06.03.2014
Brasilien: Freikirchen machen Katholiken Konkurrenz
Gottesdienste funktionieren nach einem Franchise-ähnlichen System
Brasilien: Freikirchen machen Katholiken Konkurrenz
Gottesdienste funktionieren nach einem Franchise-ähnlichen System
Rio de Janeiro/Berlin (idea) – In Brasilien nimmt der Einfluss der evangelischen Freikirchen zu. Besonders in den Großstädten machen sie inzwischen der römisch-katholischen Kirche Konkurrenz. Das berichtet die Tageszeitung „Die Welt“ (Berlin). Zwar gehörten immer noch 65 Prozent der rund 192 Millionen Einwohner zur katholischen Kirche. Doch immer mehr wechselten zu meist pfingstkirchlichen Freikirchen, weil ihnen die Form der Ansprache in den katholischen Gottesdiensten fremd geworden sei. „Wir müssen hier keine Bibelverse besprechen wie in der katholischen Kirche, die viele nicht verstehen“, zitiert das Blatt einen ehemaligen Drogenhändler, der inzwischen zur pfingstlerischen „Universalkirche des Reiches Gottes“ gehört. Vielmehr gehe es um praktische Lebensfragen und darum, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Um die Predigten zu verstehen, sei kein theologisches Grundwissen nötig. Die „Universalkirche des Reiches Gottes“ gehört mit rund zwei Millionen Mitgliedern zu den größten und einflussreichsten des Landes. Sie hat Tausende Niederlassungen – sowohl in armen als auch in wohlhabenden Vierteln. Die Ausstattung der Gemeindehäuser und die Abläufe der Gottesdienste seien aber überall identisch, heißt es in dem Bericht. So sei jeder Tag einem Thema gewidmet: „Montag etwa Finanzen, Donnerstag Liebestherapie, Freitag Befreiung von Sünden, Sonntag Hauptversammlung mit Wunderheilung.“
Das Modell ist schnell und überall anwendbar
Der Erfolg der Freikirche basiere auf einem Franchise-ähnlichen System, bei dem ein Unternehmer Rechte für den Betrieb einer Filiale an Subunternehmer vergibt. Das freikirchliche Modell sei schnell und überall anwendbar: „Neben einem Raum braucht es einen Pastor, etwas Musik und hilfesuchende Menschen.“ Finanziert werde das Ganze durch die Spenden der Besucher. Die katholische Kirche kritisiert, dass Freikirchen wie die „Universalkirche des Reiches Gottes“ zu viel Geld von ihren Mitgliedern verlangten – und das auch in den Armenvierteln, wo die Bewohner ohnehin wenig hätten. Die Spenden seien in der Bibel vorgesehen, kontern Mitglieder der Freikirche. „Und warum sollten wir uns an materiellen Dingen festhalten“, wird eine Gottesdienstbesucherin zitiert. „Mein Haus, mein Auto – kann ich das mit ins Grab nehmen?“ Das Vermögen des selbsternannten Bischofs der „Universalkirche des Reichs Gottes“, Edir Macedo, schätzte das Forbes-Magazin 2013 auf 950 Millionen US-Dollar (690 Millionen Euro). „Er wäre damit der reichste Pastor Brasiliens“, so „Die Welt“. Wie aus einer Langzeitstudie des US-amerikanischen Forschungsinstituts PewForum (Washington) hervorgeht, ist der Bevölkerungsanteil der Katholiken seit 1970 von 92 Prozent auf 65 Prozent gesunken. Im selben Zeitraum stieg der Anteil der Protestanten von fünf auf 22 Prozent, der Nichtreligiösen von ein auf acht Prozent und der Anhänger anderer Religionen von zwei auf fünf Prozent. Brasilien hat 192 Millionen Einwohner.