27.06.2015

Europa: Sollten sich Kirchen gegen Anschläge wappnen?

Hilfswerk bietet Kurse an – Sicherheitsexperten sehen derzeit keine akute Gefahr

Europa: Sollten sich Kirchen gegen Anschläge wappnen?

Hilfswerk bietet Kurse an – Sicherheitsexperten sehen derzeit keine akute Gefahr

London (idea) – Nach den jüngsten islamistischen Terroranschlägen in Frankreich und Tunesien stellt sich die Frage, ob auch Kirchen in Europa bedroht sind. Am 26. Juni erschossen Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS) an einem Strand nördlich des Urlaubsortes Sousse gezielt ausländische Touristen. Mindestens 39 Personen wurden getötet, darunter auch Deutsche, Briten und eine Irin. Zuvor hatte ein radikal-islamischer Attentäter in einer Flüssiggasfabrik nahe der französischen Stadt Lyon einen Unternehmer enthauptet und dann mehrere Explosionen verursacht. Bereits am 19. April hatte die französische Polizei bei der Durchsuchung der Wohnung eines 24-jährigen algerischen Studenten Kriegswaffen und Informationsmaterial gefunden, aus dem hervorging, dass er Anschläge auf eine oder zwei Kirchen am Stadtrand von Paris geplant hatte. Im Januar hatten islamische Terroristen in Paris 17 Menschen bei Angriffen auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt umgebracht. Die Frage, ob sich Kirchen in Westeuropa gegen Anschläge islamischer Terrororganisationen wappnen sollten, ist allerdings umstritten. Das christliche Hilfswerk „Barnabas Fund“ (Pewsey/Südwestengland), das sich für verfolgte Christen einsetzt, bietet solche Schulungen an. Einzelheiten gebe man aus Sicherheitserwägungen nicht bekannt, erklärte ein Sprecher des Hilfswerks.

Sicherheitsexperte: Nicht überreagieren

Der britische Sicherheitsexperte und Politologe Prof. Anthony Glees (Buckingham bei London) hält solche Kurse für eine Überreaktion. Ihm seien keine geheimdienstlichen Informationen bekannt, dass IS solche Anschläge plane, sagte er der anglikanischen Zeitung „Church Times“ (London). Zwar sei es denkbar, dass IS-Anhänger so etwas beabsichtigen, aber es gebe keine stichhaltigen Hinweise, dass sie dazu in Westeuropa in der Lage wären. Dennoch sollte man wachsam sein. Allerdings seien jüdische Einrichtungen viel stärker gefährdet als Kirchen.

Anschläge auf Kirchen im Mittleren Osten und Nigeria

Fawaz Gerges, Professor für internationale Beziehungen an der Universität „London School of Economics“, hält kirchliche Anti-Terrorschulungen für „Quatsch“. Anschläge auf solche Ziele hätten für IS und das Terrornetzwerk „El Kaida“ keine Priorität. Das Kursangebot von Barnabas Fund könne daher kontraproduktiv wirken. Es bestärke IS in der Annahme, dass Kirchen in Angst und Schrecken verfallen. Man spiele zudem muslimischen Extremisten in die Hand, die sich als „fünfte Kolonne“ in der westliche Gesellschaft verstünden. Im Irak und Syrien hat IS zahlreiche Kirchen zerstört sowie Christen vertrieben oder getötet. Auch der nigerianische Verbündete von IS, Boko Haram (Westliche Bildung ist Sünde), verübt immer wieder Anschläge auf Kirchen.