10.04.2015
Deutschland: Kritik am Kirchentag
Pietisten fordern ihre Beteiligung am christlich-jüdischen Dialog
Stuttgart (idea) – Die Nichtzulassung jüdisch-messianischer Gemeinden zum Deutschen Evangelischen Kirchentag vom 3. bis 7. Juni in Stuttgart haben zahlreiche Gruppen in der württembergischen Landeskirche heftig kritisiert. Messianische Juden glauben wie Christen, dass Jesus Christus der Erlöser des jüdischen Volkes und Herrscher der Welt ist. Im Unterschied zu Kirchenmitgliedern verstehen sie sich als Teil des jüdischen Volkes und seiner Traditionen. Nach Angaben des Leiters der Stuttgarter „Schma Israel“-Gemeinde („Höre Israel“), Anatoli Uschomirski, umfasst diese jüdische Bewegung in Deutschland rund 3.000 Menschen, davon etwa 300 in Württemberg. Der Vorsitzende des pietistischen Liebenzeller Gemeinschaftsverbandes, Prof. Hartmut Schmid (Bad Liebenzell/Nordschwarzwald), begründet die Forderung, jüdisch-messianische Gruppen am Kirchentag zu beteiligen, mit dem Neuen Testament. Jesus sei Jude gewesen und habe in seinem irdischen Leben fast ausschließlich unter Juden gewirkt. Auch in den ersten christlichen Gemeinden hätten sich überwiegend Juden versammelt. Der Apostel Paulus habe deshalb festgestellt, dass die Kirche eine Gemeinschaft von Juden und Heiden sei. Der Kirchentag müsse die an Jesus glaubenden Juden in den christlich-jüdischen Dialog einbeziehen, fordert Schmid im Magazin seines Verbandes.
Kirchenrat: Ausgrenzung ist ein Skandal
Die Evangelische Sammlung in Württemberg kritisiert ebenfalls die Entscheidung des Kirchentags. Die Ausgrenzung jüdisch-messianischer Gemeinden sei ein „Skandal“, schreibt der Vorsitzende und Leiter der Missionarischen Dienste der Landeskirche, Kirchenrat Werner Schmückle (Stuttgart). Seiner Ansicht nach sind diese Gemeinden „ein Zeichen der Hoffnung, dass Gott mit seinem Volk Israel und mit seiner Kirche auf dem Weg hin ist zu dem Tag, an dem er uns alle miteinander durch den wiederkommenden Christus hineinnehmen wird in sein Erbarmen“. Auch die Christus-Bewegung „Lebendige Gemeinde“ widmete eine Ausgabe ihrer Quartalszeitschrift der Bedeutung jüdisch-messianischer Gemeinden für die Kirche.
Kirche darf kein Spaltpilz sein
Das offizielle Mitteilungsmagazin des CDU-Kreisverbandes Stuttgart veröffentlichte ein Interview mit Uschomirski, in dem dieser die Kirche zum Brückenbau zwischen traditionell-jüdischen und jüdisch-messianischen Gemeinden aufruft: „In der Vergangenheit wurde im jüdisch-kirchlichen Dialog ein entscheidender Punkt ausgelassen: Der Anspruch des Juden Jesus von Nazareth, gemäß den hebräischen Schriften der Messias Israels und der Retter aller Menschen zu sein. Die Kirche sollte aufpassen, dass sie durch ihren kirchlich-jüdischen Dialog nicht als Spaltpilz agiert, sondern als Brückenbauer zwischen beiden jüdischen Konfessionen.“
Beim Kirchentag gibt ein Engländer einen „Impuls“
Aufgrund der anhaltenden Proteste hat der Kirchentag am 5. Juni ein Podium „Evangelische Kirche und Messianische Juden“ vorgesehen, bei dem der Engländer Richard Harvey (London) einen „Impuls für ein theologisches Gespräch“ geben soll. Danach wird er mit dem jüdischen Erziehungswissenschaftler Prof. Micha Brumlik (Frankfurt am Main) und der Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (Magdeburg), diskutieren.
Wo es mehr Informationen gibt
Mehr Informationen über jüdisch-messianische Gemeinden gibt es bei der Missionskonferenz des Hilfswerks „Hilfe für Brüder International“ am 14. Mai in Stuttgart. Dabei wird der Leiter der Israelischen Bibelgesellschaft, Victor Kalisher (Jerusalem) berichten, was das Evangelium in Israel unter Juden und Arabern bewirkt. Bei einem „Christustag“ am 4. Juni in Winterlingen (Schwäbische Alb) mit Pfarrer Ulrich Parzany (Kassel) als Hauptredner wirken ebenfalls Mitglieder und Freunde jüdisch-messianischer Gruppen mit. Am 5. Juni laden Stuttgarter Gemeinden zu einem offenen Schabbat-Gottesdienst mit einem anschließenden Forum ein.