13.06.2011
Türkei: Nach 50 Jahren wieder ein Christ ins Parlament gewählt
Anwalt Erol Dora ist Mitglied der syrisch-orthodoxen Kirche
Türkei: Nach 50 Jahren wieder ein Christ ins Parlament gewählt
Anwalt Erol Dora ist Mitglied der syrisch-orthodoxen Kirche
Ankara (idea) – Erstmals seit rund fünf Jahrzehnten zieht wieder ein Christ in das 550 Sitze zählende türkische Parlament ein. Bei der Wahl am 12. Juni errang der Anwalt Erol Dora ein Direktmandat in der südostanatolischen Provinz Mardin. Der 47-Jährige ist Mitglied der syrisch-orthodoxen Kirche. Die Kandidatur des unabhängigen Bewerbers wurde von der Kurdenpartei BDP unterstützt. Den vorerst letzten christlichen Abgeordneten in der Volksvertretung in Ankara hatte es vor dem Militärputsch von 1960 gegeben. Mehrere andere Christen bemühten sich vergeblich um eine Kandidatur. „Aus technischen Gründen“, wie es hieß, waren sie bei der Aufstellung der Wahllisten gescheitert. Ihr politisches Engagement wird als Indiz für das gestiegene Selbstbewusstsein der türkischen Christen angesehen. Gewinner der Abstimmung ist die islamische-konservative AKP des seit 2003 regierenden Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Nach Auszählung fast aller Stimmen erhielt sie 50 Prozent der abgegebenen Stimmen, etwa drei Prozentpunkte mehr als vor vier Jahren. Auch die laizistische CHP legte auf 25,9 Prozent zu. Die rechtsnationalistische MHP lag bei 13 Prozent, die Kurdenpartei BDP stand bei 6,5 Prozent.
3.000 Kirchenmitglieder
Die syrisch-orthodoxe Kirche führt ihre Gründung auf die im 1. Jahrhundert von Jerusalem ins syrische Antiochien geflohenen Christen (Apostelgeschichte 11,19 ff) zurück. Sie breitete sich zunächst im Nahen Osten und später bis nach Südindien aus. Das heutige geistliche Zentrum ist das Kloster Mor Gabriel im Gebiet Tur Abdin (Berg der Gottesknechte) im Südosten der Türkei. Es betreut rund 3.000 Christen. Mehr als 300.000 Kirchenmitglieder flohen in den vergangenen Jahrzehnten nach Europa, um Verfolgung, Ermordungen und staatlicher Unterdrückung durch Türken und Kurden zu entgehen.