20.06.2011
Irakisch-Kurdistan: Hoffnung für Levo
Auszüge einer Reportage aus einem Dorf in Irakisch-Kurdistan von André Stiefenhofer
Irakisch-Kurdistan: Hoffnung für Levo
Auszüge einer Reportage aus einem Dorf in Irakisch-Kurdistan von André Stiefenhofer
Eine halbzerfetzte kurdische Fahne flattert auf dem Dach, der Wind pfeift über die mit roten Mohnblumen getupften grünen Wiesen, die Sonne scheint, es ist ein kalter Maitag. Afram Yokhanna steht mit einem versteinerten Gesicht vor seinem kleinen Haus im nordirakischen Dorf Levo und starrt in die Ferne.
“Hier bin ich wieder.” Fast unmerklich bewegen sich seine Lippen. “46 Jahre Bagdad und jetzt bin ich wieder hier.” Seine violette Trainingshose schlackert wild um seine Beine. Er steht da wie angewurzelt. “Meine armen Kinder”, sagt er nach einer Weile. Dann geht er ins Haus. Dort ist es still, die Sonne malt gelbe Flecken auf das Sofa.
Aus dem Hinterzimmer dringt ein Stöhnen, gefolgt von einem zärtlichen Flüstern. Hanna liegt gekrümmt auf einem Bett, ihr schmächtiger Körper verkrampft sich. Ihr Bruder sitzt auf dem Teppich neben ihr, ein Seil bindet seinen rechten Fuß an einen der Bettpfosten. Er steckt sich die ganze Hand in den Mund. “In Bagdad haben sie Medikamente bekommen.” Zärtlich streicht Afram seiner Tochter durchs Haar. “Hier gibt es nichts.”
Dieses Nichts teilen sich in Levo 156 christliche Familien. Die meisten von ihnen waren in den 1960er-Jahren aus dem Nordirak nach Bagdad geflohen, weil die Zentralregierung damals einen blutigen Feldzug gegen die kurdische Bevölkerung des Nordens begonnen hatte. Doch seit dem Einmarsch der US-Truppen 2003 und dem darauf folgenden Bürgerkrieg war es auch in der Hauptstadt mit der Sicherheit vorbei.
Sunnitische und schiitische Milizen kämpften um die Vorherrschaft im Land. Bagdad und Mossul, die beiden größten Städte des Irak, wurden zu Terroristenhochburgen. Separatisten, Fanatiker und einfache Kriminelle nutzten das Sicherheitsvakuum für ihre Zwecke. Die Christen suchten unter diesen Umständen wieder Zuflucht in ihrer alten Heimat, den Bergdörfern des Nordirak. Dort sorgen kurdische Milizen, die sogenannten “Peschmerga”, effektiv für Sicherheit.
Afram kam 2007 zurück nach Levo. “Ich habe meine Frau und die Kinder ins Auto gepackt und bin 14 Stunden durchgefahren”, erzählt er. Von seinen Ersparnissen hat sich der pensionierte Elektriker das kleine Haus gekauft, inzwischen lebt er von Almosen und den 50 Dollar, die ihm die kurdische Autonomieregierung monatlich für den Unterhalt seiner Familie zahlt. Er schläft auf dem Boden bei seinen beiden behinderten Kindern, seine Frau im Wohnzimmer auf dem Sofa. Eine Küche, ein Bad. Ein Zuhause.
Zuhair Daniel schluckt, als er Aframs Haus verlässt und schüttelt den Kopf. Zuhair war bis zu seinem Ruhestand Lehrer, heute erledigt er für die Diözese Zaku (Sitz in der Stadt Zaxo) die Verwaltungsarbeit. Viele wichtige Angelegenheiten landen auf seinem Schreibtisch, denn die Diözese hat zurzeit keinen Bischof. Levo ist eine jener Pfarreien, die Zuhair meistens nur auf dem Papier zu sehen bekommt. “Das ist schockierend”, sagt er. “Erst habe ich mich gefreut, dass unsere Leute wieder zurückkommen. Aber was gibt es hier für sie?”
1961 war Levo ein blühendes Dorf gewesen, jeder hatte Arbeit. Doch damals gab es noch keine Traktoren. Heute beschäftigen die 3500 Hektar fruchtbares Land rund um Levo gerade mal vier Familien. Der Rest sitzt fest, 20 Kilometer von der Bezirkshauptstadt Zaxo entfernt. Und selbst dort ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch.
entnommen aus: www.kirche-in-not.de/aktuelle-meldungen/2011/06-20-hoffnung-fuer-levo-kurdistan-reportage