25.04.2014

Afghanistan: Die Lage für Hilfswerke wird bedrohlicher

Kabul/Braunschweig (idea) – In Afghanistan wird die Sicherheitslage für ausländische humanitäre Organisationen bedrohlicher. Das berichtete der deutsche Direktor des internationalen christlichen Hilfswerks Shelter Now (Zuflucht Jetzt), Udo Stolte (Braunschweig), am 25. April auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Shelter Now ist seit 30 Jahren unter Afghanen tätig und unterhält 20 Hilfsprojekte im Land am Hindukusch. Stolte äußerte sich besorgt angesichts des jüngsten Anschlags auf das Kabuler Krankenhaus der christlichen Hilfsorganisation Cure International am 24. April. Dabei erschoss ein afghanischer Sicherheitsbeamter drei US-Amerikaner, darunter den 57-jährigen Kinderarzt Jerry Umanos. Zwei weitere Personen wurden verletzt. Über die Motive des Täters ist noch nichts bekannt. Erst Ende März waren 16 ausländische Christen nur knapp einem Anschlag der radikal-islamischen Taliban entgangen. Sie hatten sich in einem Gebäude versammelt, wo unregelmäßig Gottesdienste und Gebetstreffen abgehalten werden. Den fünf Attentätern gelang es nicht, ein doppeltes Tor aufzusprengen, doch entwickelte sich ein Feuergefecht mit benachbarten Sicherheitskräften. Ein Sprecher der Taliban, Zabiullah Mujahid, bestätigte später, dass der Anschlag dem als „Kirche“ genutzten Haus gegolten habe; dort würden Muslime zum Christentum bekehrt.

Fürbitte für humanitäre Helfer

Stolte befürchtet, dass die sogenannten Bewaffneten Oppositionsgruppen, die aus den Taliban hervorgegangen sind, verstärkt Anschläge auf „weiche Ziele“ verüben, etwa humanitäre Einrichtungen. Sie versprächen sich von Angriffen auf Ausländer eine breite internationale Öffentlichkeitswirksamkeit. Laut Stolte könnte es im Falle von zunehmenden Anschlägen auf Ausländer zu einem „Exodus“ humanitärer Helfer kommen. Er ruft Christen zum Gebet für die Mitarbeiter christlicher Hilfswerke und für Afghanistan auf.

Überraschend hohe Wahlbeteiligung

Die Zunahme des Terrors steht nach Stoltes Einschätzung mit den Präsidentschaftswahlen in Zusammenhang. Die Taliban seien enttäuscht, dass die Wahlbeteiligung am 5. April trotz Anschlagsdrohungen überraschend hoch gewesen sei. Rund sieben Millionen der zwölf Millionen Wahlberechtigten – 58 Prozent – gingen an die Urnen. Darunter waren laut Stolte auch viele Frauen, die sich nicht von radikal-islamischen Kräften einschüchtern ließen. Nach dem jetzigen Stand der Auszählung wird es wahrscheinlich am 28. Mai zu einer Stichwahl zwischen dem früheren Außenminister Abdullah Abdullah und dem ehemaligen Finanzminister Aschraf Ghani kommen. Der seit 2001 regierende Präsident Hamid Karsai durfte nicht mehr antreten.

Cure-Hospital war früher eine christliche Augenklinik

Bei dem Anschlag auf das Cure-Krankenhaus eröffnete ein Polizist, der als Sicherheitsbeamter an der Einrichtung abgestellt war, das Feuer auf den Arzt Umanos sowie einen Vater und seinen Sohn, die dort zu Besuch waren. Der Täter versuchte danach, sich selbst zu erschießen. Er wurde zunächst im Cure-Hospital behandelt und dann den afghanischen Behörden übergeben. Das Krankenhaus mit 110 Betten wurde 2005 auf Wunsch der afghanischen Regierung eingerichtet. Es ist auf die Behandlung von Schwangeren und Kindern spezialisiert und versorgt nach eigenen Angaben etwa 37.000 Patienten pro Jahr. Der Präsident von Cure International, Dale Brantner, würdigte insbesondere die Verdienste von Umanos, der aus Chicago stammt. Er habe seit sieben Jahren dem afghanischen Volk treu gedient. Cure werde seinen Dienst in Kabul unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen weiterführen. Das Krankenhaus war ursprünglich eine christliche Augenklinik, die im Krieg zerstört wurde. Am Wiederaufbau ab 2002 war auch Shelter Now beteiligt. Von den knapp 30 Millionen Einwohnern Afghanistans sind fast 99,9 Prozent Muslime. Die Zahl der Christen, meist Ausländer, wird auf bis zu 15.000 geschätzt. Daneben gibt es etwa 3.000 Sikhs, 400 Anhänger der Baha’i-Religion und rund 100 Hindus.

Körperliche und geistliche Heilung

Das Hilfswerk Cure International mit Sitz in Lemoyne (US-Bundesstaat Pennsylvania), wurde 1996 von dem US-amerikanischen Orthopäden und Chirurgen Scott Harrison und seiner Frau Sally gegründet. Der Arzt hatte im ostafrikanischen Malawi Kinder mit Behinderungen wie Klumpfüßen oder angeborenen Fehlbildungen im Gesichtsbereich behandelt. Das Wunder der körperlichen Heilung habe Türen für das Gespräch über geistliche Heilung geöffnet, so Harrison. Inzwischen ist Cure in 29 Ländern vertreten. Insgesamt wurden in den Einrichtungen mehr als 150.000 Operationen durchgeführt und 2,1 MiIlionen Patienten ambulant behandelt. Ferner hat das Hilfswerk über 6.600 medizinische Fachkräfte ausgebildet.