diesem Tag wurde uns das Leben noch einmal neu geschenkt“, sagt Margrit Stebner. „Wir feiern an diesem Tag alle gemeinsam Geburtstag.“