23.11.2015

Deutschland: Forderungen der Ev. Ausländerseelsorge

Forderungen orientalischer Christen an Kirche und Gesellschaft

Deutschland: Forderungen der Ev. Ausländerseelsorge

Forderungen orientalischer Christen an Kirche und Gesellschaft

Die Evangelische Ausländerseelsorge e.V. mit ihrem Zweig Arab. Evang. Gemeinde Stuttgart und fast 200 Arabisch sprechende Menschen aus 8 arabischen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens und Nordafrika, die zu einer viertägigen Konferenz in Schwäbisch Gmünd versammelt waren, fordern Kirche und Gesellschaft in Deutschland auf:

Unterstützen Sie vertriebene Minderheiten während und nach ihrer Flucht aus ihren Heimatländern, insbesondere diejenigen, die keine Fluchtalternative haben, und das sind vor allem Christen und Konvertiten.

Unsere Forderungen betreffen den Schutz von Minderheiten in ihrer Unterkunft und eine Altfallregelung für Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak.

Darüber hinaus bitten wir die Gemeinden: Helfen Sie den in Deutschland angekommenen christlichen Flüchtlingen und Konvertiten, hier eine neue Heimat zu finden.

Auch wenn es vielen angesichts der dramatischen Bilder vom Balkan und von überfüllten Erstaufnahmeeinrichtungen nicht opportun erscheint – was für uns erschreckende und verstörende Bilder sind, ist für die betroffenen Menschen Realität. 

Wir begrüßen die Aussage von Bundeskanzlerin Merkel „Wir schaffen das!“ Andere Zielländer der aus Syrien und dem Irak Flüchtenden, wie Jordanien, Libanon und die Türkei, stehen vor ungleich größeren Problemen als Deutschland. Das lässt uns die Zumutungen, die unser Land betreffen, in einem größeren Rahmen sehen.

Allerdings weisen wir darauf hin, dass zum Gelingen der Herausforderung durch die Flüchtlinge einige Rahmenbedingungen nötig sind, dass man die "Verhältnisse in vernünftige Bahnen lenken" (Merkel) lenken muss.

Als orientalische Christen fordern wir vor allem die beiden großen Kirchen dazu auf, sich für die Belange ihrer Glaubensgeschwister stark zu machen und mitzuwirken, dass unsere Forderungen auf politischer Ebene umgesetzt werden können.

1. Erleichterung der Flucht von orientalischen Christen nach Europa und Deutschland.

Da Christen im Orient eine (ver)schwindende Minderheit geworden sind, spiegelt sich dies in der Zahl der Flüchtlinge wider. Es gibt Berichte, wonach sie durch die muslimische Mehrheit der Antragsteller beim UNHCR und bei den deutschen Auslandsvertretungen an den Rand gedrängt werden. Wir fordern daher die Einrichtung von Anlaufstellen bzw. Sachbearbeiter in den Nachbarländern Syriens und Iraks, die sich speziell um die Belange der orientalischen Christen kümmern, damit ihre Ausreisen gewährleistet werden.

2. Flüchtlinge herbergen

Wir fordern die deutsche Gesellschaft, vor allem kirchlichorientierte Menschen dazu auf, ihre schon länger leerstehenden Wohnungen und Häuser für christliche Flüchtlinge zu öffnen und zu fairen Preisen zur Verfügung zu stellen. Hierzu zählen ebenfalls leerstehende Immobilien in kirchlichem Besitz. Wir begrüßen, was Landesbischof Dr. July diesbezüglich schrieb:

„Positive Beispiele wie die Vermietung von längerfristig leerstehenden Pfarrhäusern oder das Angebot von privaten Mietwohnungen durch Gemeindeglieder zeigen, dass Flüchtlingen in ihrer existentiellen Not geholfen werden kann.“

Solch ein konkreter Schritt ist ein sichtbares Zeichen der Solidarität und der Willkommenskultur und trägt in hohem Maß zur Integration von Neuankömmlingen bei. Ein erwartetes Ja ihrerseits zur hiesigen Kultur und Gesellschaft kann nur durch ein vorausgeschicktes Ja der aufnehmenden Gesellschaft erlangt werden.

3. Sicherheit in Gemeinschaftsunterkünftenfür die christliche Minderheit:

Aufgrund unserer langjährigen Begleitung von Flüchtlingen fordern wir die zuständigen Behörden dazu auf, bei der Unterbringung auf traumatisierte orientalische Christen und verfolgte Konvertiten besondere Rücksicht zu nehmen. Einemenschenwürdige Flüchtlingspolitikgeht sensibel mit der Vergangenheit der Flüchtlinge um und hilft ihnen, die traumatischen Erlebnisse in den Herkunftsländern aufzuarbeiten. Dabei sollten wir uns in Erinnerung rufen, dass die Vorfahren vieler der jetzt geflohenen Christen durch die Jahrhunderte hinweg immer wieder Verfolgungssituationen ausgesetzt waren; einige der Vorfahren der heutigen Christen aus Syrien und dem Irak sind vor genau 100 Jahren während des Genozids aus der Türkei geflohen. Damals durfte ihr Schicksal aufgrund militärischer Bündnispolitik nicht publik werden.  

Wir erleben jedoch, dass ihnen eine Unterkunft zugewiesen wird, in denen sie auf engstem Raum mit jenen zusammenleben, die Gruppen angehören, die fluchtursächlich waren. Damit werden Wunden der Traumatisierung wieder aufgerissen. Auch wird das Aufspüren von Aufenthaltsorten von Konvertiten für Verfolger leichter gemacht. Uns wird sehr häufig von sozialer Kontrolle durch Islamisten in Unterkünften berichtet; diese betrifft liberale Muslime, Atheisten, Konvertiten und Christen, die dadurch immer wieder massiv bedrängt werden. Menschen, die vor Unterdrückung geflohen sind, dürfen in Deutschland nicht wieder um ihre Leben fürchten müssen.

Es ist umstritten, ob eine Trennung nach Religionszugehörigkeit angestrebt werden sollte, um Konfliktpotential zu verringern. Wir plädieren für eine solche Trennung in Unterkünften, wenn keine ausreichende soziale Betreuung gewährleistet ist. Helfer und Sozialbetreuer müssen geschult werden für Anzeichen religiöser Unterdrückung und diesen entschieden entgegentreten.

Am einfachsten wäre es, Minderheiten den Gemeinschaftunterkünften zuzuweisen, die in kirchlicher Trägerschaft sind. Dazu wäre eine überregionale Vernetzung notwendig, die sicherstellt, dass bei Bedrängnissituationen umgehend und unbürokratisch Sicherheit gewährleistet werden kann.

Wer den Schutz unseres Landes in Anspruch nimmt, muss lernen, seinerseits mit anderen in Toleranz und Frieden zu leben. Das erfordert von Anfang an eine Erziehung in den Grundwerten unserer Verfassung.     

4. Lockerung der Bürgschaften für orientalische Christen:

Menschen, die Bürgschaften für Verwandte und Freunde ausstellen, um ihnen die Flucht zu ermöglichen, dürfen nicht für ihre Solidarität und ihr Mitgefühl bestraft werden, indem die Garantierenden monate-,  ja teilweise jahrelang für die Lebenskosten und Gesundheitsfürsorge der gebürgten Personen aufkommen müssen. Wir fordern das BAMF und die Ausländerbehörden auf, von dieser Praxis abzusehen und solche Aufenthalte in einen Flüchtlingsstatus zu verwandeln, damit diese Menschen in das Sozialsystem aufgenommen werden können. Es kann nicht angehen, dass den bürgenden Menschen für die Wirren der Weltpolitik eine solch enorme finanzielle Last auferlegt wird.

Es ist tragisch genug, dass Flüchtlinge Heimat- und Besitzverluste hinnehmen mussten und dann allein auf die Güte und Barmherzigkeit ihrer Garanten angewiesen bleiben! Daher plädieren wir für eine umgehende Lockerung der Bürgschaften und Entlastung der bürgenden Personen.

5. Altfallregelung:

Eine Altfallregelung für syrische und irakische Flüchtlinge ist überfällig. Viele sind bereits vor dem Jahr 2011 gekommen. Diese Menschen haben heute - wie alle anderen Flüchtlinge aus der Region - keine Möglichkeiten der Rückkehr. Dennoch stecken sie immer noch in juristischen Verfahren, die auch finanziell belastend sind. Wir fordern die Politik zu einer Altfallregelung auf, damit sie mindestens eine ähnliche Behandlung wie die Neuankömmlinge erfahren und dass ihnen, die teils gut integriert sind, durch eine weitreichende Altfallregelung endlich Rechtssicherheit verschafft wird.

Wir begrüßen die Aussage von Bundeskanzlerin Merkel „Wir schaffen das!“ und werden selbst alles in unseren Möglichkeiten Stehende tun, dazu beizutragen.

Pfr. Dr. Hanna Josua, Geschäftsführer der Evang. Ausländerseelsorge e.V. und Pfarrer der Arab. Evang. Gemeinde in Stuttgart

Tel. 07191/903525, Fax: 07191/906445, e-mail: Josua@auslaenderseelsorge.com

Stuttgart, am 13.10.2015