28.08.2015
Österreich: Dramatik der Flüchtlingssituation
Flüchtlingstragödie: Kirchen fordern neue Asylpolitik
Wien (idea) – Österreichische Kirchenvertreter zeigen sich erschüttert angesichts der Flüchtlingstragödie auf der Autobahn 4 bei Parndorf (Burgenland). Dort hatten Polizisten am 27. August in einem abgestellten LKW gut 70 Personen tot aufgefunden. Vermutlich sind sie erstickt. Medienberichten zufolge hat die Polizei mehrere Verdächtige festgenommen. Ob es sich um die Schlepper handelt, die den Tod der Flüchtlinge zu verantworten haben, ist nach Polizeiangaben noch unklar. „Dieser Fund zeigt die ganze Dramatik der Flüchtlingssituation“, sagte der Generalsekretär der Österreichischen Evangelischen Allianz, Christoph Grötzinger (Bürmoos bei Salzburg), auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur. Angesichts solcher Todesfälle plädierte er dafür, legale Aufnahmeregelungen zu schaffen: „Um wirksam helfen zu können, brauchen wir Grundsätze, die in der gesamten EU gelten.“ Die gegenwärtige Situation sei eine „Katastrophe“. Die Evangelische Allianz engagiere sich an vielen Orten für Flüchtlinge, unter anderem mit Sprachkursen und Integrationsangeboten. „Allerdings fordert uns der massive Zustrom heraus“, so Grötzinger.
Bischof: Keine „Festung Europa“
Auch der Bischof der Evangelischen Kirche A.B., Michael Bünker (Wien), zeigte sich entsetzt: „Mitten unter uns hat der grausame Tod diese Menschen getroffen.“ Es sei an der Zeit, sich der Realität zu stellen, „weil sich nicht nur in fernen Ländern, vor Lampedusa oder Kos, sondern mitten unter uns zeigt: Das Fehlen eines gemeinsamen Vorgehens Europas hat tödliche Auswirkungen auf schutzsuchende Menschen.“ Bünker forderte legale Zugänge in die EU. Das sei der einzige Weg, um Schleppern die Existenzgrundlage zu entziehen. Eine weitere Abschottung der „Festung Europa“ und eine schärfere Verfolgung von Schlepperei halte keinen Mensch fern, der Schutz vor Krieg sucht. Vielmehr werde das Risiko steigen, auf der Flucht in Lebensgefahr zu geraten.
Misereor: Steigende Flüchtlingszahlen sind kein Grund zur Angst
Das katholische Hilfswerk Misereor (Aachen) fordert angesichts der kontroversen Diskussion um die Aufnahme von Flüchtlingen eine Abkehr von der auf Abwehr ausgerichteten Haltung der EU. „Wo bleiben der humanitäre Grundkonsens, eine gemeinsame menschenfreundliche Asylpolitik und ein entwicklungsförderndes Migrationskonzept?“ fragt Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon. Die steigenden Flüchtlingszahlen in Deutschland seien zwar eine große sozialpolitische Herausforderung, aber kein Grund zur Klage oder zur Angst. 86 Prozent der weltweit 60 Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen lebten in Entwicklungsländern. In den 28 EU-Staaten seien gerade einmal zwei Millionen Flüchtlinge registriert. Bröckelmann-Simon: „Wenn Deutschland der Libanon wäre, dann wären hier umgerechnet in den letzten drei Jahren rund 25 Millionen Flüchtlinge aus dem Nachbarland angekommen.“
200 Flüchtlinge ertrinken vor der libyschen Küste
Unterdessen sind beim Untergang eines Flüchtlingsbootes vor der Küste Libyens bis zu 200 Menschen ertrunken; 200 weitere hätten von der libyschen Küstenwache gerettet werden können. Das Gebiet nahe der tunesischen Grenze gilt als Hochburg von Schleusern, die Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Italien bringen. Nach Erkenntnissen der Internationalen Organisation für Migration sind in diesem Jahr bislang mehr als 2.300 Menschen bei dem Versuch ertrunken, Europa per Boot zu erreichen.