28.05.2011

Indien: Eine neue Dimension der Christenverfolgung

Die Politik des Hindunationalismus, seit mehr als einem Jahrzehnt Triebfeder der Verfolgung von Christen, scheint an Boden zu verlieren. Das hat zu der Hoffnung geführt, dass sich Serien von Terrorangriffen wie im Bezirk Kandhamal im Osten von Orissa im Jahr 2008 nicht wiederholen. Diese Hoffnung dürfte sich bewahrheiten, doch wenn es keine Gewalttaten großen Ausmaßes gibt, heißt das noch lange nicht, dass die Sicherheit der christlichen Minderheit dadurch gewährleistet ist.

Zu meinen, dass sozialer Friede herrscht, wenn keine Gewalttaten großen Ausmaßes verübt werden, ist irreführend. Angriffe auf Christen kommen heute genau so häufig vor, wie in den letzten 13 Jahren. Christliche Organisationen wie die Evangelical Fellowship of India (Evangelische Allianz Indiens), der All India Christian Council (Gesamtindischer Christenrat) sowie katholische Organisationen berichten laufend von gewalttätigen Übergriffen gegen Christen. Von christlichen Organisationen in Indien erstellte Statistiken belegen eindeutig, dass die systematische Verfolgung von Christen seit ihrem Beginn 1998 nicht nachgelassen hat. In diesem Jahr bildete die rechtsgerichtete Hindu Bharatiya Janata Party (BJP) eine Koalition auf Bundesebene. Der Aufstieg der BJP fiel zeitlich mit dem Eintritt von Sonia Gandhi, einer Katholikin und Witwe des früheren Premierministers Rajiv Gandhi, in die indische Politik zusammen. Ihre Ernennung zur Leiterin der Kongresspartei führte dazu, dass die BJP und mit ihr verbündete Hindunationalisten die Christen nunmehr als politische Feinde betrachteten.

Während es positiv ist, dass die indischen Wähler den religiösen Nationalismus der BJP missbilligen - was nach deren Wahlniederlagen in den allgemeinen Wahlen von 2004 und 2009 offensichtlich ist, bringt dies allein keine Atempause für die Minderheiten. Die Hindunationalisten passen ihre Strategie dem politischen Klima im Land an. Auch wenn sich ihre politische Strategie geändert hat, verbreiten sie weiterhin Hass gegen Christen, indem sie behaupten diese würden Hindus durch Verlockung oder Zwang zum Christentum bekehren. Auch wenn heute von einer moderaten Form des Hindunationalismus die Rede ist, so bleibt doch ein wesentliches Element der nationalistischen Hinduideologie (Hindutva) unverändert, nämlich die Auffassung, dass Angehörige religiöser Minderheiten, insbesondere Christen und Moslems, nicht als echte Inder akzeptiert werden können, wenn sie nicht Hindus werden. Entstanden ist die Hindutvaideologie in der Spätphase der britischen Kolonialherrschaft, inspiriert durch mehrere hinduistische Reformbewegungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die als Gegengewicht zu der immer wieder als Rechtfertigung für den Kolonialismus herangezogenen angeblichen „Überlegenheit des Westens“ ins Leben gerufen wurden. Das Herzstück des Hindutva Traums ist eine Nation wie sie vor der „moslemischen Invasion“ im 12. Jahrhundert und der „Christlichen Invasion“ der Briten im 18. Jahrhundert bestanden hat.

Unter dem Einfluss dieser Ideologie sehen viele Inder, insbesondere in den Bundesstaaten, in denen die BJP viele Anhänger hat, Minderheiten als „Außenseiter“ und billigen Gewalt, um „Bekehrungen“ entgegenzutreten.

Die Hindutva Ideologie wird in vielen Teilen des Landes weiterhin verbreitet, doch einige ihrer Anhänger haben die Hoffnung verloren, dass ein reiner Hindustaat auf demokratischem Wege Wirklichkeit werden kann. Sie sind zu Extremisten geworden und führen einen Krieg mit terroristischen Untergrundaktivitäten gegen die Minderheiten. Mehrere extremistische Hindunationalisten wurden festgenommen und angeklagt, weil sie Bombenattentate gegen Minderheiten, vor allem Moslems, verübt haben. Es ist schwer, vorherzusagen, wie sich die derzeitige Entwicklung des Terrorismus durch extremistische Hindus in Zukunft auswirken wird, doch es scheint fast sicher, dass pragmatisch denkende Hindunationalisten mindestens so aktiv sein werden wie bisher, wenn auch in einer Weise die nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Dies bedeutet mehr Angriffe aber weniger Berichterstattung durch die großen Massenmedien, die Terrorakte nach ihrem Ausmaß beurteilen und sie nicht als Teil eines Trends sehen.

Die beste Methode, dieser neuen Strategie der vielen kleinen Angriffe entgegenzutreten ist, systematisch über die Verfolgung zu berichten und regelmäßig Statistiken zu veröffentlichen.

Kommission für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA-RLC) Deutsche Fassung (gekürzt): Arbeitskreis Religionsfreiheit (AKREF) der ÖEA