12.05.2011

Irak:Wer hilft irakischen Christen?

Terrorgefahr: Hin- und hergerissen zwischen Bleiben und Auswandern

Irak:Wer hilft irakischen Christen?

Terrorgefahr: Hin- und hergerissen zwischen Bleiben und Auswandern

Aus dem Irak kommen immer wieder erschreckende Nachrichten über Terroraktionen gegen Christen. Aus Furcht vor Anschlägen und wegen anhaltender Morddrohungen sind viele schon geflohen. Nach EKD-Angaben ist die Zahl der irakischen Christen um 50 Prozent auf rund 600.000 zurückgegangen. Andere Quellen sprechen davon, dass unter den 29 Millionen Einwohnern – meist Muslimen – nur noch rund 200.000 Christen leben. Viele sind nach Syrien oder Jordanien geflüchtet, andere in die nördlichen Regionen des Landes. Wie ihnen geholfen werden könnte, schildert Andreas Baumann. Er leitet den Christlichen Hilfsbund im Orient (Bad Homburg).

Um den bedrängten irakischen Christen wirkungsvoll helfen zu können, muss man die politische Situation im Nordirak kennen. Er besteht zum einen aus dem kurdischen Autonomiegebiet (Kurdistan), das von der Regierung in Bagdad weitgehend unabhängig ist. Hier sind Christen willkommen; sie genießen weitgehend Sicherheit und Religionsfreiheit. Da sich die Kurden ihre Autonomie wohl nicht mehr nehmen lassen und die Region außerdem vom Westen gestützt wird, haben Christen hier prinzipiell gute Aussichten.

Lebensgefahr für Christen

Zum anderen gibt es die Ninive-Ebene mit der stark arabisch dominierten Millionenstadt Mosul. Die christlichen Einwohner wurden im Jahr 2008 gewaltsam vertrieben. Bis heute ist es für sie mit hohen Risiken verbunden, in die Stadt zurückzukehren. In den ländlichen Gebieten versuchen kurdische Sicherheitskräfte, für Sicherheit zu sorgen. Allerdings gehört das Gebiet verwaltungsmäßig nach wie vor zu Mosul, was viele Probleme aufwirft. So werden sämtliche Formalitäten nur bei den dortigen Behörden geregelt – doch der Weg dahin ist lebensgefährlich. Die allen Irakern garantierte Lebensmittelgrundversorgung ist für die vertriebenen Christen eigentlich unerreichbar, da ihre Berechtigungsscheine nur in Mosul gültig sind. Studenten können ihre Ausbildung an der Universität von Mosul nicht fortsetzen; der Besuch der im Autonomiegebiet gelegenen Universität in Dohuk ist für die Bewohner der Ninive-Ebene hauptsächlich aus finanziellen Gründen nicht möglich. Somit haben die dort lebenden Christen – egal ob einheimische oder hierher geflohene – kaum eine Zukunftsperspektive. Neben der Alternative, nach Europa oder in die USA auszuwandern und Asyl zu beantragen, bleibt ihnen nur eine Hoffnung: die Ebene eines Tages selbst verwalten zu können. Allerdings gibt es bis jetzt noch keine erfolgversprechenden politischen Initiativen für eine autonome Ninive-Ebene. Daher bleiben die dortigen Christen bis auf Weiteres auf ausländische Hilfen angewiesen. Wichtig sind beispielsweise Lebensmittelpakete, um den Ausschluss von der staatlichen Grundversorgung auszugleichen. Die meisten Christen in diesem Gebiet überlegen, auszuwandern. 

Neustart in Kurdistan

In Kurdistan gibt es andere Probleme. Die Amtssprache ist Kurdisch, doch die meisten Flüchtlinge sprechen nur Arabisch. Außerdem waren viele Lehrer oder Ingenieure. Ein Neuanfang als Hirte ist für sie kaum denkbar; sie benötigen einen geregelten Arbeitsplatz. In den Städten gibt es zwar zunehmend Arbeit, doch die Flüchtlinge wurden in teilweise sehr entlegenen Dörfern angesiedelt. So kehrten beispielsweise armenisch-apostolische Christen nach Hawresk nahe der Grenze zur Türkei zurück, wo ihre Vorfahren bis 1975 wohnten. Damals ließ der Militärbefehlshaber im Nordirak und spätere Diktator Saddam Hussein (1937-2006) das Dorf ohne Vorwarnung bombardieren, um die „Arabisierung“ der Kurdenregion voranzutreiben. Die Bewohner flohen; viele zogen nach und nach in die Großstädte. Als sich dort ab 2003 ihre Situation verschlechterte, kehrten etliche nach Hawresk zurück, wo sie zunächst in den Ruinen der alten Schule wohnten. Dann baute ihnen die kurdische Regierung feste Häuser. Ihre Bewohner können sich einen Verbleib vorstellen; sie brauchen nun vor allem Starthilfen für ihre neue Existenz.

Wer hilft christlichen Flüchtlingen?

Die wichtigste Hilfsorganisation für die christlichen Flüchtlinge in Kurdistan und in der Ninive-Ebene ist die Organisation CAPNI (Christian Aid Program Nohadra Iraq). Sie fördert in Kurdistan Sprachkurse, hilft beim Bau von Häusern und unterstützt Selbsthilfe-Initiativen wie die Jugend-Organisation Future (Zukunft), die eine Art christliche Volkshochschule aufbauen will. Future hält Kontakt zu Jugendlichen in der Ninive-Ebene, um sie seelsorgerlich zu begleiten und zum Ausharren zu ermutigen. Die Gruppe plant auch ein großes regionales Jugendtreffen und wirbt dafür um Spenden. CAPNI organisiert vor allem Lebensmittel für Bedürftige. Außerdem sollen Arbeitsplätze entstehen, vor allem in der Landwirtschaft. Dazu hat CAPNI in einigen Dörfern Gewächshäuser, Bienenstöcke, Schaf- und Rinderherden finanziert. Mit Maschinen, die das deutsche Unternehmen „Heidelberger Druckmaschinen“ gespendet hat, wird eine kleine Druckerei aufgebaut. Noch fehlt allerdings Geld für die Bezahlung von Ausbildern. Außerdem unterstützt CAPNI Bildungsinitiativen wie die Frauenorganisation Etana, die beispielsweise Näherinnen und Friseurinnen ausbildet oder Frauen im Umgang mit dem Computer schult. Darüber hinaus hilft CAPNI ausländischen Geberorganisationen, Kontakte zu irakischen Christen zu knüpfen. So kam auch eine Delegationsreise des Christlichen Hilfsbunds im Orient, der seit 2007 mit CAPNI zusammenarbeitet, in diesem Frühjahr zustande. Solche Besuche zeigen den Christen im Nordirak, dass sie nicht vergessen sind.

(idea/12.05.2011)