30.06.2014
Sudan: Standhaft – selbst im Angesicht des Todes
Ein Kommentar von Thorsten Brückner, der für idea schrieb
Sudan: Standhaft – selbst im Angesicht des Todes
Ein Kommentar von Thorsten Brückner, der für idea schrieb
Ihr Schicksal berührt viele Menschen. Nun scheint es, dass die Geschichte der sudanesischen Christin Mariam Yahia Ibrahim Ishag ein gutes Ende nimmt. Auch die Aussicht auf die Todesstrafe brachte sie nicht dazu, ihrem christlichen Glauben abzuschwören.
Ihr Gesicht wirkt noch schmaler als sonst. Auf den ersten Blick sieht man der ohnehin schon dünnen Frau ihr Martyrium an. Fünf Monate verbrachte sie unter katastrophalen hygienischen Bedingungen in einem Gefängnis in Sudans Hauptstadt Khartum. Die Anklage: Abfall vom Islam. Das Urteil: Tod durch den Strang, davor 100 Peitschenhiebe. Während der Haft brachte die 27-Jährige auf dem Zellenboden liegend, ihre Beine in Ketten gelegt, ihr zweites Kind zur Welt, eine mittlerweile fünf Wochen alte Tochter. Der 21 Monate alte Sohn lebte mit ihr in der Zelle. Zwei Jahre lang sollte sie ihr Neugeborenes noch stillen dürfen – dann würde das Urteil vollstreckt werden. Dabei hätte es Mariam Yahia Ibrahim Ishag so einfach haben können. Ein Satz hätte genügt: „Ich schwöre ab.“ Hätte sie das islamische Glaubensbekenntnis aufgesagt, wäre sie sofort aus der Haft entlassen worden und könnte als Muslimin ein normales Leben führen.
„Ich bin Christin“
Doch die zierliche Ärztin bleibt standhaft: „Ich bin Christin und war niemals Muslimin.“ Als sie sechs Jahre alt war, verließ ihr muslimischer Vater ihre aus Äthiopien stammende christliche Mutter. Obwohl sie als Christin aufwuchs, gilt sie nach den Gesetzen der Scharia als Muslimin; ihre Heirat mit dem südsudanesischen Christen Daniel Wani ist folglich ungültig. Ihr Ehemann ist sich stets sicher gewesen, dass seine Frau nicht abschwören würde. „Sie wird nicht zum Islam übertreten, da können die mit ihr machen, was sie wollen“, sagte er während ihrer Haftzeit. Schließlich knickt die Regierung von Diktator Omar al Bashir vor einer Welle der internationalen Solidarität ein, ordnet ihre Freilassung an. Hunderttausende hatten weltweit Petitionen zu ihren Gunsten unterschrieben oder die sudanesischen Botschaften mit Protestbriefen geflutet.
Erneute Verhaftung
Doch die Freude über die Freilassung währt nur kurz. Mit ihrem Mann und den beiden Kindern will sie am 24. Juni das Land in Richtung USA verlassen. Doch erneut wird ihr der christliche Glaube zum Verhängnis. Nicht ihr muslimischer Name steht auf den vom Südsudan ausgestellten Reisedokumenten, sondern ihr christlicher: Mariam Ishag. Noch am Flughafen werden sie und ihr Mann erneut verhaftet. Der Vorwurf diesmal: Fälschung von Reisedokumenten.
Voll von Hass auf Christen
Der Hass gegen Christen im Sudan sitzt tief. Als sie im Gefängnis ihre Tochter zur Welt bringt, fordert ausgerechnet ihr Halbbruder ihre Hinrichtung, falls sie nicht zum Islam zurückkehre. Der Lebenswandel von Mariam ist vielen Muslimen zuwider: Sie ist eine erfolgreiche Ärztin und Geschäftsfrau, besitzt zusammen mit ihrem Mann, der im Rollstuhl sitzt und teilweise auf ihre Hilfe angewiesen ist, mehrere Firmen im Sudan. Aber nicht nur ihr Halbbruder setzt die junge Frau unter Druck.
Wie kommt sie aus der US-Botschaft raus?
Nach mehreren Todesdrohungen flieht sie vergangene Woche mit ihrem Mann, dem fünf Wochen alten Baby und ihrem Sohn in die US-Botschaft von Khartum.Hier ist Ishag vorläufig in Sicherheit. Das Ende ihres Leidenswegs?