24.11.2011
14. Landessynode: Bericht über verfolgte Christen
Bericht über bedrängte und verfolgte Menschen in Syrien, Pakistan und anderen aktuellen Krisengebieten
14. Landessynode: Bericht über verfolgte Christen
Bericht über bedrängte und verfolgte Menschen in Syrien, Pakistan und anderen aktuellen Krisengebieten
BERICHT in der Sitzung der 14. Landessynode am 24. November 2011
zu TOP 25: Bericht über Verfolgungssituationen in Pakistan, Ägypten und anderen aktuellen Krisengebieten
Bericht für Herbstsynode
Bericht über bedrängte und verfolgte Menschen in Syrien, Pakistan und
anderen aktuellen Krisengebieten
1. Vorbemerkung
Der Bericht über verfolgte Menschen liegt dieses Jahr zwischen dem weltweiten Gebetstag für verfolgte Christen am 13. November und dem Stephanustag am 26. Dezember,sowie dem von der EKD empfohlenen Sonntag Reminiscere am 4. März 2012.
In gemeinsamer Absprache haben die Evangelische Kirche in Deutschland, die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Allianz den diesjährigen Schwerpunkt auf den Maghreb gelegt, um deutlich zu machen, dass wir zwar unterschiedliche liturgische Termine, aber ein gemeinsames Anliegen haben. Das unterstützen wir und ergänzen die Informationen mit der Konzentration dieses Berichts auf Syrien und Pakistan.
Seit dem letzten Bericht haben Mitarbeiter des Oberkirchenrats bei Besuchen in mehreren Ländern Gespräche mit bedrängen und verfolgten Christen geführt.
Unser Landesbischof hat einen Protest gegen die Bedrängnis von Christen in Ägypten öffentlich unterstützt und hat in anderen Fällen interveniert.
Auf dem Boden unserer Landeskirche hat vom 23.-26. Oktober d.J. in Schwäbisch Gmünd der zweite Kongress „Christenverfolgung heute“ stattgefunden. Dort wurde die Resolution „Religionsfreiheit im Arabischen Frühling”, verabschiedet, die darauf aufmerksam macht, dass zu einer funktionierenden Demokratie mehr gehört als das Abhalten von Wahlen, und dass es keine echte Freiheit und keine Menschenrechte ohne Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit geben kann. Für die Frage der Religionsfreiheit grundlegend bedeutsam ist auch eine Sammlung von Empfehlungen für einen Verhaltenskodex für “Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt” welche am 28. Juni veröffentlicht wurde. Im Bewusstsein der Spannungen zwischen Einzelnen und Gruppen mit unterschiedlichen religiösen Überzeugungen und der vielfältigen Interpretationen des christlichen Zeugnisses haben der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog, der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) und die Weltweite Evangelische Allianz (WEA), über einen Zeitraum von fünf Jahren dieses Dokument erarbeitet. Solch eine breite Trägerschaft eines ökumenischen Dokuments hat es vorher nicht gegeben.
Zwei Abschnitte über die Gewährung und Einforderung von Religions- und Glaubensfreiheit möchte ich in diesem Zusammenhangzitieren: „(6.) Ablehnung von Gewalt. Christen/innen sind aufgerufen, in ihrem Zeugnis alle Formen von Bericht vor der 14. Landessynode in der Sitzung am 24. November 2011
Zu TOP 25: Bericht über Verfolgungssituationen in Pakistan, Ägypten und anderen aktuellen Krisengebieten….:……
Gewalt und Machtmissbrauch abzulehnen, auch deren psychologische und soziale Formen. Sie lehnen auch Gewalt, ungerechte Diskriminierung oder Unterdrückung durch religiöse oder säkulare Autoritäten ab. Dazu gehören auch die Entweihung oder Zerstörung von Gottesdienstgebäuden und heiligen Symbolen oder Texten.“
„(7.) Religions- und Glaubensfreiheit. Religionsfreiheit beinhaltet das Recht, seine Religion öffentlich zu bekennen, auszuüben, zu verbreiten und zu wechseln. Diese Freiheit entspringt unmittelbar aus der Würde des Menschen, die ihre Grundlage in der Erschaffung aller Menschen als Ebenbild Gottes hat (vgl. Genesis 1,26). Deswegen haben alle Menschen gleiche Rechte und Pflichten. Überall dort, wo irgendeine Religion für politische Zwecke instrumentalisiert wird oder wo religiöse Verfolgung stattfindet, haben Christen/innen den Auftrag, als prophetische Zeugen und Zeuginnen solche Handlungsweisen anzuprangern.“
2. Überblick über die weltweite Lage
a) Allgemeines
Im Berichtszeitraum haben sich mehrere Entwicklungen ergeben, die zusammengenommen eine Verschärfung der Lage für aufgrund ihres Glaubens bedrängte und verfolgte Menschen weltweit erkennen lassen. Dies gilt insbesondere für Christen.
Nach der im August 2011 veröffentlichten Studie des Pew Forums „Rising Restrictions on Religion“1 ist zwar in 82% aller Länder weltweit die Situation der Menschen gleich geblieben und hat sich in „nur“ 12% verschlechtert. In den Ländern, in welchen eine Verschlechterung zu verzeichnen ist, lebt dafür aber ein knappes Drittel der Weltbevölkerung. Die absolute Anzahl der Staaten, in denen Christen bedrängt und verfolgt wurden, wuchs auf 130, bei Muslimen waren es 117 Staaten, darunter viele selbst islamisch.
Der Open Doors Weltverfolgungsindex, welcher nur die Verfolgung von Christen in den Blick nimmt, weist für 2011 folgende Länder auf den ersten zehn Plätzen auf:
1. Nordkorea (1)3
2. Iran (2)
3. Afghanistan (6)
4. Saudi-Arabien (3)
5. Somalia (4)
6. Malediven (5)
7. Jemen (7)
8. Irak (17)
9. Usbekistan (10)
10. Laos (9)
b) Einzelne Länder
Ägypten: Dass das beginnende Jahr 2011 für die Freiheit der Religion ein schwieriges wird, zeigte sich direkt in der Nacht zum 1. Januar 2011: in einer koptisch-orthodoxen Kirche in Alexandria in Ägypten (Platz 19 des Weltverfolgungsindex) wurde während einer Messe ein Bombenanschlag verübt, bei dem 21 Gottesdienstbesucher ums Leben kamen. Die im selben Monat begonnene Revolution auf dem Tahrir-Platz zeigte zwar in deren achtzehntägigen Dauer sehr hoffnungsvolle Ansätze. In diesen Tagen war es egal, welchen Glauben die Demonstranten hatten, alle fühlten sich als Ägypter. Nach vielen Berichten endete diese Gemeinsamkeit aber Bericht vor der 14. Landessynode in der Sitzung am 24. November 2011 rasch wieder. Ein erstes Zeichen hierfür war das Referendum über eine Verfassungsänderung, welche die meisten Christen als nicht weitgehend genug ablehnten. Dennoch wurden die Änderungsvorschläge mit 77 % Mehrheit angenommen.
Nach der Ablösung des Mubarak-Regimes nahmen die Übergriffe auf die koptische Minderheit im Land leider nicht ab, sondern eher zu. Immer wieder wurden Kopten angegriffen, Gottesdienste gestört und Kirchengebäude verwüstet oder niedergebrannt, jüngst im Oktober 2011. Politisch war die fehlgeschlagene Einsetzung eines Kopten als Gouverneur der Provinz Qena das deutlichste Signal. Muslimische Extremisten wehrten sich gegen die Wiederbesetzung dieses Postens durch einen Christen, weshalb der Militärrat die Ernennung verschob. Dass sich zunehmend Parteien im Spektrum der radikalen islamischen Richtungen Muslimbruderschaft und Salafisten bilden, lässt für die geplante Parlamentswahl im November nichts Gutes erwarten.
Ermutigend dagegen ist eine Demonstration von 70.000 Kopten in der vergangenen Woche, die sich für die Rechte von Christen und Religionsfreiheit eingesetzt haben, und in der Nacht von Freitag auf Samstag für Frieden und Freiheit gebetet haben
Pakistan:
Es gibt weiterhin auch Übergriffe auf christliche Kirchen in Pakistan. So wurde etwa am 29. Mai der Gottesdienst einer Gemeinde in Lahore durch bewaffnete Muslime beendet, die in die Räum der Kirche eindrangen, die Anwesenden verfluchten und einen Altar zerstörten. Sie entweihten auch mehrere Bibeln und ein Kreuz. Nach Angaben von Gottesdienstteilnehmern wurde die muslimische Gruppe vom Neffen eines früheren Parlamentsabgeordneten des Punjab angeführt. Dementsprechend ist die Polizei bei ihren Ermittlungen auch sehr vorsichtig; soweit bekannt, wurde bisher niemand wegen des Angriffs verhaftet oder gar verurteilt. Auch die verheerende Flut des letzten Jahres hat für die christliche Minderheit weiterhin große Auswirkungen. Bereits in den ersten Wochen nach der Katastrophe war deutlich geworden, dass Christen bei der Verteilung von Hilfsgütern meist benachteiligt wurden. Aber auch noch über ein Jahr später leben Tausende Christen als Obdachlose in der Provinz Punjab, obwohl die Regierung ihnen die Zuteilung von Land versprochen hatte. Lokalen Quellen zufolge wurden viele Christen bei der Erstellung der Opferlisten von Beamten vor Ort schlicht nicht berücksichtigt.
Es bleibt festzuhalten, dass sich die Haltung der Gesellschaft gegenüber der christlichen Minderheit immer weiter verschlechtert. Die Regierung scheint nicht in der Lage und in Teilen auch nicht Willens zu sein, den erforderlichen Schutz zu gewähren. Vor diesem Hintergrund erweist sich auch die im Juni 2010 erfolgte Ratifizierung des Internationalen Paktes über Bürgerliche und Politische Rechte der Vereinten Nationen durch Pakistan jedenfalls für die christliche Minderheit als Makulatur.
China: Am Ostersonntag, den 10. April 2011, gingen die Behörden des bevölkerungsreichsten Landes der Erde, China (Platz 16 des Weltverfolgungsindex), gegen die nichtregistrierte Shouwang-Kirche in Peking vor und verhinderten die Feier eines Gottesdienstes. Eine Registrierung war der Gemeinde zuvor verwehrt worden. Mehrere Pastoren und Leiter der Kirche wurden unter Hausarrest gestellt, 160 Gemeindemitglieder vorübergehend in Gewahrsam genommen. Der Vermieter der Gottesdiensträume wurde so unter Druck gesetzt, dass die Gemeinde ihre Räumlichkeiten verlor. Daraufhin beschlossen die etwa 1000 Mitglieder, sich in einem nahe gelegenen Park zu versammeln. Keine dieser Versammlungen konnte stattfinden, ohne dass die Polizei nicht Teilnehmer vorübergehend verhaftete und die Gottesdienste störte.
Eritrea: In Eritrea (Platz 12 des Weltverfolgungsindex) hat sich die für Christen kaum erträgliche Lage nicht gebessert. Weiterhin sitzen vor allem Anhänger der unabhängigen protestantischen Gemeinden in Haft, viele davon in Schiffscontainern unter unmenschlichen Bedingungen. Schätzungen reichen bis zu etwa 1.500 Menschen, die allein aufgrund ihres Glaubens inhaftiert sind. Besondere Prominenz hat dabei der frühere Patriarch der eritreisch-orthodoxen Kirche, 4 Nach dem eingangs erwähnten Bericht des Pew Forums leben 59 % mit sehr strengen oder strengen staatlichen Einschränkungen ihrer Religionsfreiheit,
Abune Antonios, der in den Hungerstreik getreten und inzwischen schwer erkrankt ist. Die Regierung lässt Gefangene, deren Gesundheitszustand sich so verschlechtert hat, dass ein baldiges Ableben zu erwarten ist, häufig vorher frei, damit sie nicht in Haft sterben und so den Behörden kein Vorwurf zu machen ist.
Irak: In diesem aktuellen Überblick nicht vergessen werden soll der Irak. Dieses Land hat im aktuellen Weltverfolgungsindex mit Abstand den größten Sprung gemacht (von Platz 17 auf Platz 8). Nach der missglückten Geiselbefreiung in einer Kirche in Bagdad am 31. Oktober 2010, bei der mehr als 50 Menschen starben, hat es zwar keine großen Anschläge mehr gegeben. Doch war dieser Anschlag so etwas wie die Initialzündung für viele Christen, das Land nunmehr zu verlassen. Die Gefahr ist daher real, dass die einheimische Kirche, nachdem sie viele Jahrhunderte lang überlebt hat, demnächst nicht mehr funktionsfähig ist. Es gibt Schätzungen, wonach zurzeit weniger als 300.000 Christen im Land verblieben sind, was gegenüber den Zahlen, die für 1991 angenommen werden, (1,1 oder 1,4 Millionen) mindestens eine Drittelung bedeutet. Immer wieder werden Christen mit dem Tode bedroht, wenn sie nicht umgehend das Land verlassen.
Viele Christen sind zudem in das Nachbarland Syrien geflohen und sind gezwungen, sich aufgrund der dortigen Unruhen mit dem Gedanken vertraut zu machen, erneut fliehen zu müssen. Welches Land eine Perspektive für sie bietet, ist momentan noch nicht absehbar.
Indonesien: Im größten muslimischen Land der Erde, welches bisher für seine Toleranz bekannt war, in Indonesien (Platz 48 des Weltverfolgungsindex), ist es am 25. September 2011 zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte des Landes zu einem Selbstmordanschlag auf eine Kirche gekommen. Bei dem Anschlag auf die Kirche in Solo, Zentraljava, wurden 18 Menschen teils schwer verletzt. Der Präsident des Landes hat den Anschlag zwar umgehend verurteilt, doch ist seit einiger Zeit zu beobachten, dass die Regierung wenig tut, um muslimischen Extremisten wirklich Einhalt zu gebieten.
Dr. Harald Kretschmer, der Vorsitzende des Ausschusses für Mission, Ökumene und Entwicklung, der zusammen mit unserer Synodalpräsidentin Dr. Christel Hausding, OKR Dr. Heckel und anderen Ausschuss-Mitgliedern vor kurzem Indonesien bereist hat berichtet aber auch, dass man bei dem Besuch in Indonesien von Fällen erfahren habe, in denen Christen Moscheen in Brand gesetzt hätten.
Diese Schlaglichter sollen genügen, um die anfangs aufgestellte These zu untermauern: weltweit verschärft sich die Lage derjenigen Menschen, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt und bedrängt werden. Christen sind hierbei besonders verletzlich. Dieser Trend findet sich auch nicht nur in Staaten, in denen der Islam die Mehrheitsreligion stellt, als Stichworte mögen dabei die
Anti-Konversionsgesetze in mehreren Bundesstaaten im hinduistischen Indien genügen sowie das zurzeit diskutierte Anti-Konversionsgesetz in Nepal. Mit der Forderung, dass Mission und der Religionswechsel zu verbieten seien, ließ aber jüngst auch der Premierminister des buddhistischen Bhutan aufhorchen. Das Problem der fehlenden Religionsfreiheit ist also weltweit verbreitet. Dass hiervon Hunderte von Millionen Menschen betroffen sind4, sollte Anlass genug für die Kirche sein, ihre Stimme zu erheben für alle, die ihren Glauben nicht in Freiheit entsprechend den internationalen Menschenrechtsverträgen ausüben können.
3. Syrien
In den letzten Monaten war Syrien fast wöchentlich in den Nachrichten. Das repressive System unter Präsident Bashar al-Assad ist innen- und außenpolitisch stark unter Druck. Wie bereits sein Vater Hafez al-Assad beim Aufstand der Muslim Bruderschaft 1982 in der Stadt Hama, so scheut auch sein Sohn Bashar al-Assad nicht den Einsatz des Militärs gegen sein eigenes Volk, um seine Macht zu erhalten.
Durch seine Jahrtausende alte Geschichte der menschlichen Besiedlung, durch die sich Syrien gerne als Wiege der Zivilisation empfindet, ist Syrien ein faszinierender heterogener Staat, mit einer Vielzahl an ethnischen und religiösen Gruppierungen. Die größte religiöse Gruppe mit rund drei Viertel (74%) der rund 22,5 Millionen Einwohner Syriens folgt dem sunnitischen Islam.
Andere dem Islam zugerechnete Gruppen sind die Alewiten (ca. 6 %), die Drusen (2-3%), die Bericht vor der 14. Landessynode in der Sitzung am 24. November 2011 Ismaeliten (knapp 1%), die Yeziden und weitere schiitische Gruppierungen.
Die traditionelle Christenheit in Syrien ist so weit gefächert wie in kaum einem anderen Land dieser Erde. Da gibt es die syrisch-orthodoxe Kirche, die sich als Mutter der syrischen Kirchen versteht und deren Anhänger in der Frühzeit als Jakobiten bezeichnet wurden. Wir selbst haben ja durch unsere Beziehung mit dem Bischof von Tur Abdin eine lange und gute Beziehung mit dieser Kirche. Und zu der Diözese in Hassake im Nord-Osten Syriens pflegt der Kirchenbezirk Blaubeuren Beziehungen.
Auch die rûm-orthodoxe Kirche sieht sich als Ursprungskirche, von der sich die syrische Kirche nach dem Konzil von Chalzedon (451 n.Chr.) getrennt hat. Das „rûm“ bezieht sich dabei auf das neue Rom, Byzanz. Eine weitere ganz unabhängige orthodoxe Kirche, ist die armenisch orthodoxe Kirche, die sich als älteste Staatskirche der Welt versteht. Die katholischen Kirchen sind ähnlich weit gefächert: Neben der uns am vertrautesten lateinischen Kirche mit verhältnismäßig wenig Mitgliedern, gibt es mehrere Ostkirchen, die zur katholischen Kirche gehören oder mit ihr uniert sind: Die maronitisch-syrische Kirche von Antiochien, die syrisch-katholische Kirche, die sich im 17. Jahrhundert von der syrischorthodoxen Kirche, abgespalten hat und die melkitisch griechisch-katholische Kirche, die sich im 18. Jahrhundert von der rum-orthodoxen Kirche abgespalten hat. Schließlich sind noch die zwei ethnisch katholischen Kirchen zu nennen, die chaldäisch-katholische und die armenischkatholische Kirche.
Grundsätzlich sind alle zu beobachtenden Repressionen gegen Kirchen politisch und nicht religiös motiviert. Als bewusst säkularer Staat akzeptiert Syrien die verschiedenen genannten Religionsgemeinschaften und garantiert ihnen nicht nur Versammlungsfreiheit, sondern sogar besondere Privilegien. So sind christliche und muslimische Hauptamtliche vom Militärdienst ausgenommen und können ihr Auto steuerfrei anmelden. Eine weitere Besonderheit ist die Befreiung von der Grundsteuer für Kirchen und Moscheen und die kostenfreie Zurverfügungstellung von Wasser und Strom.
Die Christen in Syrien genießen also trotz eines politischen Überwachungsstaates auf der einen Seite und einer großen muslimischen Mehrheit auf der anderen Seite so viele Freiheiten, wie in keinem anderen arabischen Land außer dem Libanon. Grund dafür ist, dass sich die Verantwortungsträger der Regierung und des Militärs zum Großteil aus der Minderheit der Alawiten zusammensetzen, einer schiitischen Sekte, die früher in Syrien als Nusairier, also „kleine Christen“ bezeichnet wurden. Bewusst haben sie die Christen als größte religiöse Minderheit umworben, um gegen die starke sunnitische Mehrheit bestehen zu können.
Wie die Konrad-Adenauer-Stiftung herausstellt, sind viele hochrangige Berater von Präsident Assad Christen und manche Bischöfe haben direkten Zugang zum Präsidenten. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass sich die meisten Christen trotz des großen Wunsches nach politischen und wirtschaftlichen Reformen hinter Präsident Bashar al-Assad und seine Regierung gestellt haben. Diese Solidarität konnte bis jetzt auch nicht durch die an verschiedenen Orten Syriens erfolgten blutigen Niederschlagungen der Revolution gedämpft werden. Otmar Oehring, Menschenrechtsexperte des katholischen Hilfswerks „Missio“ in Aachen kritisiert deshalb: „Die christlichen Kirchen sind gekauft worden und haben sich kaufen lassen.“5 Der Hauptgrund für die jetzigen Unruhen liegt in der wirtschaftlichen und politischen Situation des Landes, die eine Perspektivlosigkeit der jungen Generation mit sich bringt. 60 % der Bevölkerung sind unter 25 Jahren alt und die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 19 %, Tendenz steigend.
Als im Jahr 2000 Bashar al-Assad an die Macht kam, galt er als Hoffnungsträger der jungen Generation. Er hatte eine westliche Universitätsausbildung genossen, keinen militärischen Hintergrund und war erst 34 Jahre alt. Anfangs schienen sich die Hoffnungen durchaus zu bewahrheiten: Er erreichte eine Verjüngung des Kabinetts, stellte einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation, ermutigte politische Diskussionszirkel im Land und führte das Bericht vor der 14. Landessynode in der Sitzung am 24. November 2011 Internet ein.
Der sogenannte „Damaszener Frühling“ kühlte aber schnell ab und kam spätestens durch den Irak-Krieg 2003 vollends zum Erliegen. Zeitgleich verschärfte sich die wirtschaftliche Situation durch die Aufnahme der Flüchtlinge. Seit vier Jahren kommt noch eine Dürrephase hinzu, wodurch die Land- und Viehwirtschaft, durch die ca. 17% der Syrer ihren Lebensunterhalt verdienen, schwer gelitten hat. Experten gehen davon aus, dass bis jetzt 800.000 Menschen ihre Lebensgrundlage verloren haben.
Von daher ist es nicht verwunderlich, dass die Revolution in Syrien in dem kleinen Ort Daraa, an der jordanischen Grenze begann, der besonders an der Dürreperiode litt. Schüler hatten regierungsfeindliche Sprüche an Hauswände geschmiert und die Bevölkerung widersetzte sich der Polizei, als sie die Jugendlichen verhaften wollten. So entstand die erste spontane Massendemonstration bei der die Polizei vier junge Männer erschoss. Obwohl die Behörden mit äußerster Schärfe auf die weiteren Demonstrationen reagierte, bereitete sich die Oppositionsbewegung im ganzen Land aus. Schätzungen der UN gehen davon aus, dass bereits mehr als 3000 Menschen getötet wurden.
Bis heute ist es weder der innersyrischen noch der Exil-Opposition gelungen, die verschiedenen Protestbewegungen zu vereinigen. Zumindest vier verschiedene Alternativgremien sind ausgerufen worden, welche alle eher freiheitlich-demokratisch und nicht-islamisch motiviert sind.
Von diesem Gesichtspunkt her ist es bemerkenswert, dass sich die offiziellen Kirchenvertreter und der Großteil der Christen deutlich von der Opposition distanzieren und sich demonstrativ hinter den Präsidenten Bashar al-Assad und seine Regierung stellen.
In einem Brief von den Leitern verschiedener Kirchen in Syrien an Open Doors vom Mai dieses Jahres, rufen sie Christen im Westen dazu auf, sich hinter die syrische Regierung zu stellen. Sie sprechen davon, dass 95 % der syrischen Bevölkerung mit den Reformbemühungen der Regierung zufrieden sind und dass die westlichen Nachrichtenagenturen von der Opposition mit falschen Informationen versorgt werden. Auch wenn etliche Kirchenleiter mit den Vorwürfen gegenüber der Opposition mittlerweile zurückhaltender geworden sind, fordern sie ihre Gemeindemitglieder auf, nicht an den Protesten teilzunehmen und beten für eine Wiederherstellung der Ordnung im Land. Immer wieder ist zu hören, dass dem Präsident vertraut werden kann, er aber schlechte Berater hat.
Die Sorgen der syrischen Christen, von denen wir in den Medien ja kaum etwas mitbekommen, sollten wir trotzdem ernst nehmen. Für ein Leben in einer muslimischen Mehrheit haben sie in den letzten Jahren unvergleichliche Freiheiten gehabt, die nur durch die radikale Verfechtung des säkularen Staates seitens der Regierung möglich war. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich bei einer Umgestaltung der Regierung die Machtverhältnisse in Richtung der sunnitischen Mehrheit verschieben und im Zuge dessen auch das islamische Recht eine stärkere Bedeutung bekommt. Des Weiteren besteht die Gefahr von Racheakten der Unterdrückten Gruppierungen gegenüber der jetzigen Regierung und ihrer Verbündeten, die also neben den Alawiten auch die Christen treffen könnten. Gerade die jetzige deutliche Loyalität der Christen zur Regierung könnte ihnen also bei einem Regierungssturz zum Verhängnis werden.
Auch die Württembergische Landeskirche befindet sich hier im Dilemma. Hört man auf die Kirchenleitenden Personen der christlichen Kirchen, müsste man die gegenwärtige Regierung stützen, die nachweislich mittlerweile mehr als 4000 Menschen ermordet hat. Hört man auf die Opposition, dann müsste man sich auf die Seite der Regierungsgegner stellen und so die
Christen vor Ort in ihrer Sehnsucht nach Freiheit unterstützen. Wie so manchmal gibt es hier derzeit keinen Königsweg und keine eindeutige Parteinahme. Deshalb versuchen wir als Landeskirche die betroffenen Glaubensgeschwister vor Ort finanziell und mit Gebeten zu unterstützen und ansonsten eine neutrale Position einzunehmen, soweit dies in einem solchen Konflikt überhaupt möglich ist und zu appellieren, dass auch dieser Konflikt im Interesse aller friedlich gelöst werden muss.
4. Schluß
Bei der Erstellung dieses Berichts wurde ich unterstützt von den Kollegen Andreas Kümmerle, Christof Sauer, Paul Murdoch und Hanna Josua sowie durch Materialien von Open Doors und der Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten.
Lassen sie mich schließen mit zwei weiteren Zitaten aus der Erklärung „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“, welche den Zusammenhang zwischen Zeugnis und Bedrängnis deutlich machen:
(2.) …So wie der Vater den Sohn in der Kraft des Heiligen Geistes gesandt hat, so sind Gläubige mit der Sendung beauftragt, in Wort und Tat die Liebe des dreieinigen Gottes zu bezeugen.
(5.) In einigen Kontexten stößt das Anliegen, das Evangelium zu leben und zu verkündigen, auf Schwierigkeiten, Behinderungen oder sogar Verbote. Und doch sind Christen/innen von Christus beauftragt, weiterhin in Treue und gegenseitiger Solidarität von ihm Zeugnis abzulegen.“
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit
KR Klaus Rieth