24.07.2015

Indien: Kein tolerantes Land

Christen sehen sich zunehmend Hass und Gewalt ausgesetzt

Indien: Kein tolerantes Land

Christen sehen sich zunehmend Hass und Gewalt ausgesetzt

Boston (idea) – Indien gilt vielen Menschen im Westen als Inbegriff eines toleranten Staates. Doch die Christen in dem hinduistisch geprägten Land würden aus eigener bitterer Erfahrung dieser Vorstellung vehement widersprechen. Das schreibt der US-amerikanische Journalist und Vatikan-Experte John L. Allen Jr. in dem katholischen Internetportal „Crux“, das zur Zeitung Boston Globe (Boston/US-Bundesstaat Massachusetts) gehört. Die christliche Minderheit sei nicht erst seit der Regierungsübernahme der national-hinduistischen Bharatiya Janata Partei (BJP) vor einem Jahr zunehmendem Hass und religiös motivierter Gewalt ausgesetzt. In diesem Jahr habe es nach indischen Angaben durchschnittlich mindestens einmal pro Woche einen brutalen Übergriff gegeben. So stürmten am 7. Juli Hindu-Extremisten eine katholische Schule im zentralindischen Isagarh; sie schikanierten eine Nonne und verprügelten einen Priester. Die Polizei unternahm nichts. Am 28. Juni wurde eine evangelische Kirche in Adoni (Bundesstaat Andhra Pradesh) überfallen; der Pastor und seine Frau mussten sich vor den Angreifern verstecken. Eine Woche zuvor schändeten Hindu-Extremisten eine katholische Gottesdienststätte in Tangasseri (Bundesstaat Kerala).

Bis zu 350 Gewalttaten gegen Christen pro Jahr

Nach Angaben des Leiters der Initiative „Vereinigtes Christliches Forum für Menschenrechte“, John Dayal (Neu Delhi), sind seit 1997 jährlich zwischen 150 und 350 Gewalttaten gegen Christen registriert worden. Am schlimmsten waren die Massenausschreitungen im Bundesstaat Orissa im Jahr 2008. Damals wurden etwa 50.000 Christen vertrieben und mindestens 120 getötet. Etwa 300 Kirchen und 6.000 Häuser von Christen gingen in Flammen auf. Trotzdem sind nur zwei Verurteilungen ergangen, so Dayal – eine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes und eine siebenjährige wegen Entführung. Laut Allen stellen die Christen zwar prozentual eine kleine Minderheit; die Schätzungen schwankten zwischen 2,5 und sechs Prozent. Aber in einem Land mit 1,25 Milliarden Einwohnern addiert sich dies auf mindestens 30 Millionen Bürger.

Indien soll bis 2020 ein rein hinduistisches Land werden

Seit der BJP-Politiker Narendra Modi am 26. Mai 2014 als indischer Premierminister vereidigt wurde, ist die Zahl der Gewalttaten gegen religiöse Minderheiten deutlich gestiegen. Modi ist geprägt von der Hindutva-Lehre, wonach Muslime und Christen nur toleriert werden können, wenn sie sich dem Hinduismus als Leitkultur unterwerfen. Der Anführer der radikalen hinduistisch-nationalistischen Organisation Vishva Hindu Parishad (VHP), Ashok Singhal, hat das Ziel verkündet, Indien bis 2020 zu einem rein hinduistischen Land zu machen. Heute sind 82 Prozent der Bevölkerung Hindus, zwölf Prozent Muslime und mindestens drei Prozent Christen. Die übrigen sind meist Anhänger von Natur- und Stammesreligionen.