28.03.2014

Ukraine: Ein Pastor berichtet

Unterstützen Sie die ukrainischen Christen in ihren Gebeten für Freiheit und Stabilität in ihrem Land!

Ukraine: Ein Pastor berichtet

Unterstützen Sie die ukrainischen Christen in ihren Gebeten für Freiheit und Stabilität in ihrem Land!

(HMK) "Am wichtigsten ist, dass die Gemeinde nicht aufhört zu beten. Betet für alle Menschen (…). Betet besonders für alle, die in Regierung und Staat Verantwortung tragen, damit wir in Ruhe und Frieden leben können (…). So soll es sein, und so gefällt es Gott, unserem Retter. Denn er will, dass alle Menschen gerettet werden und seine Wahrheit erkennen.”
(1. Timotheus 2, 1-4) 

Das Leben verläuft ruhig, friedlich, heiter und man lebt in Sicherheit. Davon träumt jeder Mensch, jedes Land. Als ich voriges Jahr mit meiner Frau das erste Mal die Schweiz besuchte, begriff ich, was das bedeutet. Während diesen zwei Wochen beschloss ich eines Abends nämlich, auf einen Berg zu steigen und dort zu unserem allmächtigen Gott zu beten. Es wurde schon dunkel und die Nacht brach herein. Da wurde ich plötzlich in meinem Gebet unterbrochen. Eine junge Frau näherte sich mit einem Hund. Sie kam, lächelte und grüsste mich. Das Mädchen sah überhaupt nicht ängstlich aus. Das kam mir äusserst seltsam vor. Es war doch Nacht, es war ein einsamer Ort und ich war ein ihr unbekannter Mann – und sie hatte keine Angst! 

Mord & Totschlag 

Was die Ukraine anbetrifft, so verwandelte sich unser Land jüngst in ein Land voll Angst. Es lief mir kalt den Rücken runter, als ich Mitte Februar die Leichen der jungen Männer sah, die von Scharfschützen kaltblütig erschossen wurden. Die Nachricht, dass der Konflikt Dutzende von Toten und Hunderte von Verletzen forderte, erfüllten meine Augen mit Tränen. Ich frage mich, was bloss in Menschen vorgeht, die ihre eigenen Landsleute liquidieren lassen. Kein Ehrgeiz, keine Position, kein Reichtum und keine Macht der Welt können jemals wertvoller sein als Menschenleben. Doch Blut wurde vergossen und Menschenleben wurden ausgelöscht. Die derzeit unsichere Situation in meinem Heimatland erfüllt mich mit grosser Sorge. Doch wie kam es überhaupt soweit? 

Korruption, Kriminalität und Raub 

Die Kriminalität und die Korruption in der Ukraine sind seit Jahren immens und durchdringen alle Gesellschaftsschichten. Staatliche Stellen erpressen Geld von den normalen Bürgern und dies auf allen Ebenen. Das Volk wird immer ärmer, einige Politiker und Oligarchen werden immer reicher. Sie schanzen sich jährlich Millionen von Euros zu. Die Hoffnung vieler Menschen war eine engere Bindung an Europa. Sie träumten davon, dass unsere Regierung transparent und rechenschaftspflichtig werden würde. Aber die Regierung sagte im entscheidenden Moment „Nein“. Unsere Elite, die Oligarchen, Minister und Abgeordneten wollten ein Umfeld, in dem sie weiter ungestraft Verbrechen begehen können. Doch die Menschen waren nicht mehr bereit, das länger hinzunehmen, und begannen, sich gegen dieses Unrecht aufzulehnen.

Einschüchterung und Prügel 

Es war ein vom Volk getragener und friedlicher Protest und die Menschen harrten tagtäglich bei Minustemperaturen aus. Aber dann schickte die Regierung Soldaten mit Schlagstöcken auf den Platz und die fingen an, brutal auf die Demonstranten einzuprügeln: auf Männer, Studenten, Frauen und die Presse. Auf diese Weise wollte die Regierung das Volk einschüchtern. Aber es war zu spät. Leider begannen dann auch die gewalttätigen Proteste. Menschen griffen zu Steinen, Stöcken und selbstgemachten Bomben, um sich zu schützen. So begann ein Aufstand, der einem Krieg ähnlich wurde.

Gleichgültigkeit verstösst gegen Gottes Gerechtigkeit

Als Pastor mag ich Fragen wie: „Wo ist mein Platz? Was ist meine Rolle? Was für eine Rolle soll die Kirche spielen?“ Einige Gläubige sagen: „Das geht uns nichts an! Wir brauchen uns nicht darum zu kümmern.“ Aber stimmt das? Ist es möglich, gleichgültig zu bleiben, wenn die Rechte von Menschen missachtet werden, wenn man die Zukunft unseres Landes, unserer Kinder, vernichtet? Gleichgültigkeit verstösst gegen Gottes Gerechtigkeit. Wenn Kriminelle unbestraft davonkommen, wenn man Menschen verschleppt, niederknüppelt oder sogar erschiesst, nur weil sie eine andere Meinung haben – all das sollte die Gemeinde Christi alarmieren. In diesem Zusammenhang möchte ich die Worte des bekannten europäischen Theologen Martin Niemöller zitieren, der sagte: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie die Juden holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.”

Die Pflicht von uns Christen

Daher meine Schlussfolgerung: Die Gemeinde Christi durfte nicht an den Seitenlinien stehen bleiben und sie darf es auch weiterhin nicht tun. Sie sollte bei den Menschen sein, und nicht mit korrupten Staatsbeamten Kirchenlieder singen. Ich bin froh, dass die Kirche und die Christen in Kiew nicht gleichgültig waren. Sie gingen auf die Strasse und beteten, verkündeten das Evangelium und verteilten Neue Testamente. Sie gaben den Menschen warme Kleidung, eine Tasse heissen Tee und ein Stück Brot. Gott allein weiss, was uns in unserem Land in Zukunft erwartet. Als Christen wollen wir bereit sein, Seinen Willen zu tun.

Quelle: Hilfsaktion Märtyrerkirche aus der Newsmail 7/2014