19.09.2011

Indien: Christliche Dalits drohen mit Boykott der Regierungspartei

Die schon lange anhaltenden Proteste mit der Forderung, die Diskriminierung von Dalit Christen seitens des indischen Staates zu beenden, haben eine dramatische Wende genommen. Aktivisten drohen jetzt mit einem Boykott der regierenden Kongresspartei.

Kurz zum Hintergrund des Konflikts: Das Wort Dalit bezeichnet die Angehörigen der niedrigsten Kasten in der indischen Gesellschaft, nach der wörtlichen Bedeutung, diejenigen, auf denen man herumtrampelt. Sie galten in der vom Kastensystem gekennzeichneten indischen Gesellschaft als unberührbar. In ländlichen Gebieten leben sie bis heute getrennt von den Angehörigen „höherer“ Kasten, obwohl das Kastensystem offiziell seit Jahrzehnten abgeschafft ist. Von der Regierung werden die Dalits als „Scheduled Castes“ (wörtlich: aufgelistete Kasten) eingestuft. Sie werden vom Staat mit freier Bildung gefördert, bestimmte Quoten bei öffentlichen Ämtern sind für sie reserviert. Dieser Status galt jedoch ursprünglich nur für Hindus, wurde 1956 auf Dalits, die der Religionsgemeinschaft der Sikhs angehören, ausgedehnt, 1990 auch auf Buddhisten. Christliche Dalits sind von diesen Begünstigungen ausgeschlossen. Seit 1950 bemühen sich christliche Dalits, dieselben Rechte zu bekommen, wie die übrigen Dalits. Doch diese Forderungen wurden im Lauf der Jahrzehnte von einer Regierung nach der anderen ignoriert, da einflussreiche Hindugruppierungen gegen die Aufnahme der christlichen Dalits in die Kategorie der Scheduled Castes sind. Sie befürchten Massenbekehrungen zum Christentum.

Die Dalit Christen, die immer die Kongresspartei gewählt haben, sind enttäuscht und desillusioniert. Sie haben dass Gefühl, dass die unter der Führung der Kongresspartei stehende Regierung sie in Stich gelassen und ihre Hoffnungen enttäuscht hat, heißt es in einem Memorandum an den indischen Premierminister Manmohan Singh, der an der Spitze der Regierungskoalition steht.

Das Memorandum wurde nach den Protesten in New Delhi mit dreitägigem Hungerstreik vom 25. - 28. Juli und einem Marsch zum Parlament am 28. Muli verfasst. An dem Marsch hatten 10.000 Christen unter der Führung von über 40 Bischöfen verschiedener Konfessionen teilgenommen, die eine Beendigung der Diskriminierung der Dalit Christen forderten. Hunderte der Teilnehmer waren aus weit entfernten Bundesstaaten angereist, vom Punjab im äußersten Westen bis zum südindischen Tamil Nadu, um die Aufmerksamkeit auf die Ungleichbehandlung der christlichen Dalits zu lenken.

In dem vom Nationalen Rat der Indischen Kirchen, von der Katholischen Kirche und Aktivisten des Netzwerks von Dalit Christen unterzeichneten Memorandum, wurde der Bericht einer Kommmission zitiert, die bestätigt hatte, dass Dalit Christen oft in extremer Armut leben und erniedrigende Arbeiten verrichten müssen, um zu überleben, und unter dem Mangel an sanitären Einrichtungen, medizinischer Versorgung etc. leiden.

Ihnen die verfassungsmäßigen Vergünstigungen für Dalits nur aufgrund des Religionswechsels zu verweigern gefährdet den säkulären Charakter des Staates. „Dieser Hungerstreik ist ein Ausdruck des Hungers der christlichen Dalits nach Gleichheit und Menschenwürde“, sagte Pastor Roger Gaikwad, der Generalsekretär des Nationalen Rats der Kirchen Indiens.

Verärgert über die Gleichgültigkeit der Regierung gegenüber dem Ruf der christlichen Dalits nach Gerechtigkeit riefen deren Leiter dazu auf, bei Wahlen gegen die regierende Kongresspartei zu stimmen, die bisher von den indischen Christen favorisiert wurde.

„Die Kongresspartei hat uns jahrelang hintergangen. Jetzt ist es an der Zeit, dass wir eine konsequente Haltung einnehmen,“ sagte Bischof V. Devasahayam, der an der Spitze der Diözese Madras der Church of South India steht, und unterstützte den Aufruf, gegen die Partei zu stimmen, die Indien 50 der letzten 60 Jahre regiert hat.

Die fortgesetzte Diskriminierung der christlichen Dalits bezeichnete Bischof Devasahayam als Schadfleck auf dem säkulären Charakter der indischen Verfassung. „Anstelle der Kaste, hat die Regierung die Religion ins Spiel gebracht. Die Regierung begünstigt eine Religion auf Kosten der anderen.“

Bischof Devasahayam, selbst ein Dalit, kampierte während der Proteste in der indischen Hauptstadt. Er bezeichnete es als Fehler, dass man bisher vor allem Fasten- und Gebetsaktionen durchgeführt hätte. „Wir müssen unserer Stimme Gehör verschaffen, da unsere Schreie bisher auf taube Ohren gestoßen sind. Die Regierung verschiebt die Entscheidung über die Forderung der Christen immer wieder, obwohl mehrere von der Regierung und den Gerichten eingesetzte Kommissionen bestätigt haben, dass die christlichen Dalits benachteiligt werden,“ erklärte der Bischof.

Quelle: CWM (CW-Mission), London

Deutsche Fassung: Arbeitskreis Religionsfreiheit der ÖEA