11.03.2014

Europa: Was die Religionen für Europa tun können

EKD-Synodenpräses: Der EU ein menschenfreundliches Gesicht geben

Europa: Was die Religionen für Europa tun können

EKD-Synodenpräses: Der EU ein menschenfreundliches Gesicht geben

Kiel (idea) – Die Religionen haben in der Europäischen Union (EU) eine wichtige Rolle zu spielen. Sie sorgen dafür, dass dieses Projekt des Friedens und der Solidarität nicht von rein wirtschaftlichen Faktoren überlagert wird. Das hat die Präses der EKD-Synode, Irmgard Schwaetzer (Berlin), am 10. März in einem Vortrag in Kiel betont. Die frühere FDP-Bundesministerin erinnerte daran, dass die Bewältigung der Schulden- und Finanzmarktkrise in der EU zur Verschlechterung der Lebensumstände weiter Bevölkerungsteile geführt und nationalistisch gesinnten Kräften Auftrieb gegeben habe. Der Gedanke der Solidarität sei in den Hintergrund getreten. Die Rolle der Religionen in der EU sieht Schwaetzer darin, dass sie ein Forum für den Dialog zwischen den Bürgern und den Institutionen bilden könnten, um der EU ein „menschenfreundliches Gesicht“ zu geben.

„Versöhnte Verschiedenheit“ als Leitbild

Die Kirchen sollten dabei laut Schwaetzer ihre Vision von einer „versöhnten Verschiedenheit“ einbringen. Dieses evangelische Konzept dient zunächst der Einheit der verschiedenen Konfessionen; es könnte aber auch als ein Leitbild für die 500 Millionen Bürger in den 28 Mitgliedsstaaten der EU dienen. Wenn die Kirchen versöhnte Verschiedenheit vorleben, „dann“ – so die Vorsitzende des EKD-Kirchenparlaments – „sind wir glaubhafte Zeugen, dass auch in der EU der Weg zu versöhnter Verschiedenheit gelingen wird.“

Verhältnis zwischen Muslimen und Staat regeln

Dies betreffe auch das Miteinander der Religionen in Europa. Schwaetzer zeigte sich „zutiefst dankbar“ dafür, dass nach der Erfahrung des Holocausts jüdisches Leben wieder mitten in Europa angekommen sei. In den Kirchen sei das Bewusstsein für die große Nähe zum Judentum wieder stärker geworden. Freilich werde das über Jahrhunderte gewachsene Verhältnis von Staat und Kirche zur Herausforderung für alle Religionen, besonders für den Islam. Zwar gehörten muslimische Gemeinschaften längst zu Europa, aber die religiöse Vielfalt werde nur schlecht im überkommenen Staat-Kirche-Verhältnis abgebildet. Hier sei eine Umgestaltung hin zu einer wirklichen Chancengleichheit nötig und dringend geboten. Ihre Friedensverantwortung könnten die Religionen nicht jeweils einzeln, sondern nur gemeinsam wahrnehmen. Wenn sie „den Dialog vorleben, der zum Frieden führt“, seien sie unentbehrliche Partner für Politik und Gesellschaft.

Marktregeln geben keinen Halt im Leben

Laut Schwaetzer werden Menschen in der Moderne mehrheitlich nicht mehr in eine Religion hineingeboren, sondern sie wählen sie selbst aus. Dann müssten die Kirchen mit ihren Glaubensinhalten sichtbar sein. Nach Ansicht der Präses wird der Einfluss der Religionen auf die Gesellschaft weiter wachsen: „Unbegrenzte Märkte haben Europa an den Rand des Ruins gebracht, zumindest des finanziellen. Wir Menschen spüren, dass Funktionieren nach Marktregeln unserem Leben keine Halt gibt, dass wir nicht allein als Wirtschaftsfaktoren und Konsumenten im Blick sein wollen, sondern dass da etwas sein muss, das dem Leben Sinn und Halt und Tiefe gibt.“