13.03.2014
Arabische Welt: Suche nach der wahren Freiheit
Ein Bericht von Carsten Polanz
Die arabische Welt befindet sich in einer Zeit des Umbruchs – mit ungewissem Ausgang. Eine zentrale Frage betrifft die Rolle der Religion in der Gesellschaft und das zukünftige Verhältnis von öffentlicher Moral und individueller Freiheit. Der islamische Diskurs verdeutlicht, dass die Freiheiten westlicher Gesellschaften viele Muslime sowohl faszinieren als auch abstoßen.
Der arabische Begriff für Freiheit lautet „hurrija“. Das entsprechende Adjektiv bezeichnete im traditionellen Sprachgebrauch lediglich das Gegenteil von Versklavung. Vorislamische Poeten benutzten den Begriff darüber hinaus, um einen noblen Charakter oder ein edles und aufopferungsvolles Verhalten zu beschreiben. Mittelalterliche Theologen debattierten über das Verhältnis zwischen menschlicher Freiheit auf der einen und göttlicher Allmacht und Allwissenheit auf der anderen Seite. Für Mystiker wie Ibn Arabi (1165-1240) ging es bei Freiheit vor allem um eine allumfassende Abhängigkeit von Gott, die den Menschen frei machen sollte von allen anderen Einflüssen. Als politisches Konzept und Schlagwort für gesellschaftliche Bewegungen spielte Freiheit bis zum 19. Jahrhundert keine zentrale Rolle in der islamischen Welt.
Ansätze eines arabischen Liberalismus
Die meisten arabischen Intellektuellen und Politiker reagierten zunächst mit Skepsis oder offener Ablehnung auf die in der Französischen Revolution propagierten Werte. Die französische „liberté“ wurde mit Zügellosigkeit und Anarchie gleichgesetzt. Mitte des 19. Jahrhunderts brachten allerdings immer mehr religiöse und politische Kräfte im Osmanischen Reich den wissenschaftlichen Fortschritt und die wirtschaftliche Stärke Europas mit der Garantie politischer Freiheitsrechte in Verbindung.
Im 20. Jahrhundert warb der ägyptische Jurist und Publizist Ahmad Lutfi as-Sajjid (1872-1963) nicht nur für einen ägyptischen Nationalismus, sondern auch für säkulare und liberale Ideen. Der ehemalige Direktor der Universität Kairo behauptete gar: „Wenn die Fackel der Freiheit in der Seele des Individuums ausgelöscht und sein Denken durch ihre Abwesenheit verdunkelt wird, kann er nicht länger als Mensch angesehen werden“. Die Rückständigkeit der arabischen Welt lag für ihn vor allem an fehlender Freiheit – sowohl im Denken und Glauben als auch im Reden und Schreiben. Die Menschen im Osten waren nach seiner Darstellung noch zu sehr auf einen Herrscher fixiert, der das Volk wie ein Hirte nach seinen eigenen Erkenntnissen zu führen hatte.
Die Entstehung der Muslimbruderschaft
Der arabische Liberalismus konnte sich allerdings nicht durchsetzen. Bereits 1928 gründete der Volksschullehrer Hassan al-Banna die Muslimbruderschaft, die bis heute einflussreichste islamische Massenbewegung mit mehr als 100 Ablegern in der ganzen Welt. Für Al-Banna gehörten Materialismus, „individuelle Selbstsucht“ und die „bedingungslose Freiheit für die niederen Instinkte“ zu den „Kennzeichen der europäischen Zivilisation“. Freiheit wurde fortan vor allem im kollektiven Sinn verstanden – als Unabhängigkeit von jeglicher (vor allem westlicher) Fremdherrschaft. Wahre Freiheit finden Mensch und Gesellschaft in diesem Denken erst, wenn sie sich einzig und allein Allah und seinen Gesetzen unterwerfen.
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