13.06.2014

Brasilien: Fußball-WM läuft auf Kosten der Armen

250.000 Brasilianer wurden zwangsumgesiedelt – manche ohne Entschädigung

Brasilien: Fußball-WM läuft auf Kosten der Armen

250.000 Brasilianer wurden zwangsumgesiedelt – manche ohne Entschädigung

Sinsheim/Dietzhölztal (idea) – Verständnis für die Proteste der armen Bevölkerung gegen die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien zeigen Vertreter evangelikaler Missionswerke in Deutschland. „Die WM in Brasilien läuft auf Kosten vieler Armer“, sagte die Brasilien-Expertin der DMG interpersonal (früher: Deutsche Missionsgemeinschaft), Charlotte Prüfer (Sinsheim bei Heidelberg), der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Über 250.000 Brasilianer seien für den Bau von Stadien und Verkehrswegen aus ihren Häusern vertrieben und zwangsumgesiedelt worden, manche an die Stadtränder, wo es keine Arbeit gebe. Andere hätten noch keine Entschädigung erhalten. „Diese Weltmeisterschaft wird die teuerste aller Zeiten“, kritisierte die Missionarin, die seit zwölf Jahren in Brasilien unter Straßenkindern arbeitet. Gelder, die sonst ins Bildungssystem sowie in das Gesundheits- und Transportwesen geflossen wären, seien für den kostspieligen Stadienbau ausgegeben worden. Prüfers Fazit: „Die WM ist vor allem eine Veranstaltung für die Mittelständischen und alle, die Geld haben.“ Die Armen profitierten überhaupt nicht davon.

Sozialisten haben umverteilt, aber nichts verbessert

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt der Missionssekretär für Brasilien der Allianz-Mission, Jochen Riemer (Dietzhölztal/Mittelhessen). Die Schere zwischen Arm und Reich gehe stark auseinander: „Die Brasilianer waren immer sehr geduldig, Proteste gab es lange nicht.“ Aber nun hätten auch sie die Geduld verloren. Die beiden sozialistischen Präsidenten Lula da Silva, der bis 2011 regierte, und die derzeitige Amtsinhaberin Dilma Rousseff, hätten zwar das Geld umverteilt, aber grundsätzlich in der Wirtschaft des Landes nichts verbessert. Die Preise seien in den letzten Jahren extrem gestiegen, ebenso Steuern und Abgaben. Prestigeprojekte wie der Bau von Stadien für die Fußball-WM hätten nun das Fass zum Überlaufen gebracht. Riemer: „Die Leute sind nicht mehr bereit, da mitzuspielen und Party zu machen.“ Etwa ein Viertel der fast 200 Millionen Brasilianer ist von Sozialhilfe abhängig. Die 14 aus Deutschland nach Brasilien entsandten Mitarbeiter der Allianz-Mission sind unter Straßenkindern, Prostituierten und Drogenabhängigen sowie im Gemeindeaufbau tätig. Laut Riemer sind es besonders Evangelikale, die sich landesweit für Benachteiligte einsetzen: „Eine gespaltene Gesellschaft wie die Brasiliens braucht nicht nur Geld, sondern gerade auch gelebte Versöhnung am Beispiel der Christen.“ Insgesamt belaufen sich die Kosten für die Austragung der Weltmeisterschaft auf über elf Milliarden Euro. Seit etwa einem Jahr ist es daher in Brasilien immer wieder zu Massenprotesten gekommen. Am „Internationalen Tag des Kampfes gegen die WM“ gingen im Mai zehntausende Bürger für bessere Arbeitsbedingungen und bezahlbare Wohnungen auf die Straße. In São Paulo, wo am 12. Juni das Eröffnungsspiel der WM stattfand, war es dabei zu Ausschreitungen gekommen. Nach der Fußball-WM ist Brasilien auch Ausrichter der in Rio de Janeiro stattfindenden Olympischen Spiele 2016. 57 Prozent der Einwohner des Landes bezeichnen sich als Katholiken. Ihr Anteil ist seit 1970 um 35 Prozent gesunken. Im selben Zeitraum stieg der Bevölkerungsanteil der Protestanten, besonders der Evangelikalen, von fünf auf 28 Prozent. Nicht-Religiöse stellen etwa acht Prozent der Brasilianer und Angehörige anderer Religionen sieben Prozent.

Die Fußball-Weltmeisterschaft bietet Christen viele Chancen

Spielübertragungen und Informationen über Brasilien treffen auf breites Interesse

Altenkirchen (idea vom 13.6.2014) – Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien vom 12. Juni bis 13. Juli bietet für Christen und Gemeinden zahlreiche evangelistische Möglichkeiten. Dieser Ansicht ist der Leiter der sportmissionarischen Organisation SRS (früher: Sportler ruft Sportler), Hans Günter Schmidts (Altenkirchen/Westerwald). Wie er auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea sagte, ist die Fußball-WM die größte Sportveranstaltung der Welt, die auf breites Interesse stoße. Aktionen wie öffentliche Übertragungen in Gemeindehäusern träfen die Bedürfnisse vieler Menschen. Zugleich seien Fußballprofis gerade für viele junge Menschen Vorbilder: „Wenn die engagierten Christen unter den Profifußballern klar Stellung beziehen, ist das für viele Menschen Orientierung und Hilfe.“ Hierzu böten zahlreiche christliche Werke Materialien wie Bücher oder Videos an, die während der Weltmeisterschaft gezeigt oder verteilt werden könnten.

Fußballfans nicht als „Bekehrungsobjekte“ sehen

Schmidts warnte jedoch davor, in Fußballfans lediglich „Bekehrungsobjekte“ zu sehen. Die meisten Menschen hätten ein feines Gespür dafür, ob sie als Gegenüber ernst genommen würden. Die große Chance von Gemeinden liege gerade in der nachhaltigen und kontinuierlichen Arbeit im und mit Sport, „nicht so sehr in der eventorientierten Gestaltung.“ SRS veranstaltet während der WM unter anderem Gottesdienste, Fußball-Schulen und Podiumsdiskussionen zum Thema. Darüber hinaus wird ein 20-köpfiges SRS-Fußballteam nach Brasilien in die Stadt Recife reisen. Dort werde man unter anderem Freundschaftsspiele gestalten sowie in Gefängnisse und Jugendeinrichtungen gehen, um mit den Menschen dort ins Gespräch zu kommen. Begleiten werde die Gruppe der ehemalige brasilianische Nationalspieler Mineiro, der bis 2010 bei Schalke 04 unter Vertrag war, sagte Schmidts. SRS beschäftigt rund 50 Mitarbeiter. Das Werk wurde 1971 unter dem Namen „Sportler ruft Sportler“ von Helmfried Riecker als Abteilung des Missionswerks Neues Leben gegründet. Seit 1986 ist SRS ein eingetragener Verein, der Leistungs- und Hobbysportler mit der christlichen Botschaft erreichen will. Rund 700 ehrenamtliche Mitarbeiter sind in 28 Sportarten für die Organisation in Bibelkreisen, Seminaren und auf Sportfreizeiten aktiv. SRS ist regelmäßig auf internationalen sportlichen Großveranstaltungen mit theologisch und seelsorgerlich geschulten Mentoren vertreten.

Evangelikale beten für ein friedliches Fußballfest

Der Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz, Geoff Tunnicliffe (New York), sandte zur Eröffnung der WM ein Grußwort an Brasiliens Präsidentin Dilma Roussef. Darin geht er auf die Vision von dem großen Festmahl ein, die im Buch der Offenbarung geschildert wird. An der Tafel säßen Menschen aus aller Herren Länder, um miteinander den Frieden zu feiern, den Jesus der gesamten Schöpfung gebracht habe. Die Weltmeisterschaft in Brasilien sei eine Möglichkeit, dass Menschen aus aller Welt trotz ihrer Unterschiede friedlich die Vielfalt von Gottes Schöpfung miteinander feierten, schreibt Tunnicliffe. Man bete in der Weltweiten Evangelischen Allianz für ein freudiges und friedliches Fußballfest. Die Weltweite Evangelische Allianz repräsentiert eigenen Angaben zufolge rund 650 Millionen Christen.

Evangelische Kirche zwischen Ball und Bibel

In Deutschland werden zahlreiche Gemeinden während der Fußball-WM zu besonderen Veranstaltungen einladen. So wird in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau der Ball nahe an die Bibel rücken. Bereits angepfiffen wurde die WM auf dem Internetauftritt der Kirche (www.ekhn.de). Die Online-Redaktion hat dort unter anderem gesammelt, wie die Fußballreporter Béla Réthy, Reinhold Beckmann oder Marcel Reif den Glauben und das Spiel sehen. Rund 40 Gemeinden im Kirchengebiet werden zum gemeinsamen Anschauen der Spiele einladen. Besonders eindrücklich soll das beispielsweise in Frankfurt am Main geschehen. Dort öffnet das Dominikanerkloster seine Pforten für Fußballbegeisterte am Endspieltag. Wer auf richtige Stadion-Atmosphäre setzt, der ist in der Frankfurter Commerzbank-Arena richtig. Am 21. Juni wird dort im Vorfeld der Begegnung Deutschland gegen Ghana ein ökumenischer Gottesdienst unter dem Motto „Doppel(s)pass“ gefeiert.

Wenn der Pfarrgarten zur Fußballarena wird

Auch in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland laden zahlreiche Gemeinden zu Veranstaltungen während der Fußball-WM ein, allein 70 zu öffentlichen Übertragungen der Spiele. Im thüringischen Magdala verwandelt sich der Pfarrgarten in eine kleine Fußballarena. Ein Partyzelt ist aufgebaut, auf der Bühne steht eine große Leinwand. Die Kirchengemeinde organisiert dazu ein Rahmenprogramm mit Fußballquiz und Torwandschießen. Außerdem wird es kulinarische Köstlichkeiten aus dem jeweiligen Land des deutschen Gegners geben. Wer dabei sein will, ohne die Spiele zu verfolgen, für den gibt es eine „fußballfreie Zone“.