08.04.2015
Jemen: Christen geraten zwischen die Fronten
Die Minderheit wird von Sunniten und Schiiten misstrauisch behandelt
Jemen: Christen geraten zwischen die Fronten
Die Minderheit wird von Sunniten und Schiiten misstrauisch behandelt
Sanaa (idea) – Die winzige christliche Minderheit im Jemen hat genauso unter den bürgerkriegsähnlichen Kämpfen zu leiden wie die muslimische Bevölkerung. Sie geraten zudem zwischen die Fronten der vom Iran unterstützten schiitischen Huthi-Rebellen auf der einen Seite und der von Saudi-Arabien angeführten Militär-Allianz auf der anderen, die mit Luftangriffen die Verbündeten des Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi stützt. Seit Mitte März wurden in dem Konflikt mindestens 560 Menschen getötet und rund 1.800 verletzt. Etwa 100.000 sind geflohen. Hilfsorganisationen warnen vor einer humanitären Katastrophe. Die meisten der 25,4 Millionen Einwohner des Jemen sind Muslime; davon sind mindestens 30 Prozent Schiiten und die übrigen Sunniten. Die Zahl der meist ausländischen Christen wird von Religionsstatistikern auf knapp 20.000 geschätzt. Der Islam ist Staatsreligion; Missionierung unter Muslimen ist verboten. Muslime, die dennoch Christen werden, müssen ihren Glauben im Verborgenen leben.
Mehr Offenheit für die christliche Botschaft
Den Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten sind Christen weitgehend ungeschützt ausgeliefert. Sie werden als Außenseiter angesehen. Beide Seiten begegneten ihnen mit Misstrauen, erklärte der Sprecher der „Hilfsaktion Märtyrerkirche“ in den USA, Todd Nettleton (Bartlesville/Bundesstaat Oklahoma). Die Konvertiten gelten als „Abtrünnige“ vom Islam, denen nach dem Religionsgesetz Scharia schwere Strafen bis zur Hinrichtung drohen. Andererseits führen laut Nettleton die innerislamischen Kämpfe dazu, dass viele gemäßigte Muslime ihre Religion mit Skepsis betrachten. Dadurch würden sie aufgeschlossener für die christliche Botschaft. Die Hilfsaktion unterstütze die Christen mit Bibeln und anderer Literatur; könne dies aber nur im Verborgenen leisten. Ähnlich äußerten sich Mitarbeiter des Missionswerkes der Südlichen Baptisten in den USA, die aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden wollen. Die Unruhen ließen viele Jemeniten danach fragen, was ihrem Leben wirklich Halt gebe. Viele würden dadurch geistlich aufgeschlossener, sagte eine Mitarbeiter dem Informationsdienst Mission Network News (Grand Rapids/US-Bundesstaat Michigan).
Christliche Entwicklungshelfer entführt
Im Jemen sind in der Vergangenheit öfter christliche Entwicklungshelfer entführt oder getötet worden. So wurde die sächsische Familie Hentschel im Jahr 2009 mit vier weiteren Christen in der nordjemenitischen Provinz Saada verschleppt, wo die Hentschels an einem staatlichen Krankenhaus arbeiteten. Drei der Entführten – zwei deutsche Krankenschwestern und eine südkoreanische Lehrerin – wurden erschossen aufgefunden. 2010 konnten die Töchter Lydia (10) und Anna (8) von Johannes und Sabine Hentschel in die Heimat zurückkehren, die Eltern und ihr Sohn Simon blieben aber verschollen. Im vorigen Jahr informierte das Auswärtige Amt die Angehörigen, dass die Vermissten tot sind. Im Jahr 2012 wurde der US-amerikanische Christ Joel Shrum in Tais auf offener Straße erschossen. Islamische Terroristen bekannten sich zu dem Anschlag. Wenige Tage zuvor war eine Schweizer Sprachlehrerin in der Hafenstadt Hobeida entführt worden.