13.06.2012

Weltpolitik: Religion wird zum entscheidenden Faktor

US-Politikwissenschaftlerin sieht „Gottes Jahrhundert“ voraus

Weltpolitik: Religion wird zum entscheidenden Faktor

US-Politikwissenschaftlerin sieht „Gottes Jahrhundert“ voraus

Cambridge/Hamburg/London (idea) – Totgesagte leben länger: Noch im 20. Jahrhundert wurde der Religion besonders in westlichen Ländern ein baldiges Ende vorausgesagt; doch tatsächlich lebt sie auf und wird eine entscheidende Rolle in der Weltpolitik spielen. Das sagt die US-Politikwissenschaftlerin Prof. Monica Duffy Toft voraus. Religiöses Wissen werde zu einer Schlüsselkompetenz am Arbeitsplatz, meint der österreichische Sozialethiker Prof. Clemens Sedmak. Toft leitet an der Harvard-Universität (Cambridge/US-Bundesstaat Massachusetts) ein Forschungsprojekt über Religion in internationalen Beziehungen. In ihrem neuen Buch „Gottes Jahrhundert – Wiederkehr der Religion und globale Politik“ bestreitet sie die These, dass die Verweltlichung zunehme. In Wahrheit gehe die Zahl der Nicht-Religiösen und Atheisten zurück, während der Glaube besonders in Afrika, Lateinamerika und Asien aufblühe. Obwohl dies in Europa und Nordamerika nicht der Fall sei, werde Religion auch dort politisch immer wichtiger, nicht zuletzt durch den wachsenden Einfluss muslimischer Zuwanderer.

Die Zahl der Pfingstler wächst am stärksten

„In Staaten wie Nigeria und Indien finden Menschen, dass ein Politiker gläubig sein sollte. In den USA hieß es früher, dass ein Katholik niemals Präsident werden könne. Heute kann ein Atheist niemals Präsident werden“, sagte Toft der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Hamburg). Etwa 60 Prozent der 1,2 Milliarden Menschen in den 34 Industriestaaten, die zur Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gehören, glaubten an Gott. Am stärksten wüchsen die protestantischen Pfingstgemeinden. Sie stellten die individuelle Beziehung zu Gott und zur Bibel in den Mittelpunkt und seien damit „sehr modern“. Die Zahl der Pfingstler und Charismatiker ist nach Angaben des US-Religionsstatistikers David Barrett auf rund 612 Millionen gewachsen; sie stellen damit etwa 27 Prozent der Christenheit von 2,2 Milliarden Menschen. Die römisch-katholische Kirche mit etwa 1,2 Milliarden Mitgliedern hält laut Toft zwar ihren Prozentsatz von 54,5 Prozent an der Christenheit, aber sie wachse nicht.

Religion treibt Demokratisierung voran

Die großen säkularen Ideologien wie Sozialismus, Kommunismus und Kapitalismus hätten ihre Versprechen nicht einlösen können. Ausschlaggebend für den Aufstieg der Religion seien die Faktoren Modernisierung, Demokratisierung und Globalisierung. Im Zuge der Modernisierung träten religiöse Gruppen in einen Wettbewerb um den richtigen Glauben. Sie konkurrierten untereinander und mit dem Staat. Seit den siebziger Jahren hätten religiöse Akteure in den großen politischen Bewegungen in 63 Prozent der Fälle die Demokratisierung vorangetrieben. Als Beispiele nennt Toft die Rolle von Papst Johannes Paul II. (1920-2005) bei der Ablösung des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa sowie die Beteiligung katholischer Bischöfe an der Freiheitsbewegung in Lateinamerika. In Indonesien forderten muslimische Gruppen Mitbestimmung, und beim Arabischen Frühling nutzten die ägyptischen Muslim-Bruderschaften die entstehende Demokratie. Religiöse Gruppen spielten bei der Demokratisierung öfter eine positive Rolle als eine negative. Religion nehme bei Konflikten oft eine Vermittlerrolle ein und stifte Frieden.

Pflegekräfte brauchen religiöse Kompetenz

Auch für den in London und Salzburg lehrenden Sozialethiker Prof. Clemens Sedmak wächst die Rolle der Religion. Im Arbeitsmarkt werde der sichere Umgang mit anderen Glaubensrichtungen zu einer Schlüsselkompetenz, schreibt er in einer Studie. So müssten sich Pflegekräfte mit der Frage auseinandersetzen, wie sie sich verhalten sollten, wenn ein Muslim im Sterben liege: „Was bedeutet das für die Familie? Was heißt das für die Begräbnisvorbereitung? Welche Rituale gibt es?“ Diese Kompetenz werde immer wichtiger; bald werde sie selbstverständlich sein, so Sedmak.