16.12.2013
Ukraine: Der Pfarrer zwischen den Fronten
„Bitte beten Sie für uns“, bittet Pfarrer Ralf Haska von der Deutschen Evangelisch-Lutherischen St.-Katharinenkirche in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Klaus Rösler von idea hat mit ihm gesprochen.
Ukraine: Der Pfarrer zwischen den Fronten
„Bitte beten Sie für uns“, bittet Pfarrer Ralf Haska von der Deutschen Evangelisch-Lutherischen St.-Katharinenkirche in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Klaus Rösler von idea hat mit ihm gesprochen.
Seit drei Wochen stehen sich Oppositionelle und Polizei in Kiew gegenüber. Die Demonstranten auf dem Freiheitsplatz Maidan fordern den Rücktritt von Präsident Viktor Janukowitsch und der Regierung, nachdem die Ukraine sich stärker in Richtung Russland und nicht – wie eigentlich geplant – in Richtung EU ausrichtet. Zwar kommt es vergangenen Freitag erstmals zum Gespräch zwischen Regierung und Opposition – doch eine Lösung zeichnet sich nicht ab. Pfarrer Haska befindet sich mit seiner Kirche mitten im Zentrum der Auseinandersetzung. Seine Kirche liegt direkt gegenüber vom Präsidentenpalast. Bis zum Freiheitsplatz sind es keine zehn Minuten zu Fuß. Der aus Brandenburg stammende Theologe betreut seit vier Jahren die Lutheraner in Kiew. Täglich geht er zum Gebetszelt, das mitten auf dem Freiheitsplatz von evangelischen Freikirchen errichtet wurde. Hier wird rund um die Uhr für einen friedlichen Verlauf gebetet. Haska reiht sich in den Kreis der zwei bis zehn anwesenden Beter ein.
Eine offene Kirche für alle
Die Demonstrationen prägen auch den Alltag in seiner lutherischen Kirche. Sie ist rund um die Uhr geöffnet. Demonstranten und Polizisten bekommen eine Tasse Tee oder Kaffee, etwas zu essen, können sich aufwärmen oder die Toilette benutzen. Er beobachtet, wie dort beide Seiten vorsichtig miteinander ins Gespräch kommen. Doch dann wird den Polizisten verboten, die Kirche aufzusuchen. Durch die politische Kontroverse hat sich der Glaube des Pfarrers verändert. „Schlichte Bibelworte bekommen auf einmal eine ganz andere Brisanz“, sagt er. Die Worte Jesu „Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben“ (Matthäus 25,35) werden auf einmal zu praktischen Bitten, die man umsetzen muss. Auch die Weihnachtsbotschaft „Fürchtet euch nicht“ erlebt er hautnah. Als die Regierung die Barrikaden im Regierungsviertel räumen lässt und eine Gruppe von bis zu 150 Oppositionellen mit Knüppeln die an der Räumung beteiligten Polizisten zusammenschlagen will, zieht sich Haska seinen Talar über und stellt sich mutig zwischen die Fronten. Später sagt er: „Das war nicht mutig. Ich war verzweifelt.“ Ihm gelingt es, die wütenden Protestler zu beruhigen. Der fließend ukrainisch sprechende Pfarrer verweist auf seine eigenen Erfahrungen bei der Friedlichen Revolution in der DDR 1989: „Wir haben damals gewonnen, weil wir friedlich geblieben sind.“
Gefühlt waren das sicher eine Million Demonstranten
Das normale Gemeindeleben geht weiter. Das ist Haska wichtig. „Wir müssen die Menschen doch ganzheitlich stärken“, meint er. Es gibt am vergangenen Wochenende ein Konzert des Gemeindechores – unter den Besuchern ist auch der deutsche Botschafter – und drei Gottesdienste. Am Sonntag protestieren 20.000 für Janukowitsch – und 200.000 – so Haska – gegen ihn. Und er ergänzt: „Gefühlt waren das aber sicher eine Million.“