13.09.2015
Ungarn: Säkularismus und Flüchtlinge
Obwohl Ungarn ein reiches theologisches Erbe hat, haben viele Ungarn die Verbindung zum Evangelium verloren. Sie suchen Antworten in Materialismus, Hedonismus, Alkohol und zunehmend in falschen Religionen. Die postmoderne Mentalität ist vorherrschend. Es gibt eine „Spiritualität“, nach der man sich das aussucht was einem gefällt, was im Effekt nicht religiös ist. Die Offenheit der 1990er Jahre nach dem Fall des Kommunismus ist vorbei und die Christen finden es zunehmend schwierig offen Zeugnis zu geben, denn im Interesse der „Toleranz“ gibt es Einschränkungen, und es ist verboten, am Arbeitsplatz über den Glauben zu reden.
Obwohl die Kirche mancherorts unter Druck steht, hat sie an anderen Orten auf die Herausforderungen durch innovative Dienste reagiert, die im ganzen Land entstehen. Evangelikale haben die Vision, in jeder Stadt, Kleinstadt oder Dorf in Ungern eine Kirche zu gründen. Millionen von Menschen, selbst wenn sie nominell Christen sind, haben meist nur eine oberflächliche Kenntnis vom christlichen Glauben. Vielerorts ist der Widerstand gegen das Evangelium hoch.
Junge Menschen sind weiterhin eine der empfänglichsten Gruppen, die auf liebevolles und kulturell geeignetes Zeugnis reagieren. Religionsunterricht ist in hunderten von christlichen Schulen und in öffentlichen Schulen, die solchen Einfluss begrüßen, immer noch möglich. Kinder- und Jugendprogramme in Kirchen können wirkungsvoll sein, oft unterstützt durch Organisationen, die lose mit Kirchen verbunden sind. Jugendkonventionen im großen Stil haben sich als attraktiv erwiesen und an den Universitäten gibt es Werke, die unter Studenten arbeiten. Jugendlager und Sommerprogramme waren ebenfalls erfolgreich.
Quelle: WorldNews Sept.2015- Übersetzung AKREF
Bericht aus Röszke an der ungarisch-serbischen Grenze
Da viele der Flüchtlinge mit dem Zug nach Österreich und Deutschland gefahren sind, haben wir beschlossen, die Arbeit auf zwei Orte aufzuteilen: einige bleiben in Budapest und ein paar andere fahren an die ungarisch-serbische Grenze. Wir haben unsere Agenten vorgeschickt, denn das Ehepaar Muzslai wohnt in Szeged und auch Attila Kereszi ist nicht weit entfernt. Als sie vor Ort waren, waren keine ungarischen Organisationen unter den Helfern, die Hilfsgüter verteilt haben, es waren lediglich ausländische Privatpersonen, die den Hunderten neuen Ankömmlingen geholfen haben. Auf der Fahrt dorthin haben wir in drei Geschäften alle Bananen aufgekauft. Als wir endlich in Röszke ankamen, sahen wir ca. 30-40 Polizeiwagen, die auf dem Weg zum Kornfeld waren und ein Helikopter über dem Feld, dass die gerade vom Sammelpunkt ausgebrochene Flüchtlinge suchte. Wir wurden zwar nicht in die Empfangsstation gelassen, aber die Freiwilligen des Roten Kreuzes haben sich über unsere Hilfsgüter gefreut – sie waren die einzigen Helfer in der Station.
Los geht’s in die ungarische Puszta! Wir haben die Beinschienen gesucht, auf der sich seit Wochen Flüchtlinge anstelle von Zügen bewegen. Wir haben in der Nähe das Auto abgestellt, nach dem besten Ort gesucht und unseren Tisch aufgestellt. Die 100 kg Bananen wurden von allen mit einem Lächeln empfangen, nur die Kinder haben sich noch mehr über die Stofftiere gefreut. Die Flüchtlinge kamen einer nach dem anderen und haben sich ruhig in die auf die Busse wartende Schlange gestellt. Jene, die an unserem Tisch gestoppt haben, haben wir gefragt woher sie kamen und wir haben versucht ihnen ein paar nette Worte zu sagen. Am Ende haben wir uns immer mit „Gott segne Sie!“ verabschiedet. Einige sprachen Englisch und wir konnten sie fragen, wohin sie gehen möchten und was ihre Pläne sind. Sie haben ganz offen alles erzählt: sie kamen aus Nigeria, Mali, Kongo, Afghanistan, Irak und natürlich auch aus Syrien.
Ein Vater hielt seine 1-Monat alte Tochter auf dem Arm. Ich ging zu ihm und er sprach recht gut Englisch. Er hat erzählt, dass er Syrer ist und an einem Öl-Bohrturm gearbeitet hat und hat dann gleich dazu gesagt, dass er nach Norwegen gehen möchte, um dort an einem Bohrturm Arbeit zu finden. Fast alle Menschen konnten uns genau sagen, was ihr Reiseziel war und wer genau sie dort erwartet. Es waren viele Menschen mit individuellen Hintergründen und Lebensgeschichten.
Es war herzzerreißend, das bittere Weinen einer Mutter zu hören. Ihre Kinder sind in der großen Menge verlorengegangen, sie konnte sie nicht finden. Es war auch überraschend, viele Teenager Jungs zu sehen, die in kleineren oder größeren Gruppen unterwegs waren, in nur einem T-Shirt und sonst ohne jegliche Habseligkeiten. Wir fragten uns was sie wohl für eine Zukunft erwartet, ob sie noch studieren können oder so leben können, wie andere Jugendliche. Es schien, als hätten sie das Tor zum wahren Leben sehr früh überqueren müssen.
Ein Teil der Flüchtlinge, die in der Sammelstelle ankam, liess sich vom Geschehen treiben – offizielle Verfahren der Behörden, Transporte, usw. – andere wiederum wollten nicht einmal in die Nähe der Sammelstelle kommen, um zu vermeiden, dass Polizisten sie einfangen und zur Registrierung zwingen. „Auf keinen Fall geben wir denen unsere Fingerabdrücke!“ – sagten viele von ihnen und rannten direkt in das Kornfeld.
Die Aktivität der freiwilligen Privatpersonen und Organisationen vor Ort bestand darin, den Ankömmlingen schnell Wasser und Essen zu geben und wenn nötig, Kleidung oder eine Decke. Die Freiwilligen sind auch für das Aufräumen und die Einsammlung des Mülls zuständig. Die weiterziehende Menschenmasse hinterlässt alles, was als unnötiger Ballast angesehen wird, um so wenig wie möglich tragen zu müssen. Sie hinterlassen Zelte, Isomatten, alte Schuhe, Kleidung und Reste von Lebensmitteln. Wir wurden mit Fragen hinterlassen: wo soll das alles hinführen? Als Christen jedoch müssen wir das notwendige tun und den Hungernden Brot geben, den Durstenden Wasser – ganz unabhängig von unseren Fragen oder von der Nationalität oder Religion der Notdürftigen.
Verlassene in Budapest
Es ist kein gutes Gefühl, zu sehen, wie viele Flüchtlinge in den Korridoren, auf den Treppen und den Durchgängen am Ostbahnhof in Budapest ausharren. Gut wäre es zu sehen, dass diese Menschen in Sicherheit in ihrem eigenen Land leben können unter normalen menschlichen Zuständen. Jetzt sind sie aber hier unter uns und so dachten wir, wäre es nur recht, wenn wir versuchen würden ihnen zu helfen.
Gemeinsam mit dem OM Mission haben wir zwei Tage lang Tee, Kaffee, Bananen, Äpfel, Schokolade und Wasser an die Flüchtlinge in Budapest verteilt. Neben der praktischen Hilfe wollten wir uns auch um seelische Sachen kümmern und hatten deshalb arabische Neutestamente, sowie Faltblätter auf Arabisch, Paschtu, Farsi und Urdu dabei.
Obwohl es momentan in der Hauptstadt nicht mehr so viele Flüchtlinge gibt, kam eine kleine Menge zusammen, als wir unsere Tische aufstellten. Die meisten kamen aus Afghanistan und haben ihre Zelte in einem Park aufgestellt oder die Decken direkt auf das Gras gelegt. Wie die meisten, wollten auch sie nach Deutschland reisen, um dort zu lernen, zu arbeiten und für ihre Familien eine Existenz aufzubauen.
Man kann die Flüchtlinge nicht alle unter einen Hut nehmen, denn jeder hat sein eigenes Schicksal und seine eigene Geschichte. So haben wir z.B. eine Mutter getroffen, die Apothekerin ist und mit ihrer Tochter davon träumt, in Deutschland Asyl und Arbeit zu finden, damit die Tochter später Medizin studieren kann. Andere wieder haben nicht einmal Träume: eine junge syrische Lehrerin erzählt, dass sie nur den Krieg hinter sich lassen möchten und sich noch nicht auf die Zukunft konzentrieren kann. Wir haben auch ein junges Ehepaar angetroffen, dass vor einem Monat geheiratet hat: der Ehemann ist Ingenieur und er hofft, dass sie irgendwo aufgenommen werden und dass er bald Arbeit findet.
Die meisten Flüchtlinge sind Muslime, aber viele freuen sich, wenn wir für sie beten und lesen auch die christlichen Faltblätter. Einer bedankt sich für den Kaffee mit „God bless you“ (Gott segne Dich). Wir fragen ihn, an welchen Gott er wohl denkt, denn wir helfen ihnen im Namen von Isa (Jesu Name auf Arabisch). Auch die Faltblätter erklären ihnen, dass es uns leid tut, was mit ihnen geschehen ist und dass wir ihnen als Christen Hilfe leisten. Die meisten verstehen, wer wir sind und es gibt auch welche, die antworten, dass sie an Isa glauben, Jesus verehren. Einer von ihnen greift nach dem arabischen Neuen Testament und küsst es, als Ausdruck seiner Gefühle. Natürlich sind die meisten Flüchtlinge im Islam aufgewachsen und somit halten sie sich für Folger von Allah.
Der Ostbahnhof leert sich langsam und mit der Zeit sind mehr Helfer anwesend, als Flüchtlinge. Die Zeit vergeht und die Züge mit den letzten Flüchtlingen fahren ab, vielleicht in eine bessere Zukunft für sie. Ihre Leidensgenossen sind jedoch in der Zwischenzeit an der ungarischen Grenze angekommen und liefern ständigen Nachschub an Menschen – die Geschichte ist also noch lange nicht vorbei, es gibt immer noch Notleidende, denen geholfen werden muss.
Quelle: Osteuropamission und AKREF Österreich