05.06.2014
Nigeria: Macht und Selbstbereicherung
Gutachten: Religion spielt bei Gewalt in Nigeria nur eine Nebenrolle
Nigeria: Macht und Selbstbereicherung
Gutachten: Religion spielt bei Gewalt in Nigeria nur eine Nebenrolle
Berlin (idea) – Religion spielt in den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen in Nigeria nur eine Nebenrolle. Diese Ansicht vertrat der Professor für Friedensforschung und Internationale Politik, Andreas Hasenclever (Tübingen), bei einer Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin zum Friedensgutachten 2014 am 4. Juni in Berlin. Das Gutachten wird jährlich von fünf deutschen Friedensforschungsinstituten herausgegeben, darunter die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST). Hasenclever zufolge trägt die Gewalt in Nigeria auf den ersten Blick ein religiöses Gewand: „Es wird gebrandschatzt, gemordet und gefoltert im Namen der Religion.“ Zahlreiche Moscheen und Kirchen seien angezündet und tausende Menschen vertrieben oder ermordet worden. Nigeria sei politisch wie religiös gespalten. Die nördlichen Bundesstaaten sind muslimisch, der Süden christlich geprägt. Dennoch sei Religion für die Konflikte nicht ausschlaggebend, so Hasenclever: „Ob ein Konflikt durch religiöse, ethnische oder politische Gegensätze bestimmt wird, ist für seinen Verlauf ähnlich nebensächlich wie der Unterschied von Wodka, Gin oder Whisky für die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen.“ Im Hintergrund stünden vor allem Konflikte um den Zugang zu staatlichen Pfründen. Politische Ämter dienten in Nigeria der Selbstbereicherung von Amtsinhabern und ihrer Gefolgschaft. Gewalt drohe immer dort, wo etablierte Pfründe bedroht seien – etwa durch eine Amtsablösung nach Wahlen. Auch die islamische Terrororganisation Boko Haram („Westliche Bildung ist Sünde“) habe wenig mit Religion und viel mit dem Kampf um die Einnahmen aus Ölvorkommen zu tun. Hasenclever: „Boko Haram führt keinen Heiligen Krieg an, sondern bleibt eigenwilliger Teil eines säkularen Ressourcenkampfes.“ Obwohl Nigeria aufgrund von Ölvorkommen reich sei, lebten 80 Prozent der Menschen in absoluter Armut und hätten weniger als umgerechnet 0,90 Euro pro Tag zur Verfügung. Von den 169 Millionen Einwohnern des westafrikanischen Landes sind etwa 50 Prozent Muslime und 48 Prozent Christen. Die übrigen sind Anhänger von Naturreligionen.
Menschenrechtsbeauftragter: Gewalt vor allem wegen Kampf um Ressourcen
Laut dem Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, Christoph Strässer (SPD), sind für die Eskalation von Gewalt in der Regel nicht religiöse Motive, sondern der Kampf um Ressourcen aussschlaggebend. Aufgabe deutscher Außenpolitik sei es, gewaltsame Konflikte im Vorfeld zu erkennen und einen Beitrag zur Stabilisierung zu leisten. Dies könne etwa durch Entwicklungszusammenarbeit, interreligiösen Dialog, Vermittlung und zivile Krisenprävention erfolgen. Notwendig sei es, zum Erhalt staatlicher Strukturen – etwa der Polizei – beizutragen. Nur in absoluten Ausnahmesituationen dürfe zur Befriedung die Bundeswehr eingesetzt werden.