22.11.2013

Mittlerer Osten: Wer kämpft gegen wen?

Die religiöse und politische Lage ist schwer zu durchschauen

Mittlerer Osten: Wer kämpft gegen wen?

Die religiöse und politische Lage ist schwer zu durchschauen

Pewsey (idea) – Die religiöse und politische Lage im Nahen und Mittleren Osten ist für westliche Beobachter kaum noch zu durchschauen. Die Fronten verlaufen zum Beispiel zwischen muslimischen Strömungen wie Sunniten und Schiiten. Ferner stehen radikale Muslime, die Islamisten, und sogenannte „Heilige Krieger“, liberalen und säkularen Strömungen gegenüber. Israel und die christlichen Minderheiten geraten zwischen alle Fronten. Christen laufen Gefahr, in Konflikten und Bürgerkriegen zerrieben bzw. aus ihrer Heimat – der Wiege der Christenheit – vertrieben zu werden. Der Westen hat sich weitgehend als unfähig erwiesen, die Christen in der Region zu schützen, erklärt das Hilfswerk für verfolgte Christen „Barnabas Fund“ (Pewsey/Südengland) in einer Analyse. Militärinterventionen hätten bereits „zur faktischen Auslöschung der Kirchen im Irak“ geführt. Den Christen in Syrien drohe ein ähnliches Schicksal; in anderen Regionen warteten sie bislang vergeblich auf Hilfe zur Befreiung vom „Joch der Verfolgung“.

Neue Allianzen: Wer stellt sich hinter Christen?

Dabei hätten sich in den Konflikten überraschende neue Allianzen gebildet. Westliche Nationen wollten den Iran wegen seines nuklearen Potentials schwächen und stellten sich zunehmend auf die Seite radikal-sunnitischer Bewegungen wie Muslim-Bruderschaften, Salafisten und saudische Wahhabiten. Hingegen träten Russland und China als Unterstützer liberaler und anti-islamistischer Kräfte sowie der Schiiten auf, etwa des Iran und des alawitischen Regimes in Syrien. Alawiten gehören zum schiitischen Spektrum. Als Konsequenz fänden sich Christen an der Seite von Russland und China wieder, die traditionell „nicht gerade als Freunde der Kirchen“ aufgetreten seien. Doch diese hätten auf heimischem Territorium ebenfalls mit radikal-islamischen Kräften zu kämpfen, etwa im Kaukasus oder der Provinz Xinjiang. Hingegen würden christlich geprägte Länder des Westens inzwischen als Unterstützer radikaler Islamisten wahrgenommen, die Christen ihre Grundrechte verweigerten.

Sunniten gegen Schiiten

Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten geht auf einen blutigen Streit nach dem Tod Mohammeds im Jahr 632 zurück. Einige seiner Anhänger meinten, dass der Beste unter den Gläubigen die Nachfolge antreten sollte. Andere forderten einen Nachfolger aus der Prophetenfamilie. Da Mohammed keinen Sohn hatte, wollten sie seinen Schwiegersohn Ali sowie dessen Nachfahren zu Anführern machen. Ali wurde 661 ermordet; aus seinen Anhängern gingen die Schiiten hervor. Die Sunniten stellen jedoch heute mit mehr als 80 Prozent die große Mehrheit der 1,6 Milliarden Muslime weltweit; im Nahen Osten haben sie einen Anteil von etwa 90 Prozent. Heute stehen sich auf Seiten der Sunniten vor allem Saudi-Arabien sowie die Golfstaaten und auf schiitischer Seite der Iran und die vor allem im Libanon beheimateten Hisbollah-Milizen gegenüber. Aber die Lage ist noch komplexer: Einige sunnitische Gegner Saudi-Arabiens unterstützen ebenfalls die Hisbollah (Partei Allahs). Im Libanon und Syrien finden sich Christen aus Gründen der Selbsterhaltung auf unterschiedlichen Seiten wieder.

Syrien: Islamisten entführen humanitäre Helfer

Im syrischen Bürgerkrieg droht ihnen laut Barnabas Fund die völlige Vertreibung, ähnlich wie im Irak nach der US-geführten Invasion von 2003. Im syrischen Bürgerkrieg würde ein Sieg der sunnitischen Aufständischen fatale Auswirkungen auf das schiitische Regime im Iran und seine Verbündeten haben. Die Aggression zwischen Sunniten und Schiiten habe sich bereits mit Terroranschlägen in Nachbarländern wie dem Irak ausgebreitet. Christen und andere Minderheiten gerieten dabei ins Kreuzfeuer. Terrormilizen im syrischen Bürgerkrieg rekrutieren zunehmend auch muslimische Konvertiten aus westlichen Staaten. Nach Geheimdienstinformationen sollen jeweils etwa 200 Deutsche und Briten dort kämpfen. Die „Heiligen Krieger“ schrecken auch vor Entführungen von Mitarbeitern westlicher Hilfswerke nicht zurück. Die humanitären Hilfsaktionen sehen sie als verlängerten Arm eines ideologischen Kampfes gegen den Islam.

Saudi-Arabien: Unterdrückung von Christen

Saudi-Arabien mit seiner wahabitischen Strömung des sunnitischen Islam ist der strengste, autoritärste und ölreichste Staat der Region. Das konservativ regierte Königreich wehrt sich laut Barnabas Fund gegen eine Demokratisierung im eigenen Land und in den Nachbarstaaten. Obwohl Saudi-Arabien eine Schlüsselrolle bei den sunnitischen Aufständen des Arabischen Frühlings gespielt habe, wende es sich gegen politische islamistische Bewegungen wie die Muslim-Bruderschaften. Die Unterdrückung von Christen sei in Saudi-Arabien stärker als in jedem anderen islamischen Land.

Demokratie ist mehr als Wahlen

Der Arabische Frühling in Nordafrika hat laut Barnabas Fund die Erwartungen nicht erfüllt, dass dort demokratische Strukturen entstehen könnten. Das zeigten die Entwicklungen unter anderem in Tunesien, Libyen und Ägypten. Demokratie sei mehr als freie Wahlen; sie könne nur in einer starken Zivilgesellschaft florieren mit freier Presse, einer unabhängigen Justiz und Grundrechten, die auch Minderheiten schützen. Der Kern des Problems liege im Konflikt zwischen säkularen und islamistischen Kräften. Progressive Muslime sowie Christen und andere träten für eine Trennung von Staat und Religion ein, während Islamisten darauf bestünden, dass der Islam das Staatswesen bestimmen müsse.