29.06.2015
Ukraine: "Solidarität der EU verdient"
Ralf Haska kehrt aus Kiew nach Deutschland zurück
Kiew (idea) – Die Ukraine und ihre Bürger haben die Solidarität der Europäischen Union (EU) verdient. Eine Unterstützung beispielsweise beim Aufbau demokratischer Strukturen oder durch finanzielle Hilfen ist wünschenswert. Diese persönliche Meinung vertrat der Pfarrer der deutschen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Katharina in Kiew, Ralf Haska, im Gespräch mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Er wird nach sechs Jahren in der Hauptstadt der Ukraine mit seiner Familie nach Deutschland zurückkehren. Am 5. Juli findet der Verabschiedungsgottesdienst statt. Haska sagte weiter: „Die Regierung ist gewillt, Reformen durchzuführen und Hilfe anzunehmen. Die Ukraine hat sich auf den Weg gemacht, eine wehrhafte Demokratie zu werden.“ Die „Revolution der Würde“, wie die Ukrainer die Ende 2013 auf dem zentralen Kiewer Platz „Maidan“ begonnenen Umwälzungen nennen, habe die Menschen verändert: „Sie sind aus ihrer Lethargie erwacht und wollen Verantwortung übernehmen.“ Doch der andauernde Krieg im Osten des Landes zehre an den Nerven und den Ressourcen: „Die Bürger befinden sich seit anderthalb Jahren in einem psychischen und physischen Ausnahmezustand.“
Haska: „Ich wünsche der Ukraine Frieden“
Er hoffe, dass Russland durch die EU in die Schranken gewiesen werde: „Putin spielt ein sehr schlimmes Spiel. Er lügt öffentlich, ohne sich dafür zu schämen.“ Denn weiterhin werde der Krieg von Russland geschürt, obwohl das Abkommen von Minsk verlange, dass die Grenzen gesichert und kein Kriegsmaterial ins Land gebracht werde. Er habe selbst gesehen, welche Zerstörungen im Osten angerichtet worden seien: „Ich wünsche der Ukraine Frieden und hoffe, dass das Sterben endlich aufhört.“
Auf der Suche nach geistlicher Heimat
Ferner beobachtet Haska, dass die Revolution und der Krieg viele Menschen über den christlichen Glauben nachdenken lasse: „Ich erlebe, dass sie auf der Suche nach einer geistlichen Heimat sind. Sie haben das Bedürfnis, ihren Weg mit Jesus zu gehen.“ Immer wieder kämen neue Besucher in den Gottesdienst seiner Kirche, und Erwachsene nähmen verstärkt am Konfirmandenunterricht teil. Die Revolution habe auch die etwa 300 Mitglieder seiner Gemeinde verändert. Während der Auseinandersetzungen auf dem Maidan seien verletzte Demonstranten in der Kirche medizinisch versorgt worden. Haska: „Wir haben plötzlich nicht mehr nur finanzielle Hilfe aus Deutschland empfangen, sondern konnten selbst anderen helfen. Wir dürfen Gott sei Dank auch gebende Gemeinde sein.“ Weiterhin unterstütze man Flüchtlinge aus dem Osten der Ukraine und schicke Hilfspakete in die umkämpften Gebiete. Ihn beeindrucke sehr, wie hilfsbereit auch Kiewer mit geringem Einkommen seien: „Sie kämpfen ums Überleben und schauen trotzdem, wie man anderen helfen kann. Das bewundere ich.“ Es erinnere ihn an die Geschichte der armen Witwe im Markusevangelium (12,41-44). Haska war einer internationalen Öffentlichkeit bekannt geworden, als er sich am 9. Dezember 2013 im Talar auf dem Maidan zwischen Demonstranten und Polizisten stellte, um blutige Auseinandersetzungen zu verhindern. Der 48-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder. Seine neue Stelle in Marktleuthen (Oberfranken) wird er am 1. September antreten. Von den 45,5 Millionen Einwohnern der Ukraine sind etwa 75 Prozent Mitglieder orthodoxer Kirchen, vier Prozent Muslime, 2,7 Prozent Protestanten und 2,4 Prozent Katholiken. Der Rest ist konfessionslos oder gehört anderen Religionen an.