22.03.2013

Orient: Abwanderung von Christen

Geht die Zeit der Christenheit im Orient zu Ende? Christen erleben Umbrüche nicht als „Frühling“, sondern als „Hölle“

Orient: Abwanderung von Christen

Geht die Zeit der Christenheit im Orient zu Ende?

Christen erleben Umbrüche nicht als „Frühling“, sondern als „Hölle“

 

Bielefeld (idea) – Geht die Zeit der Christenheit im Orient zu Ende? Anzeichen dafür sieht ein Kenner der arabischen Welt, der Islam-Beauftragte der Evangelischen Kirche von Westfalen, Kirchenrat Gerhard Duncker (Bielefeld). Wie er in einem Bericht zur Lage schreibt, sei der Zusammenbruch der Diktaturen in allen Ländern des Orients mit einer Auflösung der öffentlichen Ordnung verbunden gewesen. Dies bekomme vor allem die christliche Minderheit zu spüren. So würden Kirchen in Brand gesteckt, Priester ermordet und christliche Familien verfolgt. Dabei handele es sich nicht nur um Taten muslimischer Extremisten, sondern auch von Kriminellen. Sie entführten die Kinder wohlhabender Christen und erpressten hohe Lösegelder. Mit Blick auf den sogenannten „Arabischen Frühling“ zitiert Duncker den christlich-libanesischen Politiker Michel Aoun: „Es ist kein Frühling, sondern die Hölle.“ Dem Kirchenrat zufolge trifft es die Christen im Orient doppelt hart: „Die Lebensbedingungen sind für alle Menschen in der Region schlecht. Für die Christen kommt noch die Angst um ihr Leben, vor allem die Angst um das Leben ihrer Kinder hinzu.“ Duncker erwartet, dass viele Christen versuchen werden, woanders einen Neuanfang zu machen: „400 000 Christen haben allein im letzten Jahr Ägypten verlassen. Wer wollte es ihnen verdenken, auch wenn es traurig ist?“ Im Libanon stellten die Christen zwar noch 40 Prozent der Bevölkerung, aber in Ägypten seien es nur noch zehn Prozent, in Syrien neun Prozent und im Irak und in Palästina jeweils unter zwei Prozent – „überall mit abnehmender Tendenz“. Sowohl diejenigen orientalischen Christen, die in den Westen kommen, als auch diejenigen, die in ihrer Heimat ausharren, „brauchen unser Gebet, unsere Solidarität und unsere praktische Hilfe“.

Türkei: Junge Christen gehen ins Ausland

Skeptisch äußerte sich Duncker gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea auch zur Lage der Christen in der Türkei. Er kehrte gerade von einer siebentägigen Studienreise mit 17 Vikaren der rheinischen, westfälischen und lippischen Landeskirche von dort zurück. Seine Beobachtung: „Viele Gemeinden schrumpfen, sind überaltert und haben keine Geld für anstehende Renovierungen.“ Gerade junge Christen gingen ins Ausland. Es gebe kaum noch Taufen und Konfirmationen. Zwar sehe man Fortschritte bei der Rückgabe von Kirchengebäuden und Ländereien, die der türkische Staat vor allem zwischen den 1930er und 70er Jahren beschlagnahmt habe. Doch vielerorts sähen sich die Christen nicht in der Lage, die anfallenden Sanierungskosten zu stemmen. So hätte beispielsweise die griechisch-orthodoxe Gemeinde nach 50 Jahren ein Waisenhaus zurückerhalten. Doch um das Holzhaus zu sanieren, fehle das Geld. Die westfälische Kirche unterstütze beispielsweise armenische Christen finanziell bei Kinder-Freizeiten. Außerdem habe sie syrisch-orthodoxen Christen einen Zuschuss für die Renovierung eines Klosters gegeben.

Keine Ausbildung christlicher Geistlicher

Duncker nannte es problematisch, dass es nach wie vor keine Ausbildung von christlichen Geistlichen in der Türkei gebe. Das staatliche „Amt für religiöse Angelegenheiten“ fördere ausschließlich die Sunniten. Der Anteil der Christen in der Türkei hatte 1914 noch bei rund 20 Prozent gelegen. Heute beträgt er noch 0,2 Prozent. Über 95 Prozent der 72 Millionen Einwohner der Türkei sind Muslime. Von den rund 120.000 Christen gehören etwa 4.000 zu evangelikalen Gemeinden. Die Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei in Istanbul mit den Filial-Gemeinden in Ankara und Izmir hat laut Duncker zurzeit 250 Mitglieder. Er war von 1993 bis 2002 Pfarrer dieser Gemeinde.