22.05.2014
Deutschland: Kirchentag: Messianische Juden sind unerwünscht
„Lebendige Gemeinde“: Beschluss ist „falsch, unnötig und beschwerlich“
Deutschland: Kirchentag: Messianische Juden sind unerwünscht
„Lebendige Gemeinde“: Beschluss ist „falsch, unnötig und beschwerlich“
Stuttgart (idea) – Das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags schließt eine Mitwirkung messianisch-jüdischer Gruppen und ihrer christlichen Unterstützer beim nächsten Protestantentreffen 2015 in Stuttgart aus. Es will jedoch eine Informationsveranstaltung über diese Bewegung anbieten. Das teilten die Präsidiumsmitglieder Christina Aus der Au (Zürich) und Prof. Christl M. Maier (Marburg) auf der Internetseite des Kirchentags mit. In Deutschland gibt es etwa 40 messianische Gemeinden, deren jüdische Mitglieder Jesus für den im Alten Testament angekündigten Erlöser des Volkes Israel halten. Sie verstehen sich als Teil des jüdischen Volkes und seiner Traditionen und wollen nicht Christen genannt werden. Das Kirchentagspräsidium wirft ihnen vor, Juden missionieren zu wollen. Damit gefährdeten sie den jüdisch-christlichen Dialog. Ihre „Ignoranz und Überheblichkeit“ sei mit dem Selbstverständnis des Kirchentages unvereinbar. In der Stellungnahme des Präsidiums, das einen Beschluss aus dem Jahr 1999 bekräftigt, heißt es: „Das Bekenntnis des christlichen Glaubens, dass Jesus für alle gestorben ist, darf nicht die Folgerung haben, Jüdinnen und Juden fehle etwas zum Heil, wenn sie dieses Bekenntnis nicht teilen.“ Ein christlicher „Vormundschaftsanspruch“ müsse überwunden werden.
Solidarität mit Glaubensgeschwistern
Die Stellungnahme des Kirchentagspräsidiums ist bei Freunden der jüdisch-messianischen Bewegung auf heftige Kritik gestoßen. Betroffen sind insbesondere die Organisationen „Evangeliumsdienst für Israel“ (EDI) und „Arbeitsgemeinschaft für das messianische Zeugnis an Israel“ (AMZI). Sie werden vom pietistischen Dachverband „Christusbewegung Lebendige Gemeinde“ unterstützt. Gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea bezeichnete der Vorsitzende der Lebendigen Gemeinde, Dekan Ralf Albrecht (Nagold/Nordschwarzwald), die Nichtzulassung dieser Gruppen als „falsch, unnötig und beschwerlich“. Die Entscheidung müsse zurückgenommen werden. Evangelikale hätten eine große Sensibilität, wenn es um die besondere Beziehung zum Volk Israel gehe. „Die Solidarität mit Israel ist in unseren Reihen oft wesentlich höher als in den Reihen mancher, die jüdisch-messianische Gruppen heftig kritisieren, aber eine wenig sensible politische Nähe zu unangemessenen Forderungen aus dem Bereich der palästinensischen Autonomie haben“, so Albrecht. Messianische Juden seien „Glaubensgeschwister, die für sich beanspruchen, weiterhin zum Volk Israel zu gehören“. Der Anspruch Jesu, Messias des jüdischen Volkes zu sein, könne auch im christlich-jüdischen Dialog nicht einfach ausgeklammert werden. Die ausgeschlossenen Gruppierungen arbeiteten im Rahmen der Grundlinien der württembergischen Landeskirche. Positiv sei, dass beim Stuttgarter Kirchentag ein Podium zum Kennenlernen der Bewegung stattfinden werde. Bei der Vorbereitung sollten messianisch-jüdische Gruppierungen und Unterstützergruppen auf Augenhöhe beteiligt werden.
EDI: „Phantom Judenmission“
Der Theologische Leiter des EDI, Armin Bachor (Ostfildern bei Stuttgart), appelliert an das Kirchentagspräsidium, den Kampf gegen „das Phantom Judenmission“ einzustellen. Die vom Präsidium dargestellte Form existiere weder in Württemberg noch in anderen Regionen Deutschlands. Niemand wolle Juden zum Christentum bekehren. Wenn Juden zum Glauben an Jesus kämen, geschehe lediglich ein „Konfessionswechsel innerhalb des Judentums“. In seiner Stellungnahme für idea kritisiert Bachor die theologische Begründung für einen Ausschluss vom Kirchentag: „Warum darf Jesus Christus nicht auch der Heiland für jüdische Menschen sein?“ Wenn Jesus nicht der Messias seines Volkes Israel sei, dann sei er auch nicht der Retter der Welt. Der EDI stehe uneingeschränkt hinter einer Erklärung der Württembergischen Landessynode, wonach das Verhältnis von Christen und Juden von Respekt, Aufgeschlossenheit und Dialog geprägt sein solle. Zugleich unterstütze er das Bestreben der Landeskirche, für messianische Juden einzutreten. Bachor zufolge sollte der jüdisch-christliche Dialog um das deutsche und weltweite messianische Judentum erweitert werden.
AMZI: Will sich jemand vorführen lassen?
Auch AMZI begrüßt die Absicht des Kirchentags, eine Veranstaltung zum Kennenlernen der messianischen Bewegung anzubieten. AMZI-Leiter Martin Rösch (Schopfheim bei Lörrach), gibt jedoch zu bedenken: „Wer von den messianischen Juden in unserem Land wird bereit sein, sich vorführen zu lassen und sich sagen zu lassen, dass er nicht nur in der jüdischen Gemeinschaft, sondern auch in der Kirche unerwünscht ist?“ Etwa 1.000 der in Deutschland lebenden rund 200.000 Juden gehören zur messianischen Bewegung. Weltweit gibt es rund 500.000 messianische Juden.