05.06.2015

Christustag setzt Zeichen der Versöhnung

Am Stuttgarter Pietisten-Treffen wirkten Juden mit

Christustag setzt Zeichen der Versöhnung

Am Stuttgarter Pietisten-Treffen wirkten Juden mit

Stuttgart (idea) – Als Zeichen der Versöhnung hat der Vorsitzende der württembergischen ChristusBewegung „Lebendige Gemeinde“, Dekan Ralf Albrecht (Nagold/Nordschwarzwald), die Beteiligung eines messianischen Juden und eines israelischen Politikers am pietistischen „Christustag“ am 4. Mai in Stuttgart bezeichnet. Dabei sei die ungeteilte Liebe der Besucher zum jüdischen Volk und Staat Israel deutlich geworden. Messianische Juden sind von der aktiven Mitwirkung am gleichzeitig stattfindenden Kirchentag in Stuttgart ausgeschlossen, weil das Präsidium ihnen judenmissionarische Absichten und damit eine Störung des christlich-jüdischen Dialogs unterstellt.

Die Bibel mit den Augen Jesu lesen

In einer Stellungnahme zum Motto des Christustags „Dein Wort macht mich klug“ sagte der Leiter der jüdisch-messianischen Gemeinde Schma Israel (Höre, Israel), Anatoli Uschomirski (Stuttgart), dass Juden kein Problem haben sollten, an Jesus als den Messias des jüdischen Volkes zu glauben. Jesus und seine Jünger seien unbestritten Juden gewesen. Er warnte die Kirchen, alte Fehler zu wiederholen. Während des Dritten Reiches habe sich die Kirche von Jesus-gläubigen Juden getrennt. Dabei könnten Christen von ihnen lernen, die Bibel mit den Augen Jesu und mit einer jüdischen Brille zu lesen.

Kritik am Ausschluss messianischer Juden vom Kirchentag

Die Dozentin der Evangelischen Missionsschule Unterweissach, Dorothea Gabler (Backnang bei Stuttgart), nannte den Ausschluss messianischer Juden eine große Tragik. Sie erinnerte daran, dass beim letzten Kirchentag in Stuttgart 1999 der damalige Landesbischof Theo Sorg (Blaubeuren bei Ulm) eine Resolution zugunsten der messianischen Juden veranlasst hatte. Sie habe gehofft, dass die Kirchentagsverantwortlichen daran anknüpften und ein umfassendes Gespräch über ihre Bedeutung ermöglichen würden. Nur einen englischen messianisch-jüdischen Fachmann für eine Podiumsdiskussion einzuladen, sei zu wenig.

Das deutsch-israelische Wunder

Während eines Gebetskonzerts lobte der israelische Generalkonsul Dan Shaham (München) die deutsch-israelischen Beziehungen. Vor 70 Jahren habe niemand damit rechnen können, dass sich beide Völker heute auf Augenhöhe begegneten. Dennoch habe sich das Wunder ereignet. Gemeinsam sollten sich Deutsche und Israelis für eine friedlichere Welt einsetzen. Der Glaube an Gott verbinde Juden und Christen. Religiöse Vorstellungen dürften niemals mehr als Rechtfertigung für Hass und Gewalt dienen.

Pietisten sind keine Oberlehrer der Kirche

Der Stuttgarter Christustag mit mehr als 10.000 Besuchern fand im Rahmen des Deutschen Evangelischen Kirchentags statt, zu dem rund 100.000 Christen nach Stuttgart gekommen sind. In seiner Begrüßung sagte Albrecht, dass man der zögerlichen und zurückhaltenden Losung des Großtreffens „… damit wir klug werden“ ein klares Bekenntnis zur Quelle der Klugheit entgegensetze. Allerdings bedeute die Aussage „Dein Wort macht mich klug“ nicht, dass sich Pietisten zu Oberlehrern der Kirche aufspielen dürften. Auch sie hätten die Weisheit „nicht mit Löffeln gefressen“. In einer gemeinsamen Bibelarbeit betonten die Theologen Prof. Mihamm Kim-Rauchholz (Bad Liebenzell), Johannes Hartl (Augsburg) und Steffen Kern (Stuttgart), dass die Beziehung zu Gott Voraussetzung für ein gelingendes Leben sei.

Zum christlichen Glauben gehört Gegenwind

In einem Grundsatzbeitrag bezeichnete der Rektor der Internationalen Hochschule Liebenzell, Prof. Volker Gäckle, das Kreuz als Zentrum des christlichen Glaubens. Es besage, dass Gott sich „in einem elendig am Kreuz gestorbenen galiläischen Zimmermann offenbart“ habe. Diese Überzeugung werde in Kirche und Gesellschaft zunehmend abgelehnt. An ihr entscheide sich jedoch, „ob unsere Theologie wirklich christlich im Sinn von christusgemäß ist oder ob sie nur human, ethisch, tolerant, zeitgeistig oder auch nur fromm ist“. Gäckle kritisierte Bestrebungen, der Welt einen Gott oder einen Götzen zu präsentieren, „mit dem wir gesellschaftlich nicht anecken können“. Attraktivität, Einfluss und Anerkennung seien für die Kirche keine erstrebenswerten Ziele. Gäckle: „Der Gegenwind dieser Welt ist immer der Rückenwind des Heiligen Geistes.“