04.01.2011
Ägypten: „Die Attentäter sind von hier“
Mit Angst und Wut haben die Christen in Ägypten auf den verheerenden Anschlag reagiert, bei dem 22 Menschen starben. Während sich koptische und muslimische Jugendliche Straßenschlachten liefern, verweist die Regierung auf Al-Kaida.
Koptische Jugendliche versuchen am Samstag, die Moschee gegenüber dem Anschlagsort in Alexandria zu stürmen.
„Herr erbarme dich unser“, singen sie immer wieder, „Herr erbarme dich“, während draußen tief die Glocken läuten. Durch die offenen Fenster weht die kühle Morgenluft einen fauligen Gestank herein. Tiefe Wolken hängen am Sonntagmorgen über der ägyptischen Hafenstadt Alexandria. Im Inneren der koptischen Allerheiligenkirche im Stadtteil Sidi Bechr riecht es nach Blut. An der Fassade des weißen Gotteshauses kleben immer noch kleine Fleischfetzen. Kratzend und klirrend hört man ein halbes Dutzend Straßenfeger in beigen Overalls Scherben und Trümmer in der Khalid Hamada Straße zusammenkehren.
Die sechs verkohlten Autos sind inzwischen weggeschafft, ein schwarzer Honda mit zerborstener Windschutzscheibe steht in der Garage der Pfarrei. Alle Zufahrtsstraßen sind durch dichte Kordons von Sonderpolizei abgeriegelt. In Sichtweite des Gotteshauses stehen mehrere schwarze Hundertschaften in Dreierreihen stramm, während sich ihre Offiziere zusammen mit Geheimpolizisten in Grüppchen die Füße vertreten.
Nur 200 Beter haben sich zur Frühmesse vor dem Altar versammelt, um den vierten Advent zu feiern. Emporen und Unterkirche sind leer, nur der Hauptraum mit seinen wuchtigen, weißen Kassettendecken ist besetzt. Getragen und ruhig breiten sich die liturgischen Gesänge der vier koptischen Pfarrer aus, immer wieder unterbrochen von Schluchzen und lautem Wehklagen. Männern rinnen stumm die Tränen über das Gesicht. Weihrauch wabert durch das kalte Kirchenschiff. Die wenigen jungen Besucher sitzen mit gesenkten Köpfen in den Holzbänken. Alle können immer noch nicht fassen, was ihnen und ihren Familien mitten in der Nacht zu Samstag zugestoßen ist.
Überall lagen Leichenteile und verkohlte Trümmer, Verletzte schrien vor Schmerzen
Das Neue Jahr 2011 war gerade eine halbe Stunde alt, da verwandelte sich der Vorraum zur Straße mit dem hohen Eisenportal in ein tödliches Inferno. Gerade hatten die koptischen Seelsorger ihre 1000 Gottesdienstbesucher mit allen guten Wünschen entlassen. Froh gelaunt strömten die ersten Familien ins Freie, als der Attentäter seine in einem Auto versteckte Bombe zündete. Die britische BBC zeigte einen per Handy aufgenommenen Videoclip, auf dem zu sehen ist, wie die übrige Gemeinde drinnen von der Explosion aus ihrem Schlussgesang gerissen wurde.
Draußen lagen Leichen in ihrem Blut, dazwischen abgerissene Körperteile und Kleiderfetzen. Verletzte schrien vor Schmerzen. Scherben, Trümmer und verkohlte Autos überall – Bilder, wie sie die ägyptische Bevölkerung bisher nur aus Bagdad kannte. Viele der 80 Verwundeten wurden im benachbarten Sankt Markus Hospital versorgt, einige Schwerverletzte sogar per Hubschrauber nach Kairo verlegt.
Für 21 Gläubige jedoch kam jede Hilfe zu spät. Ihre Körper wurden für den Rest der Nacht im Inneren der Kirche aufgebahrt, die Hälfte von ihnen bereits am Samstagabend im 70 Kilometer entfernten Menas-Kloster beerdigt. „Nein, nein, nein“, schrien die mehr als 5000 Trauergäste, als ein Regierungsvertreter versuchte, das Beileidstelegramm von Staatspräsident Hosni Mubarak zu verlesen.
„Die Attentäter kommen nicht aus Afghanistan oder Pakistan, die sind von hier“, sagt der Rentner Kamil Issa, der in der Vorhalle die koptische Kirchenzeitung „Unser Land“ verkauft. Der 63-Jährige ist lange auf einem griechischen Frachter zur See gefahren. Seine Frau ist gestorben, jetzt macht er ehrenamtlich in der Gemeinde mit und lebt fünf Minuten entfernt in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung.
Die Terroristen schlugen etwa 20 Minuten nach Mitternacht zu, als die koptischen Christen eine Neujahrsmesse feierten.
Große Trauer nach dem Anschlag.
Dutzende starben oder wurden bei dem Anschlag schwer verletzt.
21 Tote bei Anschlag auf Kirche in Ägypten
Christen in Ägypten wollten mit einer Messe friedlich das neue Jahr begehen. Doch Terroristen richteten bei dem Gottesdienst ein Blutbad an.
Dutzende starben oder wurden bei dem Anschlag schwer verletzt.
„Wir können keine Kirchen bauen, wir können nicht frei unseren Glauben leben – man bestreitet uns unseren Platz in der ägyptischen Gesellschaft“, mischt sich ein junger Mathematiklehrer ein, der nur seinen Vornamen Michael nennen will. Er und seine Familie entkamen der Bombe nur, weil seine Frau Sekunden vor der Explosion doch noch einmal in das Kirchenschiff zurückging, um für die einjährige Tochter eine Kerze anzuzünden. „Gott hat uns das Leben gerettet“, sagt der 32-Jährige, während seine Augen nervös flackern.
Auf der Intensivstation des Sankt Markus Hospitals nebenan liegt Eman Ibrahim. Ihre Augen sind geschlossen, das Gesicht der Mutter zweier Kinder entstellt von Schnittwunden. Die 45-Jährige will mit niemandem mehr sprechen, sagen die Ärzte. Bisher haben sie es nicht gewagt, ihr zu sagen, dass ihr Mann nicht mehr am Leben ist. Der Sohn liegt mit amputiertem Bein in einer anderen Klinik, nur die Tochter blieb unverletzt.
Noch nie zuvor in der Geschichte Ägyptens hat es einen solchen Anschlag auf ein Gotteshaus gegeben – in einem Land, wo die Christen etwa zehn Prozent der rund 80 Millionen Einwohner ausmachen. Fernsehbilder aus der Nacht zeigen ein ausgeglühtes Auto, was vor der hell erleuchteten Kirche auf dem Dach liegt. „Wo ist die Regierung“ skandierten bis zum frühen Morgen wütende Christen. „Höre Mubarak, die Herzen der Kopten stehen in Flammen“, riefen sie und trugen in einer Prozession ein rasch zusammen gezimmertes Holzkreuz durch die Straßen, an dem blutgetränkte Kleider der Opfer befestigt waren.
Bald griffen Gruppen junger Männer die gegenüber liegende Moschee an, warfen ihre Fensterscheiben ein und demolierten die Eingangstür. Die Brandspuren an der Fassade reichen meterhoch. Muslimische Jugendliche antworteten mit Steinen und Flaschen, unter Allah-Akbar-Rufen demolierten sie sogar einen Krankenwagen, der einen Schwerverletzten in die Intensivstation der Universitätsklinik bringen wollte. Andere griffen das Pfarrhaus neben der Kirche an und versuchten, es anzuzünden. Erst nach Stunden gelang es Einheiten der Sonderpolizei, den rasenden Mob mit Tränengas und Schlagstöcken auseinanderzutreiben. 15 junge Kopten wurden noch in der Nacht verhaftet.
Doch auch am Samstag und Sonntag, der in Ägypten normaler Werktag ist, blieb die Lage weiter hoch gespannt. Im von Christen bewohnten Kairoer Stadtteil Schubra etwa gingen Tausende auf die Straße. In Alexandria fürchten die Behörden, bei der Beerdigung der bisher noch nicht identifizierten Opfer könnten sich die Unruhen auf die ganze Stadt ausdehnen.
Zwischen den benachbarten Gemeinden im Viertel herrscht Sprachlosigkeit
Am Samstag rief Hosni Mubarak in einer Fernsehansprache das ägyptische Volk auf, Ruhe zu bewahren. Der Präsident sprach von „einer abscheulichen Tat“, die sich gegen ganz Ägypten, egal ob Kopten oder Muslime, richte. Dieser „blinde Terror“ trage die Handschrift „ausländischer Täter“.
Erst vor zwei Monaten hatte Al-Kaida im Irak nach einem Massaker in der syrisch-katholischen Kathedrale auch alle Kopten am Nil zu „legitimen Zielen“ erklärt. Damals in Bagdad hatten Terroristen das Gotteshaus während der Abendmesse gestürmt, zwei Priester und 46 Gläubige ermordet. Auf einer Al-Kaida-Website rechtfertigte die Terrorgruppe ihre Mordtat als einen Angriff auf die „schmutzige Höhle der Gotteslästerung“ und kündigte gleichzeitig ähnliche Attacken auf die „hündische, koptische Kirche“ in Ägypten an.
„Wir sind nicht wütend auf die Muslime, nur auf die falschen Muslime“, sagt Pfarrer Mina Adel, der seit 20 Jahren hier Seelsorger ist. „Das Problem ist nur, dass inzwischen die Mehrheit zu den falschen Muslimen zählt – und ihre Zahl ständig steigt.“ Der heute 60-Jährige war Ingenieur, bevor er sich zum Priesterberuf entschied. Mit dem Scheich der gegenüber liegenden Moschee gab es nach seinen Worten in der Vergangenheit keine Spannungen, wohl eher Sprachlosigkeit. Von den muslimischen Würdenträgern jedenfalls hat bisher niemand den Weg über die Straße gefunden, um den christlichen Nachbarn sein Beileid auszusprechen.
Noch ist unklar, ob das koptische Oberhaupt Shenouda III. in Kairo wegen der akuten Terrorgefahr für nächste Woche alle Feiern zu Weihnachten absagen wird. Das Gleiche hatte bereits zwei Wochen zuvor der chaldäisch-katholische Erzbischof von Kirkuk getan. „So viele Menschen sind gestorben, wie können wir da Weihnachten feiern?“, fragt Pfarrer Mina Adel schließlich am Ende des Gesprächs. Er mustert den Boden seines Büros, wo bisher niemand die Zeit hatte, die Splitter der durch das Attentat geborstenen Fensterscheibe zusammenzukehren. „Wir werden nur ein stilles Gebet halten“, sagt er schließlich.
www.fr-online.de/politik/-die-attentaeter-sind-von-hier-/-/1472596/5056866/-/index.html