23.01.2012
Deutschland: Antisemitismus-Studie
Judenfeindlichkeit bis in die Mitte der Gesellschaft verbreitet Antisemitismus-Studie: Deutsche haben Vorurteile gegen Juden
Deutschland: Antisemitismus-Studie
Judenfeindlichkeit bis in die Mitte der Gesellschaft verbreitet
Antisemitismus-Studie: Deutsche haben Vorurteile gegen Juden
Berlin (idea) – Judenfeindliche Einstellungen sind in „erheblichem Umfang“ in der deutschen Gesellschaft verankert. Das geht aus einem Antisemitismus-Bericht hervor, den ein unabhängiger Expertenkreis am 23. Januar auf Einladung von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) in Berlin vorgestellt hat. Es gebe mittlerweile eine „bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitete Gewöhnung an alltägliche judenfeindliche Tiraden und Praktiken“. Diese basierten „auf weit verbreiteten Vorurteilen, tief verwurzelten Klischees und auch auf schlichtem Unwissen über Juden und das Judentum“. Dem Bericht zufolge vertreten 16,5 Prozent der Deutschen die Ansicht, dass Juden zu viel Einfluss hätten. 12,6 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Juden durch ihr Verhalten an ihren Verfolgungen mitschuldig seien. 39,5 Prozent sind der Meinung, dass viele Juden versuchten, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen. Eine Mehrheit der Deutschen sieht zudem Israels Verhalten gegenüber den Palästinensern kritisch. So vertreten 57,3 Prozent die Ansicht, Israel führe einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser. 38,4 Prozent stimmen der Aussage zu, dass sie angesichts der Politik Israels gut verstehen könnten, dass man etwas gegen Juden habe. Bei der Verbreitung antisemitischer Einstellung nimmt dem Bericht zufolge Deutschland im europaweiten Vergleich einen Mittelplatz ein. Zum Teil extrem hohe Antisemitismus-Werte gebe es in Polen, Ungarn und Portugal
Welche Rolle spielt Antisemitismus bei den Kirchen?
Der 210-seitige Bericht beschäftigt sich auch mit der Rolle der Kirchen. Zwar verurteilten die Kirchenleitungen heute den Antisemitismus eindeutig. Doch vor dem Hintergrund eines jahrhundertealten christlichen Antijudaismus stelle sich die Frage, ob Elemente dieser Judenfeindschaft „zumindest in Nischen kirchlicher Arbeit überlebt haben“ könnten. So gebe es in der evangelischen Kirche Gruppen, die am Auftrag der Judenmission festhielten. Der Bericht fragt daher: „Wie weit verbreitet sind heute noch der Überlegenheitsanspruch der christlichen Religion gegenüber Juden oder Gefühle einer Anfechtung der eigenen christlichen Identität? Inwieweit werden heute im Religionsunterricht Juden immer noch als Gegner der christlichen Religion präsentiert? Welche Wirkung hat der christliche Religionsunterricht generell auf das Bild, das sich junge Menschen von Juden machen? Wie weit geht die kritische Auseinandersetzung mit der Tradition des christlichen Antijudaismus?“ Der Expertenkreis kündigte an, zwei gesonderte Gutachten zur katholischen und evangelischen Kirche erstellen zu lassen.