11.06.2014
Irak: Dem Nordirak droht eine Katastrophe
Menschenrechtler: Tausende fliehen vor der Terrororganisation ISIS
Irak: Dem Nordirak droht eine Katastrophe
Menschenrechtler: Tausende fliehen vor der Terrororganisation ISIS
Mossul/Wiesbaden/Göttingen (idea) – Im Norden Iraks droht eine humanitäre Katastrophe. Tausende Christen und gemäßigte Muslime sind auf der Flucht. Sie suchen Schutz vor der Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ (ISIS). Etwa 3.000 Kämpfer für den sogenannten „Heiligen Krieg“ haben mit ihrer Offensive vom 6. Juni die Hauptstadt der Provinz Ninive, Mossul, erobert. ISIS will in Syrien und im Irak einen islamischen Gottessstaat errichten. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen, die in Kontakt mit chaldäisch-assyrischen Christen und Kirchen stehen, sind bis zu 150.000 Muslime und Christen in Klöster und christliche Ortschaften in der Ninive-Ebene geflohen. Wie der assyrische Erzdiakon Emanuel Youkhana (Wiesbaden) der Evangelischen Nachrichtenagentur idea am 11. Juni auf Anfrage mitteilte, sind die christlichen Siedlungen überfordert. Flüchtlingsfamilien würden in Schulen, Dorfgemeinschaftshäusern und Kirchen untergebracht. Sie brauchten dringend humanitäre Unterstützung aus dem Ausland. Er habe sich bereits mit einem Hilferuf an die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern gewandt.
„Katastrophale Situation“ in Mossul
Youkhana koordiniert im Irak, in Syrien, und im Libanon humanitäre Hilfe für christliche Familien. Nach seinen Angaben herrscht in Mossul eine „katastrophale Situation“. Die irakischen Sicherheitskräfte hätten die mit 1,8 Millionen Einwohnern zweitgrößte Stadt des Landes fast widerstandslos aufgegeben. Mossul sei einst ein Zufluchtsort für Christen aus anderen Landesteilen gewesen, doch nach den Anschlägen und Entführungen im Jahr 2008 seien viele in Kurdengebiete geflohen. Zuletzt hätten noch etwa 250 christliche Familien in Mossul gewohnt; er gehe davon aus, dass sie jetzt alle geflüchtet seien. Youkhana ist von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM/Frankfurt am Main) mit dem „Stephanus-Preis“ ausgezeichnet worden. Wie Sabri Alkan (Wiesbaden), Ehrenmitglied der IGFM, gegenüber idea bestätigte, ergießt sich eine Flüchtlingswelle von Mossul aus in die Ninive-Ebene. Bisher habe es seines Wissens keine direkten Angriffe der Terrorgruppe ISIS auf Kirchen und christliche Siedlungen gegeben.
„Glück im Unglück“
Ähnlich schätzt der Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker, Kamal Sido (Göttingen), die Lage ein. Es sei ein Glück im Unglück, dass viele Christen schon früher Mossul verlassen hätten, sagte er gegenüber idea. Die Kurdengebiete, in die sie geflohen seien, brauchten jetzt dringend Hilfe. Hier sei auch die Bundesregierung gefragt. Insgesamt haben etwa 150.000 Bewohner Mossul verlassen. Die Zahl der ehemals 1,5 Millionen Christen (2003) im Irak ist auf unter 500.000 gesunken. Im vorigen Jahr sind in dem Land nach Schätzungen der Vereinten Nationen mehr als 8.000 Personen bei Anschlägen worden. Verantwortlich dafür sind vor allem sunnitische Aufständische und mit dem Terrornetzwerk El Kaida verbündete Gruppen.