08.04.2014
Ukraine/Russland: Die Europäische Evangelische Allianz (EEA) ruft zu Gebet und zum Einsatz für den Frieden in der Ukraine und Russland auf
Was können Christen tun, während wir ernstlich beten und Ausschau halten, wie das nächste Kapitel der Geschichte Russlands und seiner Beziehungen zu seinen Nachbarn aussehen wird?
Wir danken Gott dafür, dass es keine noch größeren Konfliktausbrüche gegeben hat, dass mutige Friedensstifter inmitten der Spannungen standen oder auf Plätzen der Stadt knieten um zu beten. Wir dürfen jedoch die Angst, die Verletzungen und das Gefühl von Unrecht und Wut nicht unterschätzen. Wir müssen weiter beten!
Der Einfluss der Geschichte
Wir alle sind das Ergebnis der Geschichte, und das bedeutet, dass der Westen Russland von vornherein misstraut und umgekehrt.
Das Erbe des Kalten Krieges überschattet uns. Als die UdSSR zerbrach, wurde auch der Warschauer Pakt aufgelöst, wodurch sich Russland verwundbarer fühlte. Mittlerweile hat sich die NATO vergrößert und bereitwillig Nationen aufgenommen, die es verabscheut hatten, Teil des sowjetischen Einflussgebiets zu sein. Russlands alter Feind ist stärker geworden und noch näher gerückt.
Unsere politische Geschichte sieht anders aus. Der Westen steht für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und verfügt über eine längere Erfahrung mit beiden. Sowohl Russland als auch der Ukraine wurde die Demokratie in den 1990iger Jahren aufgedrängt und beide haben ihre Anpassungsschwierigkeiten. Die demokratischen Institutionen sind schwach, Korruption ist weit verbreitet, der Rechtsstaat ist noch nicht hoch entwickelt und das Volk leidet. Viele fürchten aber auch das Chaos, das die brandneue Demokratie in den 1990iger Jahren mit sich brachte und verabscheuen die Vorstellung, dass westliche, liberale Ideen auf dem Vormarsch sind, wozu die Toleranz zum Beispiel gegenüber Homosexualität gehört. Mittlerweile denkt man im Westen, man sei moralisch überlegen, während Russland Widersprüchlichkeiten sieht. So hält Russland die Übergangsregierung der Ukraine für nicht rechtmäßig und argumentiert, dass der Westen durch deren Unterstützung seine Vorliebe für die Rechtsstaatlichkeit über Bord geworfen habe.
Geht man noch weiter zurück, sieht man, wie Ostereuropa zu unterschiedlichen Zeiten von den verschiedensten Hauptstädten aus regiert wurde. Diese Veränderungen und die Migration von Menschen aus wirtschaftlichen Gründen in der jüngeren Vergangenheit haben dazu geführt, dass Angehörige der unterschiedlichsten Völker nebeneinander leben, deren kulturelles Zugehörigkeitsgefühl aber russisch, ukrainisch, rumänisch, polnisch, litauisch, ungarisch, usw. ist. Insbesondere in der Ukraine ist die Loyalität der Bevölkerung geteilt. Sie hat weitgehend erfolglos versucht, eine Brücke zwischen dem Osten und dem Westen zu schlagen. Und andere Nationen scheinen das Gefühl zu haben, sich zu Recht in die Angelegenheiten der Ukraine einmischen zu dürfen.
Unsere Medien sind durch die Geschichte beeinflusst. Dort, wo die Freiheit der Medien beschnitten wird, sind Regierungen in der Lage, verzerrte und hetzerische Berichte zu streuen. Aber sogar in Ländern, in denen die Medien unabhängiger sind, sehen die meisten Redakteure die Ereignisse aus einem bestimmten Blickwinkel, selektieren Fakten, vermitteln diese dementsprechend und interviewen Menschen, die aus der Perspektive des jeweiligen Landes sprechen.
Was können Christen tun?
Was können Christen also tun, während wir ernstlich beten und Ausschau halten, wie das nächste Kapitel der Geschichte aussehen wird? Wir können versuchen, die Ängste, die Verletzungen, die Wut und die geschichtliche Perspektive zu verstehen, die wir selbst mit uns tragen und die unsere eigene Meinung beeinflussen. Wir können Gott bitten uns zu helfen, das größere Ganze zu sehen.
Die Liebe zur eigenen Nationen (Patriotismus) ist gut. Offenbarung 21 sagt uns, dass die Herrlichkeit der Nationen im Himmel widergespiegelt sein wird. Doch der Nationalismus, der uns die Schuld unseres eigenen Landes nicht sehen lässt und der andere gerne leiden sieht, ist Sünde. Der Nationalismus ist Europas dauernde Sünde. Er hält uns davon ab, die Wahrheit zu sehen oder Kompromisse einzugehen. Politiker nützen den Nationalismus, um ihr Handeln zu rechtfertigen und Popularität zu gewinnen. Mögen Europas Christen in der Lage sein, ihre himmlische Bürgerschaft vor ihre irdische Staatsbürgerschaft zu stellen.
Russland und seine Nachbarn müssen in der Lage sein, in Frieden und gegenseitigem Respekt miteinander zu leben und wirtschaftlich zu kooperieren. Die Menschen in der Ukraine müssen in der Lage sein, einander zu vertrauen, unabhängig davon, ob sie sich eher dem Westen zugehörig oder als Russen fühlen. Die Ereignisse auf der Krim, der noch nicht lange zurückliegende Konflikt in Südossetien und das russische Säbelrasseln an der ukrainischen Grenze machen diese Notwendigkeit zu einem noch schwerer zu erreichenden Ziel und erhöhen das Maß an Angst und Feindseligkeit.
Gebetsanliegen
1. Bitte bete für jene, die trauern oder große Angst haben.
2. Bete weiterhin für die mutigen Friedensstifter und für jene, die die Angst nehmen können.
3. Bete dafür, dass die Büchse der Pandora des Nationalismus wieder geschlossen wird.
4. Bete dafür, dass die Wahrheit gehört wird und für mutige Journalisten und Zuhörer.
5. Bete dafür, dass couragierte, neue Politiker auftreten, auch aus den Gemeinden und Kirchen, die in der Lage sind, Spaltungen zu überwinden und dabei helfen können, dass sich Menschen respektiert und sicher fühlen und Rechtsstaatlichkeit und Integrität gestärkt werden.
6. Bete dafür, dass die ukrainischen Wahlen im Mai wirklich demokratisch ablaufen und zur Bildung einer Regierung führen, die zum Wohl aller Ukrainer arbeitet.
Deutsche Fassung: Arbeitskreis Religionsfreiheit (AKREF) der ÖEA