14.06.2013
Türkei: Jugend will Freiheit
Ein Baptistenpastor aus Izmir über die Protestewelle - Bericht von idea -
Türkei: Jugend will Freiheit
Ein Baptistenpastor aus Izmir über die Protestewelle
- Bericht von idea -
Die Türkei steht weltweit in den Schlagzeilen, nachdem es zu blutiger Gewalt zwischen der Polizei und rund 5.000 Demonstranten in Istanbul gekommen ist. Vordergründig ging es darum, dass die Regierung im Gezi-Park im Zentrum der Millionenmetropole ein Einkaufszentrum errichten wollte. Die Demonstranten aber wollten den Park erhalten. Nun hat die Regierung eingewilligt, die Entscheidung eines Gerichts über einen Baustopp zu akzeptieren. Sollte doch weitergebaut werden können, ist eine Volksbefragung angekündigt.
Der Islam wurde kräftig aufgewertet
Ich bin mir freilich nicht sicher, ob das den Regierungsgegnern – vorwiegend jungen Leuten – reicht. Denn sie wollen vor allem mehr Freiheitsrechte. Über das Internet und über die sozialen Medien sind sie international vernetzt. Ministerpräsident Erdogan ist seit zehn Jahren an der Macht. Wer 2003 ein Jugendlicher war und heute Anfang bis Mitte 20 ist, der hat nie einen anderen als diesen konservativen Regierungschef kennengelernt. Der Islam wurde in seiner Zeit kräftig aufgewertet. Doch das wollen längst nicht alle jungen Leute. Sie wollen so leben können, wie sie wollen, und nicht so, wie es von ihnen als Muslimen erwartet wird.
Ein Kuss in der Öffentlichkeit geht gar nicht
Ein Beispiel: Wenn ein unverheiratetes Pärchen Hand in Hand durch die Straßen schlendert, wird ihnen unmoralisches Verhalten vorgeworfen – von islamischen Geistlichen wie auch einfachen Bürgern. Ein Kuss in der Öffentlichkeit – das geht gar nicht. Im Kampf gegen den Alkoholismus hat die Regierung drastisch die Steuern erhöht. Eine Flasche Schnaps kostet nun umgerechnet 30 Euro, vorher 10. Viele können sich das nicht mehr leisten und sind sauer auf die Regierung. Sie fühlen sich gegängelt und bevormundet. Erdogan hat überall im Land muslimische Schulen gründen lassen. Doch viele Eltern wollen lieber eine säkulare Ausbildung für ihre Kinder. Seit Jahren protestieren sie – doch ihre Kritik verhallte ungehört. Alle diese Enttäuschungen haben sich mit den Protesten nun Gehör verschafft.
Die Kehrseite der Medaille
Andererseits hat die Regierung große Verdienste: Die Wirtschaft boomt, Straßen wurden ausgebaut, viele haben mehr Geld in der Tasche. Auch den wenigen Christen geht es besser. Erdogan hat Gespräche mit ihnen geführt und dafür gesorgt, dass sie nicht länger so stark diskriminiert werden wie früher. So hat die Zeitung Sabah vor kurzem in einer Reportage über unsere Baptistengemeinde in Izmir berichtet. Noch vor wenigen Monaten wäre das undenkbar gewesen. Früher enteignete christliche Stiftungen haben ihr Vermögen zurückerhalten. Wie geht es weiter? Im Neuen Testament findet sich ein wichtiger Appell: „Betet für alle Obrigkeit“ (1. Timotheus 2,2). Das tun wir.
(Der Autor, Ertan Cevik, lebt seit 1999 als Gemeindegründer in der Türkei. Er leitet die Baptistengemeinde in Izmir.)