01.10.2011
Türkei: Nach blasphemischer Zeichnung angeklagt
Staatsanwaltschaft: „Religiöse Gefühle eines Teiles des Volkes verletzt
Türkei: Nach blasphemischer Zeichnung angeklagt
Staatsanwaltschaft: „Religiöse Gefühle eines Teiles des Volkes verletzt
Istanbul (idea) – Wegen einer Zeichnung, die „die religiösen Gefühle eines Teiles des Volkes verletzt“, hat die Staatsanwaltschaft im türkischen Istanbul Anklage gegen einen Karikaturisten erhoben. Wie „Welt Online“ berichtet, wurde die Anklage zuerst vom Nachrichtenportal „Habertürk“ vermeldet, verbreitete sich aber wie ein Lauffeuer im ganzen Land und beschäftigt nun alle türkischen Medien und unzählige Internet-Foren. Der Karikaturist Bahadir Baruter hatte in der Satire-Zeitschrift „Penguen“ eine Karikatur veröffentlicht, auf der ein Vorbeter in einer Moschee mit einigen Gläubigen zu sehen ist. Einer der Männer telefoniert gerade mit dem lieben Gott, den er mit der überkonfessionellen Bezeichnung „Tanri“ anredet, nicht „Allah“: „Kann ich den letzten Teil des Gebets weglassen, ich habe auch noch andere Dinge zu erledigen… Vielen Dank mein Gott! Schönen guten Tag noch…“ In den Arabesken, die die Wand der Moschee zieren, hat der Zeichner folgende Botschaft versteckt: „Allah yok, Din yalan“ – Es gibt keinen Gott, Religion ist Lüge.“ Das habe wütende, aber offenbar nicht ganz unorganisierte Reaktionen „aus der Bevölkerung“ zur Folge gehabt, sowie heftige Diskussionen im Internet und in den Medien, heißt es in dem Bericht. Auf der Facebook-Seite Baruters sei eine Debatte mit rund 160 Beiträgen pro und contra entbrannt.
Meiste Türken wollen nicht neben Juden, Christen oder Atheisten wohnen
Es ist nicht das erste Mal, dass Atheismus in der seit einigen Jahren islamischeren Türkei vor Gericht steht. So wurde beispielsweise der Verlag, der die türkische Übersetzung von Richard Dawkins‘ Buch „Der Gotteswahn“ (2006) auf den Markt brachte, wegen Gotteslästerung verklagt. Am Ende stand jedoch ein Freispruch, „und das wird wohl auch bei Baruter das zu erwartende Ergebnis sein“, heißt es weiter. Über den konkreten Fall hinaus müsse man sich jedoch die Frage stellen, inwieweit die immer religiöser werdende Türkei zugleich intoleranter werde gegenüber Andersgläubigen und vor allem gegen Nichtgläubige. Seit einigen Jahren finde eine spürbare Islamisierung der Gesellschaft statt, kräftig gefördert durch die islamisch geprägte Regierung unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. „Entsprechend beunruhigend ist die Entwicklung der Sichtweisen in der Gesellschaft – neueren Umfragen zufolge wollen die meisten Türken nicht neben einem Juden oder Christen wohnen, geschweige denn Atheisten.“ Die Angelegenheit werfe auch ein Schlaglicht auf die schwierigen Bedingungen, unter denen Karikaturisten in der Türkei arbeiten.