07.05.2014
Nigeria: Auslandsbischöfin entsetzt über Entführungen
Bosse-Huber verurteilt das Vorgehen der Terrororganisation Boko Haram
Nigeria: Auslandsbischöfin entsetzt über Entführungen
Bosse-Huber verurteilt das Vorgehen der Terrororganisation Boko Haram
Hannover/Abuja (idea) – Die Auslandsbischöfin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Petra Bosse-Huber (Hannover), hat sich entsetzt über das menschenfeindliche Vorgehen der radikal-islamischen Terrororganisation Boko Haram (Westliche Bildung ist Sünde) in Nigeria gezeigt. Ein militärisches Eingreifen, etwa von ausländischen Streitkräften, lehnt sie aber in Übereinstimmung mit den nigerianischen Partnerkirchen ab. Das würde die Eskalation der Gewalt noch beschleunigen und eventuell Entführungsopfer zusätzlich gefährden, sagte Bosse-Huber am 7. Mai der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Es handele sich nicht um eine religiöse Auseinandersetzung zwischen Muslimen und Christen, sondern um einen Machtkonflikt zwischen Fundamentalisten und einer freiheitlichen Gesellschaft, betonte sie.
Boko Haram: „Allah will es so“
Boko Haram will mit Gewalt einen islamischen Gottesstaat durchsetzen, in dem sich alle Bürger dem Religionsgesetz, der Scharia, unterwerfen müssen. Die Terrororganisation verübt Anschläge vor allem auf Schulen und Kirchen. In den vergangenen drei Jahren sind der Gewalt schätzungsweise 5.000 Menschen zum Opfer gefallen; die meisten waren Christen. Zuletzt wurde am 5. Mai das Dorf Gamboru (Bundesstaat Borno) weitgehend zerstört; mindestens 200 Menschen kamen ums Leben. Am 14. April entführte Boko Haram 276 Mädchen zwischen zwölf und 16 Jahren aus einer Realschule in Chibok (Bundesstaat Borno). 53 konnten fliehen; 223 befinden sich immer noch in der Gewalt der Entführer, wahrscheinlich auch in den Nachbarländern Kamerun und Tschad. Etwa 90 Prozent der Schülerinnen stammen aus christlichen Familien. Vor wenigen Tagen wurden weitere elf Mädchen verschleppt. Der Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau brüstete sich in einem Video damit, dass die Geiseln für umgerechnet neun Euro als „Sklavinnen“ an Muslime verkauft und zwangsverheiratet würden. Damit gelten sie als Musliminnen. Shekau: „Es gibt einen Markt für Mädchen. Ich werde sie auf dem Markt verkaufen. Allah will es so.“
Kein Zufall: Gewalt gegen Frauen und Schulen
Bosse-Huber verurteilte die „menschenfeindliche Sicht“, Frauen zur Ware zu degradieren. Damit zeige Boko Haram, dass es nicht um Religion, sondern um einen Machtanspruch gehe. Der Name „Westliche Bildung ist Sünde“ sei Programm; daher sei es auch kein Zufall, dass sich die Gewalt gegen Frauen und Schulen richte. Dabei gehe Boko Haram nicht nur gegen Christen, sondern auch gegen Muslime mit einer westlichen Lebenshaltung vor. Auch viele Muslime in Nigeria wendeten sich gegen diesen Fundamentalismus. Die Regierung habe sich bisher als weitgehend hilflos bei der Bekämpfung von Boko Haram erwiesen. Zudem sei auch die Armee in der Bevölkerung berüchtigt für ihre Brutalität.
Einzige Chance: Verständigung und Dialog
Die USA und Großbritannien haben sich angesichts der aktuellen Situation bereit erklärt, etwa Spähtrupps nach Nigeria zu entsenden, um die Geiseln ausfindig zu machen. Die Auslandsbischöfin lehnt aber ein militärisches Eingreifen ab. Vielmehr müsse man nach allen Möglichkeiten suchen, die Gewalt zu begrenzen, zumal sich Boko Haram auch in anderen Ländern wie Kamerun und Tschad ausbreite. Langfristig sieht Bosse-Huber nur in Bemühungen um Verständigung und Dialog eine Chance, die Gewalt einzudämmen. Hier seien alle Kirchen engagiert. Man müsse wegkommen von einem „Schwarz-Weiß-Denken“. Bereits seit 50 Jahren setze sich die Organisation Procmura (Program for Christian-Muslim Relations in Africa/Programm für christlich-muslimische Beziehungen in Afrika) für Verständigung ein. Auch der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) fördere solche Bemühungen und habe Nigeria auf die Liste seiner Fürbitten gesetzt. Von den 169 Millionen Einwohnern Nigerias sind etwa 50 Prozent Muslime und 48 Prozent Christen. Die übrigen sind Anhänger von Naturreligionen.