18.06.2015
USA: Massaker in der Bibelstunde
Weißer Amokläufer tötet neun schwarze Methodisten
Charleston (idea) – Ein Amokläufer hat am 17. Juni in einer Methodistenkirche in Charleston (US-Bundesstaat Süd-Carolina) neun Menschen getötet. Nach Polizeiangaben eröffnete der 21 Jahre alte weiße Attentäter Dylann Ruff das Feuer während eines Gebetsabends im Gebäude der „Afrikanischen Episkopalgemeinde Mutter Emanuel“, die mehrheitlich von Schwarzen besucht wird. Medienberichten zufolge wohnte er etwa eine Stunde der Veranstaltung bei, bevor er die tödlichen Schüsse abgab. Eine Frau ließ er am Leben, damit sie später von der Tat berichten konnte. Die Polizei hat den Attentäter inzwischen festgenommen.
„Unaussprechliche Tat einer hasserfüllten Person“
Der Polizeichef von Charleston, Greg Mullen, geht von einem rassistischen Tatmotiv aus: „Ich glaube, dass es sich hierbei um ein Hassverbrechen handelt.“ Augenzeugenberichte bestätigen einen rassistischen Hintergrund. Einer der Überlebenden zitierte den Attentäter nach Berichten des Fernsehsenders NBC mit den Worten: „Ihr vergewaltigt unsere Frauen und übernehmt die Kontrolle unseres Landes. Deswegen müsst ihr weg.“ Tory Fields, ein Mitglied der Pastorenkonferenz des Bezirks Charleston, sagte der New York Times: „Es ist doch offensichtlich, dass es hier um Rassismus geht. Was sollte es sonst sein?“. Der Bürgermeister der 120.000-Einwohner-Stadt, Joe Riley, sprach von einer „unaussprechlichen und herzzereißenden Tragödie“. Es sei unerklärlich, wie jemand es fertig bringe, Menschen zu erschießen, während sie Gott anbeten. „Eine böse und hasserfüllte Person“ sei für die Tat verantwortlich, so Riley. Unter den Opfern befindet sich auch der Pastor der Gemeinde, Staatssenator Clementa Pinckney.
Nach der Tat: Menschen beten auf den Straßen von Charleston
Unmittelbar nach der Tat versammelten sich Christen in den Straßen von Charleston zum Gebet. „Wir brauchen dich jetzt, gib uns Kraft, füll uns mit deinem Heiligen Geist, denn der ist es, der unsere Stadt zusammenhält“, sagte ein Mann, der eine Gruppe im Gebet leitete. Die Gouverneurin des Bundesstaates, Nikki Haley, zeigte sich fassungslos: „Wir werden nie verstehen, was jemanden veranlasst, eines unserer Gebetshäuser zu betreten und so vielen das Leben zu nehmen.“ Sie werde für die Angehörigen der Opfer beten. Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Jeb Bush sagte eine für den 18. Juni in Charlotte geplante Wahlkampfveranstaltung ab.
Zweiter Vorfall innerhalb von zwei Monaten
Vor zwei Monaten geriet Süd Carolina bereits einmal in die Schlagzeilen, als ein weißer Polizist im benachbarten Nordcharleston den unbewaffneten Schwarzen Walter Scott erschoss. Der Polizist wurde inzwischen des Mordes angeklagt. Die Tat führte zu massiven Protesten der schwarzen Minderheit, die in dem Bundesstaat etwa 28 Prozent der Einwohner ausmacht. Erst Anfang Juni erließ das aus Senat und Repräsentantenhaus bestehende Parlament des Bundesstaats ein Gesetz, wonach Polizisten künftig während ihrer Einsätze Kameras am Körper tragen müssen. Der ermordete Pastor Clementa Pinckney war einer der Senatoren, der das Gesetz eingebracht hatte.
Eine der ältesten Kirchen von Schwarzen in den USA
Seine Kirche wurde 1816 von Sklaven gegründet und ist damit eine der ältesten schwarzen Gemeinden der USA. Sechs Jahre später wurde sie von weißen Rassisten nach einem Aufstand von Afroamerikanern, der aus der Gemeinde hervorging, niedergebrannt. Die Kirche wurde wieder aufgebaut, jedoch mussten von 1834 bis zum Ende des Bürgerkriegs 1865 Gottesdienste im Untergrund stattfinden, da sich Schwarze in dem von Rassentrennung geprägten Südstaat nicht zu Gottesdiensten versammeln durften. Das jetzige Gebäude stammt aus dem Jahr 1891.