27.03.2015
Nigeria: Anglikanischer Unterhändler beschuldigt korrupte Politiker
Warum die Befreiung entführter Schülerinnen scheitert
Nigeria: Anglikanischer Unterhändler beschuldigt korrupte Politiker
Warum die Befreiung entführter Schülerinnen scheitert
Abuja (idea) – Seit fast einem Jahr sind mehr als 200 entführte nigerianische Schülerinnen in der Hand der radikal-islamischen Terrororganisation Boko Haram (Westliche Bildung ist Sünde). Sie hatte am 14. April 2014 in Chibok (Bundesstaat Borno) 276 Mädchen verschleppt; die meisten kommen aus christlichen Familien. 57 konnten entkommen; von den übrigen fehlt jede Spur. Sie wurden nach Berichten von Entflohenen fast täglich vergewaltigt oder als Sex-Sklavinnen an Muslime verkauft. Als Folge des Missbrauchs haben inzwischen einige Babys zur Welt gebracht. Alle Bemühungen, die Geiseln zu befreien, sind fehlgeschlagen. Ein Unterhändler, der seit Mai vorigen Jahres hinter den Kulissen mit Boko Haram verhandelt, ist der australische Anglikaner Stephen Davis. Er war Direktor des Internationalen Zentrums für Frieden und Versöhnung an der Kathedrale von Coventry (Mittelengland). Außerdem hatte er Kontakte zu einer Vorläuferorganisation von Boko Haram.
Geiseln werden auch im Ausland gefangen gehalten
Wie Davis dem Informationsdienst World Watch Monitor mitteilte, sind mehrere Versuche, die Schulmädchen freizubekommen, in letzter Minute gescheitert. Er habe recht bald erfahren, dass die Verschleppten in Gruppen aufgeteilt worden seien und nicht nur in Nigeria, sondern auch in Kamerun, Niger und dem Tschad gefangen gehalten würden. Einmal sei es vier Mädchen gelungen zu entkommen, aber Boko Haram habe den Fahrer umgebracht, der sie in Sicherheit bringen sollte. Die Mädchen hätten sich in einem wochenlangen Fußmarsch von Kamerun nach Nigeria durchgeschlagen.
Korrupte Politiker unterstützen Boko Haram
Drei weitere Male habe er über eine Freilassung verhandelt, aber zur Übergabe der Geiseln sei es nie gekommen. Der Grund: Wegen der in Nigeria grassierenden Korruption verfolgten mächtige Personen eigennützige Interessen und sabotierten die Bemühungen um eine Freilassung. Bei den Unterstützern von Boko Haram handele es sich um politisch einflussreiche Kreise. Sie wollten zeigen, dass ein christlicher Präsident nicht in der Lage sei, den inneren Frieden zu gewährleisten.
Unfassbare Gräueltaten
Laut Davis machen sich die Terroristen die modernen Medien zunutze, um mit ihren Gräueltaten in das Rampenlicht der Weltöffentlichkeit zu geraten. Der Australier plädiert deswegen für einen Medienboykott. Gleichzeitig müssten aber die Kirchen weltweit dem Leiden der verfolgten Christen größere Aufmerksamkeit schenken und im Gebet für sie einstehen. Die Familien, die Anschlägen von Boko Haram ausgesetzt gewesen seien, könnten Geschichten von Abschlachtungen, Vergewaltigungen und unfassbarem Missbrauch erzählen. Zudem habe allein die anglikanische Kirche im Nordosten Nigerias 60 Kirchen durch Anschläge verloren. Hinzu kämen mindestens ebenso viele katholische Gotteshäuser und drei bis viermal so viele Pfingstgemeinden. Die Christen fühlten sich weitgehend im Stich gelassen.
Boko Haram entführt weiter Frauen und Kinder
Erst am 24. März hatte Boko Haram im Ort Damasak (Bundesstaat Borno) nach Augenzeugenberichten bis zu 500 Frauen und Kinder entführt sowie etwa 50 Personen ermordet. Wenige Tage zuvor hatten Soldaten aus dem Tschad ein Massengrab in Damasak entdeckt. Sie fanden die sterblichen Überreste von rund 100 Personen, die geköpft oder erschossen worden waren. Seit 2009 hat die Terrororganisation bei Anschlägen auf Kirchen, Schulen, Polizeistationen und Kasernen mindestens 13.000 Menschen getötet. Boko Haram hat sich mit der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) verbündet. Beide setzen in ihren „Kalifaten“ in Westafrika und dem Nahen Osten das Religionsgesetz Scharia mit brutaler Härte durch. Am 28. März finden in Nigeria die wegen zahlreicher Terroranschläge verschobenen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Um das höchste Staatsamt bewerben sich der amtierende Präsident, der Christ Goodluck Jonathan, und der frühere General Muhammadu Buhari, ein Muslim. Von den 173 Millionen Einwohnern des westafrikanischen Landes sind etwa 50 Prozent Muslime und 48 Prozent Kirchenmitglieder. Die übrigen sind Anhänger von Naturreligionen. Die Christen leben meist im Süden und die Muslime im Norden.