17.06.2011

Irak: Christen zwischen Ausharren und Auswandern

idea: Aus Furcht vor Terroraktionen sind Hunderttausende Christen aus dem Irak geflohen – oftmals nach Syrien oder Jordanien; viele haben sich innerhalb des Landes in den Norden geflüchtet, wo sie relativ sicher sein können. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) schätzt, dass sich die Zahl der irakischen Christen in den vergangenen Jahren auf 600.000 halbiert hat. Andere Beobachter gehen davon aus, dass unter den 29 Millionen überwiegend muslimischen Irakern sogar nur noch 200.000 Christen leben. Sie sind aber auf fremde Hilfe angewiesen. Ansonsten werden auch sie Asyl im Ausland suchen, hat der Leiter des Christlichen Hilfsbundes im Orient (Bad Homburg), Andreas Baumann, bei einer Studienreise beobachtet.Der Norden des Irak besteht zum einen aus dem kurdischen Autonomiegebiet „Kurdistan“, das von der Regierung in Bagdad weitgehend unabhängig ist. Hier sind Christen willkommen; sie genießen weitgehend Sicherheit und Religionsfreiheit. Da sich die Kurden ihre Autonomie wohl nicht mehr nehmen lassen und die Region außerdem vom Westen gestützt wird, haben Christen hier prinzipiell gute Aussichten, wenn ihnen wirtschaftlich geholfen wird.

Mosul: Hier herrscht Lebensgefahr für Christen

Zum anderen ist der Nordirak geprägt durch die Ninive-Ebene mit der stark arabisch dominierten Millionenstadt Mosul (nahe dem antiken Ninive). Die ehemaligen christlichen Einwohner wurden im Jahr 2008 gewaltsam vertrieben. Bis heute ist es für sie mit hohen Risiken verbunden, nach Ninive zurückzukehren. In den ländlichen Gebieten versuchen kurdische Sicherheitskräfte, für Sicherheit zu sorgen. Allerdings gehört das Gebiet verwaltungsmäßig nach wie vor zu Mosul, was viele Probleme aufwirft. So werden sämtliche Formalitäten nur bei den dortigen Behörden geregelt – doch der Weg dahin ist lebensgefährlich. Die allen Irakern garantierte Grundversorgung mit Lebensmitteln ist für die vertriebenen Christen wertlos, da ihre Berechtigungsscheine nur in Mosul gültig sind. Christliche Studenten können ihre Ausbildung an der Universität von Mosul nicht fortsetzen. Einen Besuch der – im Autonomiegebiet gelegenen – Universität in Dohuk können sich die Bewohner der Ninive-Ebene meist nicht leisten.

Somit haben die dort lebenden Christen – egal ob einheimische oder hierher geflohene – kaum eine Zukunftsperspektive. Neben der Alternative, nach Europa oder in die USA auszuwandern und Asyl zu beantragen (worüber viele Christen nachdenken), bleibt ihnen nur eine Hoffnung: die Ebene eines Tages selbst verwalten zu können. Allerdings gibt es bis jetzt noch keine erfolgversprechenden politischen Initiativen für eine autonome Ninive-Ebene. Daher bleiben die dortigen Christen auf ausländische Hilfen angewiesen. Wichtig sind beispielsweise Lebensmittelpakete, um den Ausschluss von der staatlichen Grundversorgung auszugleichen.

Hoffnung auf einen Neustart in Kurdistan

In Kurdistan wiederum gibt es andere Probleme. Die Amtssprache ist Kurdisch, doch die meisten Flüchtlinge sprechen nur Arabisch. Außerdem arbeiteten viele vor ihrer Flucht in Lehrer- oder Ingenieurberufen. Ein Neuanfang als Hirte oder Bauer kommt für sie kaum infrage – sie benötigen einen geregelten, hoch qualifizierten Arbeitsplatz. In den Städten gibt es zwar zunehmend Arbeit, doch die Flüchtlinge wurden in teilweise sehr entlegenen Dörfern angesiedelt. So kehrten beispielsweise armenisch-apostolische Christen nach Hawresk (nahe der türkischen Grenze) zurück, wo ihre Vorfahren bis 1975 wohnten. Damals hatte der Militärbefehlshaber im Nordirak und spätere irakische Diktator Saddam Hussein (1937–2006) das Dorf ohne Vorwarnung bombardieren lassen, um die „Arabisierung“ der Kurdenregion voranzutreiben. Die Bewohner flohen, viele zogen in die Großstädte. Als sich mit Beginn des Irak-Krieges 2003 auch dort ihre Situation verschlechterte, kehrten etliche nach Hawresk zurück, wo sie zunächst in den Ruinen der alten Schule wohnten. Dann baute ihnen die kurdische Regierung feste Häuser. Ihre Bewohner können sich einen Verbleib vorstellen; sie brauchen nun vor allem Starthilfen für ihre neue Existenz.

Wer hilft christlichen Flüchtlingen?

Die wichtigste Hilfsorganisation für die christlichen Flüchtlinge in Kurdistan und in der Ninive-Ebene ist die Organisation CAPNI (Christian Aid Program – Nohadra – Iraq). Sie fördert in Kurdistan Sprachkurse, hilft beim Bau von Häusern und unterstützt Selbsthilfe-Initiativen wie die Jugend-Organisation Future (Zukunft), die eine Art christliche Volkshochschule aufbauen will. Future hält Kontakt zu Jugendlichen in der Ninive-Ebene, um sie seelsorgerlich zu begleiten und zum Ausharren zu ermutigen. Die Gruppe plant auch ein großes regionales Jugendtreffen und wirbt dafür um Spenden. CAPNI organisiert vor allem Lebensmittel für Bedürftige.

Außerdem sollen Arbeitsplätze entstehen, vor allem in der Landwirtschaft. Dazu hat CAPNI in einigen Dörfern Gewächshäuser, Bienenstöcke, Schaf- und Rinderherden finanziert. Mit Maschinen, die das deutsche Unternehmen „Heidelberger Druckmaschinen“ gespendet hat, wird eine kleine Druckerei aufgebaut. Noch fehlt allerdings Geld für die Bezahlung von Ausbildern. Außerdem unterstützt CAPNI Bildungsinitiativen wie die Frauenorganisation Etana, die beispielsweise Näherinnen und Friseurinnen ausbildet oder Frauen im Umgang mit dem Computer schult. Darüber hinaus hilft CAPNI ausländischen Geberorganisationen, Kontakte zu irakischen Christen zu knüpfen. So kam auch eine Delegationsreise des Christlichen Hilfsbunds im Orient, der seit 2007 mit CAPNI zusammenarbeitet, in diesem Frühjahr zustande. Solche Besuche zeigen den Christen im Nordirak, dass sie nicht vergessen sind.