22.08.2015
Vietnam: Christen für ihren Glauben misshandelt
(HMK) An Stricken gefesselt werden die drei Christen zur Polizei gezerrt. Niemand kümmert es, wenn sie dabei stolpern und fallen; sie werden einfach weiter durch den Dreck geschliffen. Ihre Kleidung zerreißt. Ungerührt beobachten die Dorfbewohner das Spektakel; selbst die Tatsache, dass eines der Opfer, eine Frau, ein kleines Kind auf dem Rücken geschnallt hat, hindert die Verfolger nicht daran, die drei Gläubigen zu beschimpfen und zu verhöhnen.
Hoch in den Bergen im Norden Vietnams gibt es eine kleine Gemeinde von 25 Christen. Die Christen leben in einem kleinen Dorf und gehören zum Stamm der Hmong, einer ethnischen Minderheit Vietnams. Pastor Nie*, ein engagierter 25-Jähriger, kümmert sich um diese Gemeinde. Es ist nicht einfach, unter den Hmong Christ zu sein geschweige denn das Evangelium weiter zu geben. Doch in den letzten drei Jahren, seitdem Nie gläubig geworden ist, hat er die Verantwortung für sieben solcher Gemeinden mit insgesamt etwa 500 Mitgliedern übernommen.
Pastor Nie berichtet, dass es in einem Dorf nur vier gläubige Familien gab. Trotz des enormen Drucks, den die Regierung auf sie ausübte, blieben sie ihrem Glauben treu. Dennoch gab eine Familie schließlich nach und kehrte wieder zum traditionellen Ahnenkult zurück. Die Regierung versuchte auch nach wie vor, die übrigen drei Familien dazu zu bewegen, wieder ihren alten religiösen Bräuchen zu folgen. Aber bisher sind diese Familien fest entschlossen, ihren christlichen Glauben nicht aufzugeben.
Jeden Sonntag legten die drei Familien einen längeren Weg zurück, um an dem Gottesdienst der kleinen Gemeinde außerhalb ihres Dorfes teilzunehmen. Doch schließlich wurde ihnen von den Behörden verboten, ihr Dorf aus diesem Grunde zu verlassen. Pastor Nie riet ihnen: “Bleibt in eurem Dorf und trefft euch zum Bibellesen und beten einfach zu Hause. Gott kann euch dort genauso gut hören, wie in der Kirche.“
Erniedrigt, verprügelt und vertrieben
Eines Sonntags, als sie sich wieder einmal trafen, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern, stürmten plötzliche mehrere Regierungsvertreter, Polizisten und rund 100 Dorfbewohner die Versammlung. Sie klopften nicht einmal an, sondern traten einfach die Tür ein und begannen sofort, wild auf die Christen einzuprügeln. Einige der Opfer beschrieben im Nachhinein, dass ihre Körper förmlich vor Schmerz brannten; manche konnten danach nicht einmal mehr gehen.
Über zwei Stunden dauerte der Angriff; ohne Gnade wurden die Männer und Frauen – sogar zwei Teenager im Alter von 14 und 15 Jahren – geschlagen. Dann wurden die Leiter der Gemeinschaft, zwei Frauen und ein Mann, gefesselt und zur Polizeistation gezerrt, etwa 200 m entfernt am Eingang des Ortes. Sie wurden wie Vieh behandelt und dort erneut verprügelt. Um ihre Macht und Autorität zu demonstrieren, banden die Regierungsvertreter den Mann an einen Stier, der ihn um das ganze Dorf schliff. Die drei Christen waren von der Tortur völlig erschöpft und konnten kaum noch aufrecht stehen. Ihre Kleidung war zerrissen. Weil sie über den Boden gezerrt wurde, waren sie anschließend halb nackt. Auch für die junge Mutter mit dem kleinen Kind auf ihrem Rücken wurde keine Ausnahme gemacht.
Im Anschluss an diese erniedrigende „Behandlung“ wurden die Christen mit sofortiger Wirkung aus ihrem Dorf vertrieben. Alles mussten sie zurücklassen. Mühsam schleppten sie sich zu Pastor Nie, der sie sofort ins Krankenhaus brachte. Sechs Tage dauerte es, bis sie sich einigermaßen von ihren Verletzungen erholt hatten. Der Pastor borgte sich umgerechnet etwa 100 Euro, um die Krankenhauskosten zu bezahlen. Als er seine Schulden wenig später wieder begleiche wollte, hieß es, er müsse zusammen mit den Zinsen etwa 265 Euro zurückzahlen …
Wieder zu Kräften gekommen, kehrten die misshandelten Christen in ihr Dorf zurück. „Egal, welche Verfolgung noch auf uns wartet, wir werden unseren Glauben in Jesus Christus nicht aufgeben. Wir werden ihn niemals verraten“, lautete ihre Maxime. Kurz darauf zerstörten Behörden ihr Haus fast vollständig, sodass sie gezwungen waren, mit ihren wenigen übrig gebliebenen Habseligkeiten in ein anderes Dorf zu ziehen. Seitdem legen die drei Christen und ihre Familien jeden Sonntag 13 Kilometer auf dem Motorrad zurück, um an einem Gottesdienst teilnehmen zu können. Trotz all der erniedrigenden Erlebnisse setzen sie ihr Vertrauen nach wie vor ungeteilt auf Gott. Ihre Freude im Herrn ist ungebrochen.
Christenverfolgung in Vietnam
Vietnam ist eines der wenigen verbliebenen kommunistischen Länder der Welt. Die Regierung kontrolliert rigoros das politische Leben und hat vor kurzem ihre Kontrolle auf alle religiösen Aktivitäten ausgedehnt. Glaubensgemeinschaften müssen sich registrieren lassen; nicht zugelassene Gruppierungen werden schikaniert und eingeschüchtert. Eine spezialisierte Religionspolizei wird eingesetzt, um das Wachstum religiöser Gruppen (darunter auch Christen) durch Diskriminierung und Gewalt zu stoppen. Offizielle Regierungsdokumente erteilen örtlichen Behörden im Nordwesten des Landes die Vollmacht, Christen zum Widerruf ihres Glaubens zu zwingen. Im November 2012 erließ die vietnamesische Regierung einen neuen Erlass, der die meisten Hausgemeinden ab 1. Januar 2013 für illegal erklärte.
In einigen städtischen Gebieten ist innerhalb des von der Regierung vorgegebenen Rahmens religiöse Betätigung erlaubt. In ländlichen Gegenden sehen die Behörden jedoch die Christen als eine ausländische Bedrohung an und gebrauchen oft Diskriminierung, Einschüchterung, Zerstörung von Eigentum, Verbannung, Schläge und erzwungene Widerrufe des Glaubens, um das Gemeindewachstum aufzuhalten. Viele der Mitglieder von mehr als 50 ethnischen Gruppen erleben Verfolgung sowohl aufgrund ihrer Stammeszugehörigkeit als auch aufgrund ihres christlichen Glaubens. Einige dieser Christen aus Minderheiten sind durch Folter gestorben.
*Name aus Sicherheitsgründen geändert