28.04.2014

Türkei-Besuch: Was Christen von Gauck erwarten

Der Bundespräsident soll sich für ein Ende von Diskriminierungen einsetzen

Türkei-Besuch: Was Christen von Gauck erwarten

Der Bundespräsident soll sich für ein Ende von Diskriminierungen einsetzen

Ankara/Izmir/Göttingen (idea) – Mit vielfältigen Erwartungen verbunden ist der Staatsbesuch von Bundespräsident Joachim Gauck in der Türkei – insbesondere im Blick auf die Menschenrechte. Er führt noch bis zum 29. April Gespräche mit führenden politischen Repräsentanten und hält mehrere Ansprachen. Christen in der Türkei erwarten, dass der Bundespräsident für mehr Religionsfreiheit und ein Ende von Diskriminierungen eintritt. Er solle insbesondere einfordern, dass der Staat enteignete Kirchengebäude zurückgibt und die Gründung christlicher Stiftungen zulässt, sagte der Baptistenpastor Ertan Cevik (Izmir) gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Seine 90 Mitglieder zählende Gemeinde dürfe zwar eine alte evangelische Kirche nutzen, die dem Staat gehöre: „Das Gebäude könnte uns aber jederzeit weggenommen werden.“ Kirchen hätten keine Rechtssicherheit. Cevik zufolge sollte Gauck sich auch dafür stark machen, dass die Kirchen in der Türkei im Land ihre Geistlichen ausbilden können. Theologische Ausbildungsstätten würden bisher nicht genehmigt: „Wenn wir junge Christen zu Pastoren ausbilden wollen, müssen wir sie ins Ausland schicken.“

Gesellschaft für bedrohte Völker: Lage der Christen in Syrien ansprechen

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (Göttingen) hofft, dass Gauck die Lage der ethnischen und religiösen Minderheiten im Nachbarland Syrien zur Sprache bringt, die zwischen die Fronten der Bürgerkriegsparteien geraten seien. „Der Bundespräsident soll deutlich machen: Wir denken an die dortigen Christen und Kurden“, sagte der Nahostreferent der Menschenrechtsorganisation, Kamal Sido, gegenüber idea. Gauck solle auch dafür eintreten, dass die Türkei keine islamistischen Krieger mehr in das Nachbarland lasse, weil diese dort gezielt Christen angriffen und entführten. Ankara solle sich für eine friedliche Lösung des Syrien-Konflikts einsetzen und dort nur demokratische Kräfte unterstützen, die die christliche und kurdische Minderheit schonten. Gauck solle die türkische Führung ferner auffordern, sich für die Freilassung zweier in Syrien entführter Kirchenleiter einzusetzen. Es handelt sich um den syrisch-orthodoxen Erzbischof Mar Gregorius Yohanna Ibrahim und seinen griechisch-orthodoxen Amtsbruder Paul Yazidschi. Die verschollenen Bischöfe wurden im April 2013 verschleppt, als sie auf dem Weg von Aleppo nach Al Mansura waren, um über die Freilassung eines entführten Priesters zu verhandeln. Dabei gerieten sie in einen Hinterhalt. Ihr Fahrer, ein Diakon, wurde erschossen. Bisher hat sich niemand zu der Tat bekannt. Während seiner Reise traf Gauck auch syrische Bürgerkriegsflüchtlinge. Nach seinen Worten sollte sich Deutschland ein Beispiel daran nehmen, was die Türkei für sie tue. Das Land versorgt mit Hilfe der Vereinten Nationen und zahlreicher Hilfsorganisationen rund 200.000 Flüchtlinge in 21 Lagern.

Westfälische Präses trifft Menschenrechtsaktivisten in der Türkei

Derzeit hält sich auch eine Delegation der Evangelischen Kirche von Westfalen unter Leitung von Präses Annette Kurschus (Bielefeld) in der Türkei auf. Nach kirchlichen Angaben bringt der Besuch die Solidarität mit den christlichen Minderheiten in dem islamischen Land zum Ausdruck. Kurschus traf am 26. April das Oberhaupt der syrisch-orthodoxen Christen in Istanbul, Ankara und Izmir, Bischof Yusuf Cetin, und sprach am 27. April in einem Gottesdienst der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Istanbul. Außerdem kam es dort zu einer Begegnung mit Menschenrechtsaktivisten. Danach sagte Kurschus: „Wir trafen junge Leute, die sich mit hohen Idealen für Bürgerrechte, Meinungsfreiheit und eine menschenfreundliche Gesellschaft einsetzen und dabei einen guten Weg suchen. Ich hoffe, dass sie den Mut nicht verlieren und ihre Kräfte zielgerichtet bündeln können.“ Wie es in einer Mitteilung der westfälischen Kirche weiter heißt, haben Kirchen in der Türkei einen schweren Stand. So besitze die vor 160 Jahren gegründete evangelische Gemeinde in Istanbul keinen eigenen Rechtsstatus. So könne sie keine Konten führen und keine Immobilien kaufen oder verkaufen. Die Türkei hat rund 75 Millionen Einwohner, von denen 95 Prozent Muslime sind. Die Zahl der Christen liegt bei 120.000; darunter sind etwa 4.000 Evangelikale.