14.11.2015

Frankreich: Kirchen rufen zum Gebet auf

Mindestens 128 Tote und 200 Verletzte bei zeitgleichen Anschlägen an sechs Orten

Frankreich: Kirchen rufen zum Gebet auf

Mindestens 128 Tote und 200 Verletzte bei zeitgleichen Anschlägen an sechs Orten

Paris (idea) – Mit Entsetzen haben Vertreter aus Politik, Kirche und Gesellschaft auf die Terroranschläge von Paris am 13. November reagiert. Nahezu zeitgleich waren an sechs verschiedenen Orten der französischen Hauptstadt Anschläge verübt worden. Mindestens 128 Menschen starben, rund 200 weitere wurden verletzt; 99 von ihnen sollen sich in einem kritischen Zustand befinden. Sieben Attentäter sollen sich nach dem Überfall auf eine Konzerthalle und bei Anschlägen in der Nähe des Fußballstadion Stade de France in die Luft gesprengt haben. Ein achter Angreifer wurde Medienberichten zufolge von der Polizei erschossen. Augenzeugenberichten zufolge sollen die Täter aber auf Arabisch „Allah ist groß“ gerufen haben. Mittlerweile hat sich die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) zu den Anschlägen bekannt.

Frankreich ruft Ausnahmezustand aus

Frankreichs Präsident François Hollande verhängte den Ausnahmezustand über das ganze Land. Es ist das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg. Rund 1.500 zusätzliche Soldaten wurden zum Schutz der Hauptstadt entsandt. Im Großraum Paris bleiben am 14. November zahlreiche öffentliche Einrichtungen geschlossen, etwa Museen, Bibliotheken, Sporthallen, Schwimmbäder und Universitäten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach dem französischen Volk ihr Mitgefühl aus: „Wir, die deutschen Freunde, wir fühlen uns Ihnen so nah. Wir weinen mit Ihnen. Wir werden mit Ihnen gemeinsam den Kampf gegen die führen, die Ihnen so etwas Unfassbares angetan haben.“ Dieser Angriff auf die Freiheit gelte nicht nur Paris, „er meint uns alle, er trifft uns alle“. Merkel: „Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror.“ Deshalb sei es wichtig, diese Werte für ganz Europa zu bekräftigen.

Bundeslandwirtschaftsminister: Anschläge missachten jede Werteordnung

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) verurteilte die Attentate scharf: „Diese Anschläge sind mörderisch, jede Werteordnung missachtend und brutal“, sagte er am Rande der Landesversammlung des Evangelischen Arbeitskreises (EAK) der CSU in München gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Sie seien durch keine Religion zu rechtfertigen. Er erwarte von den führenden Vertretern der Muslime in Europa, dass sie sich mit den Christen solidarisierten und die Anschläge entschieden verurteilten, so Schmidt, der Vorsitzender des EAK der CSU ist: „Ich würde hier jedes Schweigen als schlimm empfinden.“ Zugleich zeigte er sich überzeugt, dass der EKD-Ratsvorsitzende und bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (München) und die EKD durch den interreligiösen Dialog dazu beitragen, dass die friedliebenden Muslime diese Attentate gemeinsam ablehnen werden: „Ich erwarte in allen Zentren, in denen Diskussionen stattfinden, dass klar gesagt wird: Das sind nicht unsere Wege, davon distanzieren wir uns deutlich, da gibt es keine Grauzonen.“

EKD und Bischofskonferenz: Wir beten für die Opfer

Auch die beiden großen Kirchen brachten ihr Mitgefühl zum Ausdruck. „Wir sind tief erschüttert über die hasserfüllte Welle der Gewalt in Paris“, erklärten der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm (beide München). Ihre Anteilnahme gelte den Opfern und Angehörigen: „Wo die Worte über die unfassbaren Taten versagen, ist für uns Christen Zeit zu beten. Wir beten für die Opfer!“ Die Anschläge seien ein Anschlag auf alle Menschen und auf Europa: „Als Christen und über Religionen und Weltanschauungen hinweg werden wir trotz des Terrors zusammenstehen.“

Schweigeminute in der sächsischen Landessynode

Die Synode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens begann ihre Tagung in Dresden mit einer Schweigeminute. Landesbischof Carsten Rentzing (Dresden) sprach den Opfern und Hinterbliebenen sein Mitgefühl aus: „Wir selber werden uns durch Verbrecher aber nicht davon abbringen lassen, allen Menschen mit dem Geist des Friedens gegenüberzutreten.“ Rentzing warnte, davor, eine ganze Religion – den Islam – in Sippenhaft zu nehmen. Das wäre „unfair und unredlich“. Auch der Vorsitzende der Kirchenleitung der Nordkirche, Gerhard Ulrich (Schwerin), warnte davor, die Anschläge von Paris zu missbrauchen, um in der gegenwärtigen Flüchtlingssituation in Deutschland Hass und Angst zu schüren: „Terror ist weder mit dem Islam noch mit Religion überhaupt zu rechtfertigen.“

Zentralrat der Muslime verurteilt „feigen und perfiden Massenmord“

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland verurteilte „diese schrecklichen und orchestrierten Kriegsattacken gegen die Menschlichkeit“ auf Schärfste. „Wir sind tief erschüttert über diesen feigen und perfiden Massenmord“, erklärte deren Vorsitzender Aiman Mazyek (Köln). Man stehe solidarisch an der Seite Frankreichs und trauere um die vielen Opfer. Mazyek: „Diese Terroristen führen Krieg gegen die Menschlichkeit und damit auch direkt gegen den Islam.“ Ihr Ziel, Panik, Hass und Zwietracht zwischen den gesellschaftlichen Gruppen und Religionen zu säen, werde aber nicht aufgehen. Er appellierte an Medien und Politik, „den Terroristen nun nicht auf dem Leim zu gehen, indem ihre pseudo-religiösen Begründungen unkritisch übernommen werden und damit der Vereinnahmung des Islam weiter Vorschub geleistet wird“.

Kongress über Christenverfolgungen wird erweitert

Die Anschläge in Paris beschäftigen auch den Kongress „Christenverfolgung“ im Christlichen Gästezentrum Schönblick (Schwäbisch Gmünd), der am 14. November mit einem Jugendprogramm beginnt. Das Programm werde um die Fürbitte für die Opfer und für die Verantwortlichen in Politik und für die innere Sicherheit erweitert, teilte Kongressleiter Kuno Kallnbach der Evangelischen Nachrichtenagentur idea mit. Der Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Prof. Rainer Rothfuß (Tübingen), werde ein Seminar über die Strategien der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) anbieten. In einem weiteren Workshop berichte die syrisch-orthodoxe Nonne Hatune Dogan (Warburg/Westfalen) über Hilfen für Frauen, die durch die barbarischen Vergewaltigungen durch IS-Mitglieder traumatisiert sind.