24.08.2015
Nigeria: "Testfall im Kampf gegen religiöse Verfolgung"
Ursachen und Lösungen sind komplex: Es geht nicht nur um Religion
Nigeria: "Testfall im Kampf gegen religiöse Verfolgung"
Ursachen und Lösungen sind komplex: Es geht nicht nur um Religion
Boston (idea) – Das westafrikanische Nigeria, das vom Terror der islamistischen Gruppe Boko Haram (Westliche Bildung ist Sünde) heimgesucht wird, ist ein Testfall für den Umgang mit religiöser Verfolgung. Dieser Ansicht ist der katholische US-Journalist John L. Allen (Rom). Wie er im Internetportal Crux (Boston/US-Bundesstaat Massachusetts) schreibt, ist religiöse Verfolgung oft mit anderen Faktoren verknüpft, etwa wirtschaftlichen, politischen oder ethnischen. Manchmal sei es schwer zu erkennen, in welchem Maße Religion die treibende Kraft sei. Nigeria sei dafür ein Musterbeispiel.
Öl-Milliarden versickern in dunklen Kanälen
Es sei mit 173 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas, habe die größte Wirtschaft und sei der größte Ölproduzent. Gleichzeitig sei die Korruption „überlebensgroß“. Zwar erziele das Land mit der Ölförderung jährliche Einkünfte von 44 Milliarden Euro, doch davon versickere so viel, dass es Benzin importieren müsse. Gleichzeitig nehme Nigeria bei der Zahl christlicher Märtyrer einen traurigen Spitzenplatz ein: 2014 seien fast 2.500 Christen getötet worden, meist durch Boko Haram. Durch dessen Terror haben seit 2009 mindestens 17.000 Menschen ihr Leben verloren.
Boko Haram ist nicht „IS“
Laut Allen ist Boko Haram aber keineswegs mit dem Terrornetz Al Kaida oder dem „Islamischen Staat“ (IS) gleichzusetzen, obwohl sie sich als Verbündete betrachten. Das Ziel von Boko Haram sei nicht der weltweite „Heilige Krieg“. Vielmehr gehe es um die Zustände in Nigeria. Als Folge von schlechter Regierung und Korruption sei der islamisch geprägte Norden noch ärmer als der überwiegend christliche Süden. Es sei deshalb schwer zu sagen, ob Boko-Haram-Kämpfer, die eine Kirche attackieren, wirklich nur von religiösem Hass getrieben seien, oder ob sie Christen als Symbole für einen ungerechten Staat bekämpfen. Der Soziologe Musa Abdullahi von der Universität in Maiduguri (Bundesstaat Borno) sei überzeugt, dass es Boko Haram nicht wirklich um Religion gehe; der Kampf richte sich gegen das System. Abdullahi hat mehrere Familienangehörige durch Boko-Haram-Angriffe verloren.
Korruption bekämpfen, Wirtschaft vorantreiben
Ebenso komplex wie die Ursachen von Verfolgung und Gewalt sind laut Allen auch die Lösungsansätze. Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen für Kirchen und selbst die Verurteilung religiös motivierter Gewalt durch gemäßigte Muslime erzielten keine langfristig durchgreifende Wirkung. Vielmehr müsse man bei der Bekämpfung der Korruption ansetzen und die Entwicklung besonders im Norden vorantreiben. Weil Nigeria eine afrikanische Supermacht sei, habe die ganze Welt ein Interesse daran, dass dies gelinge. Von den 173 Millionen Einwohnern sind etwa 50 Prozent Muslime und 48 Prozent Kirchenmitglieder. Die übrigen sind Anhänger von Naturreligionen. Die Christen leben meist im Süden und die Muslime im Norden.