07.06.2015

Kirchentag: Thema Christenverfolgung vernachlässigt

DEA: Spirituell aber auch einseitig

Kirchentag: Thema Christenverfolgung vernachlässigt

DEA: Spirituell aber auch einseitig

Stuttgart (idea) – Unterschiedliche Reaktionen – von überschwänglichem Lob bis harscher Kritik – hat der Deutsche Evangelische Kirchentag in Kirche, Politik und evangelikaler Bewegung hervorgerufen. Das geht aus einer Umfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea hervor. Zu dem Protestantentreffen unter dem Motto „...damit wir klug werden“ hatten sich vom 3. bis 7. Juni in Stuttgart knapp 100.000 Dauerteilnehmer versammelt. Eingebunden war erstmals auch ein „Christustag“ der Christus-Bewegung „Lebendige Gemeinde“, den am 4. Juni rund 10.000 Pietisten in der Porsche-Arena besuchten. Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein (Kassel), bezeichnete den Kirchentag als gigantisch – und das in mehrfacher Hinsicht. So freue er sich, dass der Christustag Teil des Treffens gewesen sei. Damit seien „endlich“ die Streitigkeiten zwischen Pietisten bzw. Evangelikalen und den anderen Kirchenmitgliedern überwunden. Er lobte ferner das Engagement der Ehrenamtlichen in Gruppen, die sich auf dem „Markt der Möglichkeiten“ präsentierten: „Ohne diese Menschen wäre Deutschland ärmer.“

CDU-Politiker: Das Thema Christenverfolgung wurde vernachlässigt

Ein gemischtes Fazit zog der Bundesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, der Parlamentarische Staatssekretär Thomas Rachel. Der Kirchentag habe gezeigt, dass die politischen Diskussionen in den letzten Jahren „viel offener, entspannter und unideologischer“ geworden seien. Er nannte es dennoch richtig und wichtig, mit Bundespräsident Joachim Gauck daran zu erinnern, dass es auf die hochkomplexen Fragen der Zeit unter Christen gerade auch bei den Forderungen an die Politik nicht zu Banalisierungen kommen dürfe. Als problematisch empfand es Rachel, dass neben den „klassischen“ Kirchentagsthemen wichtige andere wie etwa die massive weltweite Verfolgung und Diskriminierung von Christen „wieder einmal keine wahrnehmbare Rolle gespielt haben“. Ähnlich äußerte sich der Beauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften, Franz-Josef Jung. Die Themen Religionsfreiheit und Christenverfolgung hätten „inhaltlich eine sehr untergeordnete Rolle“ gespielt: „Ich hätte mir hier deutliche thematische Akzente auf den Podien gewünscht, um dieses brisante Thema in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu tragen.“ Für Jung ist der Kirchentag „ein Signal, dass die Kirche sich nicht vereinnahmen lassen sollte von den vielfältigen Lebensentwürfen, individuellen Wünschen und Vorstellungen jedes Einzelnen.“ Sie sollte vielmehr „ein fester Orientierungspunkt sein, von dem aus sich christliches Leben in all seinen Facetten entfaltet“.

Griese (SPD): Das große Thema waren Krisen und die Flüchtlinge

Für die Beauftragte der SPD-Bundestagsfraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften, Kerstin Griese, waren die Krisen in der Welt und die Flüchtlinge das große Thema des Kirchentages. Immer wieder sei die Frage „Wie werden wir klug?“ darauf bezogen worden, zumal sehr viele Christen sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagierten. Der Auftritt des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan und von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) habe wegen seiner Ernsthaftigkeit viele Menschen beeindruckt. Persönlich habe sie es berührt, den früheren Entwicklungsminister Erhard Eppler (88) noch einmal zu erleben, so Griese. Für Politiker bedeute der Kirchentag auch „ein Auftanken“. Ihr persönliches „Highlight“ sei der Abendsegen auf dem Schlossplatz im Kerzenmeer gewesen: „Das wird auch über den Kirchentag hinaus weiter tragen.“ Aufgefallen ist Griese, dass das Kirchentagspublikum älter geworden ist: „Wir brauchen neue Impulse, um gerade junge Leute anzusprechen.“

Evangelische Allianz: Spirituell aber auch einseitig

Der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb (Stuttgart), sprach von einem „spirituellen Kirchentag“, bei dem von morgens bis abends Lobgesang zu hören gewesen sei. Er wertete es als Fortschritt, dass die Christus-Bewegung den „Christustag“ in eigener Verantwortung im Rahmen des Kirchentages veranstalten konnte. Dabei seien auch messianische Juden beteiligt gewesen, denen der Kirchentag „die aktive Mitwirkung in kaum zu überbietender Intoleranz untersagt“ habe. Für widersprüchlich hält Steeb den Umgang mit der Bibel auf dem Protestantentreffen. Zwar habe es klare Aussagen gegeben, dass die Heilige Schrift als Gottes Wort zu achten sei, aber es sei auch „das pure Gegenteil“ vertreten worden: „Es fehlt die Grundübereinstimmung, was die Substanz christlichen Glaubens ist.“ Steeb kritisierte auch Einseitigkeiten: „Eine Werkstatt gegen den Phantomgegner Homophobie hat ihren Platz. Aber den Mut, auch mit Homosexuellen zu diskutieren, die zölibatär leben wollen, gibt es nicht“, sagte er im Blick auf die Nichtzulassung der „Bruderschaft des Weges“ zum „Markt der Möglichkeiten“. Auch das Thema Abtreibung komme nicht vor: „Die schlimmste Menschenrechtskatastrophe in Deutschland, dass über 100.000 im Mutterleib getötet werden, ist dem Kirchentag nach wie vor kein Podium wert.“

Christus-Bewegung: Der Christustag war auch ein Tag für die Kirche

Der Vorsitzende der Christus-Bewegung „Lebendige Gemeinde“, Dekan Ralf Albrecht (Nagold), sagte, der „Christustag“ sei auch ein Tag für die Kirche gewesen: „Ein Tag, der unsere Kirche zu ihrer Mitte ruft. Denn Gottes Wort macht uns klug.“ Zur Frage, ob es beim Kirchentag auch sonst „Christus-Tage“ gab, meinte Albrecht, er habe viele solcher Veranstaltungen entdeckt: „Und es gibt viele andere, da ist noch mächtig Luft nach oben.“ Der Pietismus wolle weiter seinen Beitrag leisten für die Konzentration auf Christus und die Bibel. Es gehe darum, eine Erneuerungsbewegung zu sein mit öffentlicher Wirkung, ein Brückenbauer hin zu messianischen Juden, traditionellen Familien als Keimzellen der Zukunft und zu verfolgten Christen weltweit.

Süddeutscher Gemeinschaftsverband: Warum wir uns nicht beteiligten

Laut dem Vorsitzenden des Süddeutschen Gemeinschaftsverbandes, Dieter Kamlah (Stuttgart), war unter den Kirchentagsangeboten vieles Inspirierende und Glaubensstärkende. Der Verbandsvorstand habe sich dennoch entschieden, sich nicht aktiv am Kirchentag zu beteiligen. Kamlah begründete dies mit dem Ausschluss der messianischen Juden und der Bruderschaft des Weges: „Damit mussten wir uns selbst als ausgeschlossen betrachten. Die Frage der unerlässlichen Heilsbedeutung des Glaubens an Jesus Christus für alle Menschen – Juden wie Heiden – sowie die Frage der Zweigeschlechtlichkeit und der Ehe von Mann und Frau als einzigartiges Abbild des Gottesbundes sind für uns keine nachrangigen Fragen, bei denen man auf der gemeinsamen Glaubensbasis unterschiedliche oder sogar gegensätzliche Antworten vertreten kann.“ Sie gehörten vielmehr zu den verbindenden und verbindlichen Grundwahrheiten des Glaubens.

Bekennende Gemeinschaften: Jesus Christus als Mitte war nicht erkennbar

Heftige Kritik am Kirchentag übte die Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen Deutschlands. In der überbordenden Fülle der Veranstaltungen sei Jesus Christus als Mitte nicht erkennbar gewesen. Daran ändere auch der zu begrüßende Christustag innerhalb des Kirchentages nicht viel, so der Vorsitzende der Konferenz, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg): „Der Ruf zum Glauben an Christus als Retter und Richter musste sich dem politischen Ruf zur Weltverbesserung und der Infragestellung der Marktwirtschaft und des Unternehmertums unterordnen.“ Er fragte ferner: „Wo blieb der deutliche Aufschrei gegen die weltweite Christenverfolgung, für die leidenden Glaubensgeschwister, wo die unüberhörbare Forderung nach Religionsfreiheit.“ Gefehlt habe auch das Engagement für Mission.

Bibelkritische Theologe gehen anmaßend mit der Bibel um 

Der Vorsitzende des Bibelbundes, Michael Kotsch (Horn-Bad Meinberg), erklärte, bibelkritische Theologen hätten auf dem Kirchentag „wieder einmal ihren Absolutheitsanspruch auf die einzig legitime Bibelinterpretation bekräftigt“. Jesus habe die Bibel aber wörtlich genommen und seine Zuhörer gewarnt, „auch nur einen Buchstaben der Offenbarung Gottes des Alten Testaments zu ändern“. Doch bibelkritische Theologen beeindrucke das nur wenig, denn gewöhnlich maßten sie sich die Interpretationshoheit über die Worte Jesu an.

„Bruderschaft des Weges“: Mit uns werden Tausende ausgeschlossen

Für die „Bruderschaft des Weges“ äußerte sich Stefan Schmidt (Tamm bei Ludwigsburg) vom Institut für dialogische und identitätsstiftende Seelsorge und Beratung – Wüstenstrom. Zu der Bruderschaft gehören Christen, die sich verpflichtet haben, ihre gleichgeschlechtlichen Neigungen nicht auszuleben. Der Kirchentag habe die Gemeinschaft ohne jede Diskussion ausgeschlossen „und mit uns viele tausend Menschen, die in der Kirche aufgrund der einseitigen Behandlung des Themas Homosexualität alleingelassen werden“. Schmidt fragt: „Stören wir das öffentlich erzeugte Bild des Homosexuellen, der sich in einer eheähnlichen Gemeinschaft verwirklichen will?“ Man weise auch auf „die dunklen Wunden hin, die jeder Homosexuelle eben auch kennt: Promiskuität, Einsamkeit und die Unmenschlichkeit, die dadurch zustande kommt, dass der andere Partner immer einem Ideal von Männlichkeit und Weiblichkeit genügen muss“. Erschrocken äußerte sich Schmidt darüber, wie naiv sich die Organisatoren des Kirchentages „zum Anwalt einer Politik der nachweislich unwissenschaftlichen ‚sexuellen Vielfalt‘ gemacht haben“.

Messianische Gemeinden: Nichtzulassung ist schmerzhaft

Bei einer Informationsveranstaltung jüdisch-messianischer Gemeinden bezeichnete der stellvertretende Leiter der Adon-Jeschua-Gemeinde (Jesus der Herr), Michael Fischbein (Stuttgart), die Nichtzulassung zum Kirchentag als schmerzhaft: „Christen lehnen uns ab, obwohl wir an denselben Heiland glauben. Das ist den messianischen Juden erst durch die Ausladung vom Kirchentag so richtig deutlich geworden. Dabei wollen sie niemanden dem jüdischen Glauben entfremden. Im Gegenteil: Juden sollen Jesus als den erwarteten Messias erkennen. Wir machen niemanden zu Christen.“